Beckenbauers Bilanz

„Der Ball war mein Freund“, so titelte die ARD ihre Reportage, in der sie nochmals das Leben des Kaisers Franz Beckenbauer beleuchtete, um sie zu seinem 70. Geburtstag auszustrahlen. Da waren sie noch einmal, all die Momente, die das Fußball-Deutschland vor allem der 70er-Jahre geprägt haben. Die Zauberpässe, die beginnende Erfolgsgeschichte von Bayern München, der Sieg bei der Weltmeisterschaft in München 1974. Mittendrin immer der Kaiser. Später der Trainer, auch hier die Bayern und dann der Sieg bei der Weltmeisterschaft 1990. Jahrzehnte später der Erfinder des Sommermärchens. Am Ende die Schatten. Ungeklärte Fragen um Geldflüsse, die es im Umfeld der Organisation dieser Weltmeisterschaft gegeben hat.

Dabei sind letztlich auch diese beiden Geldflüsse heute weitgehend geklärt. Das eine war eine Zahlung von einem Wettanbieter, für den Beckenbauer in Person tatsächlich warb, die mit 5,5 Millionen Euro wohl überhöht dotiert war und die über den DFB abgerechnet wurde. Juristisch nichts Strafbares, allerdings war der Satz des Kaisers, dass sein Einsatz rund um die Uhr für sein Heimatland rein „ehrenamtlich“ gewesen sei, auf diese Art und Weise interpretationsbedürftig, um es vorsichtig zu sagen. Der andere Geldfluss ist der bekannte Kredit über gut sechs Millionen Euro von Robert Louis-Dreyfus, mit dem sich Beckenbauer wohl bei der Übertragung von Fußballspielen am Rechtehandel als „stiller Beteiligter“ in Stellung brachte. Alles zusammen also rund zwölf Millionen Euro, um die es ging und die nicht ganz im Licht der Wahrheit oder gar der Öffentlichkeit verhandelt wurden.

Was dann folgte, ist bekannt: Eine regelrechte Rufmordkampagne setzte ein, Beckenbauer war das bestimmende Thema in den Medien, das Fußballmärchen sei gekauft, alles im Nachhinein schlecht gewesen. So sehr es verwundert, dass Leute überhaupt auf den Gedanken kommen, dass bei der Vergabe von Fußballweltmeisterschaften immer alles mit rechten Dingen zugeht, für Beckenbauer war diese unerwartete Entwicklung der Dinge fatal. Endlich konnte man dem Glückskind, über dem ein Leben lang immer die Sonne zu scheinen schien, am Zeug flicken. Alle Neidreflexe, die man vorher so mühsam zu unterdrücken hatte, konnten jetzt mit hoher Aggressivität und Rücksichtslosigkeit ausgelebt werden. An den Stammtischen, in den Medien, wo auch immer. „Ja, ist denn heut schon Weihnachten?“ – dieser Werbeslogan, den man mit Beckenbauer so gerne verband, fiel ihm jetzt mit aller Wucht vor die Füße – und der Kaiser verstand nicht, wie ihm geschah.

Der Rest ist bekannt. Große Herzprobleme, Rückzug aus der Öffentlichkeit, am Ende der frühe Tod des geliebten Sohnes. Zum 30. Jahrestag des Gewinns der WM in Rom trafen sich Trainer, Spieler und Freunde letzte Woche nochmals in der Toskana und Beckenbauer sang tatsächlich sein Lied „Gute Freunde kann niemand trennen“. Auf dem Bild, das es in den Zeitungen gab, sieht man einen Mann, zu dem das Attribut „Kaiser“ nicht mehr so recht passen will: Gezeichnet von den Rückschlägen steht der Franz inmitten der Freunde von damals. Und bei der Fernsehdokumentation der ARD ist ein arg geschwächter Kaiser nur mehr im Telefoninterview zu hören, der sich wundert, weshalb man ihm so übel mitgespielt hat.

Aber das ist doch das typisch deutsche Phänomen: Wenn’s ums Geld geht, dann hört hierzulande der Spaß auf. Das war schon bei Helmut Kohl so, der mit seinen im Vergleich doch recht kleinen schwarzen Kassen genau der Partei dienen wollte, die ihn dann am Ende regelrecht ausschloss. Was war die Einheit Deutschlands und Europas schon, verglichen mit dem Sachverhalt, dass Kohl einen einstelligen Millionenbetrag nicht sauber deklariert hatte. Sein Vorgänger Helmut Schmidt war es, der den ehemals ungeliebten Nachfolger rehabilitierte, indem er kurz vor seinem Tod mit ihm zusammen in der Wochenzeitung Die Zeit einen Artikel verfasste, in dem die beiden mahnten, dass es Sicherheit in Europa nur zusammen mit Russland, aber nicht ohne oder gegen Russland geben könne. Aber für die Dauernörgler, die das Geld so begehrend in den Vordergrund schieben, ist wahrscheinlich auch der Frieden in der Welt weniger wichtig als die Frage, ob finanztechnisch alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Was sind dagegen die echten Verbrechen, wo es um Geld oder die Zukunft von Menschen geht? Zum Beispiel, dass es ein windiger Laden wie Wirecard tatsächlich in den Dax schafft und drei Milliarden (!) Euro vorgeblich hat, die gar nicht existieren. Wie viele Menschen wurden hier wirklich geschädigt! Oder die Deutsche Bank: kein Skandal, an dem sie nicht in irgendeiner Form beteiligt ist. Den eigenen Börsenwert längst ruiniert und aus Amerika die kaputtesten Anlageformen importiert, die am Ende die weltweite Finanzkrise vor zwölf Jahren auslösten. Den Schaden haben immer noch die kleinen Anleger, die fürs Alter etwas auf die Seite gelegt zu haben glaubten. Da ist echter Schaden entstanden. Oder auch bei der Autoindustrie, die sich über Jahre weigerte, einen Paradigmenwechsel hin zu mehr Umweltfreundlichkeit auch nur anzudenken und stattdessen immer noch größere SUVs für den Stadtverkehr auflegte. Ob Franz Beckenbauer von einem Wettanbieter Geld bekam oder sich etwas ungeschickt am Rechtehandel für Fußballspiele beteiligte, das ist doch ein Witz, verglichen mit den echten Baustellen, die es da gibt.

Hinzu kommt auch noch eines: Gerade in den großen Konzernen gibt es häufig eine Unkultur des männlichen Korpsgeistes im Sinne des vermeintlichen Erfolgs, die es den einzelnen Mitarbeitern gar nicht mehr möglich macht, zu widersprechen oder sich in Freiheit zu entfalten. Ein Klima der duckmäuserischen Anpassung. Das sind heute die echten Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft. Eine Atmosphäre der Angst, die Leben zerstört. Etwa bei VW in den Jahren von Martin Winterkorn, vor dem offensichtlich selbst leitende Mitarbeiter oft genug einfach nur Angst hatten. Wie soll da eine heilsame Dynamik entstehen, die den Menschen im Unternehmen oder auch in der gesamten Gesellschaft zum Wohl gereicht. Wie menschenfreundlich war dagegen Beckenbauers Devise für seine Mitarbeiter: „Geht’s naus und spuits Fuaßball!“

„Die Kasse muss stimmen.“ Der Satz ist so richtig, wie er auch falsch ist. Bei wem stimmt die Kasse schon, davon handelt das ganze Neue Testament. Eher muss man doch darauf achten, ob Schaden entsteht für den Mitmenschen, oder auch darauf, was jemand wirklich eingebracht hat in eine Gesellschaft, in die Welt, in der er lebte und handelte. Und wenn wir da zu Franz Beckenbauers 70. Geburtstag ein wenig Bilanz ziehen, dann müssen wir doch sagen, dass die insgesamt ganz gut aussieht.

Straubinger Tagblatt vom 17. Oktober 2020

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