Warum wir mehr als ein Bündel Neuronen sind

Otto F. Kernberg und Manfred Lütz sind sich einig, dass es eine höhere geistige Wirklichkeit gibt

Ein Psychotherapeut, mit dem ich gut befreundet bin, erzählte mir einmal folgende Geschichte: In seiner dreijährigen Lehranalyse habe er dem ihm zugeteilten Therapeuten jede Woche von sich selbst, seiner Lebensgeschichte, seinen Gefühlen und seinen Träumen erzählt. Der ältere Therapeut sei ihm gegenüber regelmäßig mit geschlossen Augen gesessen und habe als einzigen Satz immer nur gesagt: „Hier sieht man Ihre Suche nach Ihrer Identität.“ Ansonsten habe er sich vollkommen an das Prinzip der sogenannten „neutralen Aufmerksamkeit“ des Therapeuten gehalten und weder kommentiert noch beraten noch sonst irgendwie eine kreative Leistung erbracht. Am Ende wiederholte mein Freund nach drei Jahren seine Therapie bei einer angesehenen Therapeutin, die dann doch aktiver und hilfreicher war und wurde selbst ein kluger und angesehener Seelenhelfer.

„Was hilft Psychotherapie?“ – so heißt der Titel eines kleinen, aber sensationellen Bändchens, in dem der anerkannte deutsche Psychotherapeut Manfred Lütz mit dem Altmeister der Psychotherapie Otto Kernberg spricht. Kernberg begegnete in seiner Kindheit noch Sigmund Freud, stammt wie dieser aus Wien und hat mit seinen Forschungen zum Phänomen des Narzissmus bahnbrechende Arbeiten vorgelegt. Während des Dritten Reichs musste er als Jude nach Südamerika flüchten, heute lebt er an der Ostküste der USA. Dass er jetzt im stattlichen Alter von 92 Jahren noch immer forscht und praktiziert – und das mit Erfolg –, spricht für ihn.

Selbsthass ist der größte Feind des Menschen

Das Spannende dieser schriftlichen Aufzeichnung eines dreitägigen Gesprächs zweier führender Psychotherapeuten ist der so möglich gewordene Blick in die Herzkammer des Unbewussten und der Psychotherapie, weil sich die beiden in aller Offenheit über ihre Erfahrungen und ihre Tätigkeit austauschen. Man muss ja bedenken: Psychotherapeuten begegnen all den Problemen, die uns im täglichen Leben selbst beschäftigen, an dem Punkt, wo Menschen die Kontrolle über sie verlieren: Ehrgeiz, Rivalität, Liebe und Hass, Aggression und Wut, mörderische Gedanken oder sogar Handlungen, Beziehungsfähigkeit oder ihr Gegenteil.

Der größte Feind des Menschen ist nach Otto Kernberg sein Selbsthass: „Patienten mit extrem selbstzerstörerischen Tendenzen, deren Hauptziel es ist, sich langsam zu zerstören und die darin einen Triumph über das Leben, über ihre Mitmenschen, einen Triumph über alles sehen. Sie erleben, während sie sich selbst langsam zerstückeln, ihre Macht über Leben und Tod.“ Aber es gibt auch die Kehrseite davon. Nicht jeder Mensch, der durch Grenzerfahrungen hindurchgeht, ist gleich ein Fall für den Psychotherapeuten: „Die Fähigkeit, sich zu deprimieren, Angst zu haben, ist normal angesichts der Enttäuschungen und Gefahren des menschlichen Lebens. Wenn ein Mensch ein Versagen erlebt, einen Verlust, eine Liebesenttäuschung dann ist es völlig normal, deprimiert zu sein. Wenn er sehr darunter leidet, sollte er das mit einem Freund besprechen und nicht mit einem Therapeuten.“

Überhaupt zitiert Kernberg gerne Sigmund Freud, der sagte, das Ziel des Lebens sei ganz einfach: arbeiten und lieben zu können. Und ganz wichtig: Kein Mensch sei allein, jeder sei Teil eines für ihn entscheidenden Beziehungsgeflechts, das am Ende seine innere Welt werde, in der und aus der er lebe.

Am faszinierendsten wird der Text gegen Ende des Gesprächs, als beide Therapeuten, obgleich Naturwissenschaftler, einräumen, dass es hinter der Welt des Unbewussten und ihren faszinierenden Motiven eine Welt des Geistigen geben müsse, die man im weitesten Sinne mit dem Begriff Gott umschreiben könne. Otto Kernberg: „Ich glaube immer weniger, dass wir die Idee Gottes selber schaffen, weil wir durch Liebe, Aggression und Konflikte doch so beschränkt sind, dass eine ewige Wahrheit nicht bloß in uns, sondern über uns realistischer ist als eine Vorstellung, dass wir uns da nur eine Ersatzfantasie schaffen.“

Von diesem Selbst- und Weltverständnis her schlägt Kernberg dann auch den Bogen zur Kritik an der modernen Hirnforschung, die glaube, dass ein Mensch bloß ein Bündel von Neuronen und aktivierten Reizmechanismen sei. Aus der Erkenntnis, dass „eine gewisse Konzentration von ein paar Hundert Millionen Neuronen, die genau zusammenpassen und so perfekt organisiert sind, dass sie mit einer gewissen Frequenz, die wir feststellen können, kommunizieren und mit dieser Frequenz entwickelt sich dann die Möglichkeit etwas zu spüren“, lässt sich für Kernberg genau nicht schlussfolgern, dass der Mensch kein Leib-Seele-Wesen sei. Er sagt: „Was mich erstaunt, ist, dass die Neurobiologen einfach darüber hinweggehen, ohne auch nur eine Sekunde einen Gedanken daran zu verlieren.“

Zärtlichkeit und Harmonie als Garanten der Liebe

Und auch der das Interview führende Manfred Lütz stimmt dem zu, wenn er von einem personalen Gott spricht, der bei aller naturwissenschaftlich messbaren Energie, die im Menschen und in der Welt da ist, „etwas Personales“ und „nicht eine energiereiche Molekülaransammlung“ sei. Manfred Lütz: „Wenn ich die religiöse gute Erfahrung der Liebe zusammennehme mit der ebenso religiösen Intuition einer zwecksetzenden Intelligenz, eines vernünftigen Willens, der die Welt geschaffen hat, dann kommt da kein Monster heraus, sondern für mich der christliche personale Gott, zu dem man Du sagen kann, zu dem man beten kann.“

Und noch zwei andere Aspekte machen das Interview der beiden Psychotherapeuten spannend. Der erste ist die politische Bewertung der Welt heute am Beginn des 21. Jahrhunderts. Otto Kernberg weigert sich zwar, von seinem Schreibtisch aus Donald Trump in einem klinischen Sinn zu bewerten, aber er sagt am Ende doch: „Der bösartigste und gefährlichste ist für mich Putin. Aber der verrückteste ist Trump, der hat da in seiner Großartigkeit, Unfähigkeit und Unehrlichkeit keinen Rivalen. Er ist eine Gefahr für die Demokratie.“

Mit solch einem traurigen Blick auf die Welt will uns der berühmte und liebenswürdige Psychotherapeut dann doch nicht entlassen. Darum gibt er uns am Ende noch einen Einblick in das, was eine gute Beziehung zwischen zwei liebenden Menschen für ihn ausmacht: „Es ist wichtig, dass man sich für die Wertesysteme des anderen interessiert und da mitfühlen kann, sodass, um es zusammenzufassen, eine solche Beziehung auf einer emotionalen Innigkeit und Zärtlichkeit, einer sexuellen Freiheit und einer Harmonie der ethischen und allgemeinen Wertesysteme beruht. Das ist für mich eine glückliche Liebe. Wer das erreicht, sollte dankbar dafür sein, dass er einen Menschen gefunden hat, mit dem er so eine Beziehung erleben kann.“

Dieses kleine Gespräch von nicht einmal 200 Seiten ist eine zauberhafte Lektüre. Sie ist spannend und lehrreich zugleich.

Straubinger Tagblatt vom 25. September 2020

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