Sehnsucht nach dem anderen

Das erste Kapitel der Corona-Krise ist geschrieben. Auch für uns Zeitungsverlage hat es enorme Einsichten erbracht. „Totgesagte leben länger.“ Noch nie hatten wir in den letzten Jahrzehnten eine solche Nachfrage nach dem gedruckten Wort. Viele Neubestellungen, fast stündlich Anrufe von Lesern, die sich bedanken wollten dafür, dass ihre Zeitung gerade jetzt in der Krise erscheint. Und das nicht nur in Straubing, Landshut oder München, nein, diese Entwicklung ging durch die ganze Republik.

Dasselbe gilt für unsere digitalen Auftritte. In dieser ersten Phase der Krise, die uns noch bis Ende nächsten Jahres massiv beschäftigen wird, waren es gerade die Internetauftritte der Zeitungen in ganz Deutschland, wo die Reichweiten geradewegs durch die Decke gingen. In der Krise geht es eben um die seriöse, um die echte Information. Und die findet sich nicht bei RTL 2 oder den verschiedenen Chatrooms des Cyberspace, wo man in der Regel noch nicht einmal genau weiß, mit wem man gerade spricht.

Überhaupt, das Fernsehen. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen galt vielen gerade noch als Auslaufmodell. Jetzt schaltete ganz Deutschland bei der Tagesschau oder dem Heute-Journal des ZDF rechtzeitig ein, um buchstäblich im Bild zu sein. Man war dankbar für die Claus Klebers dieser Welt oder auch für Armin Wolf, der im ORF 2 seit Jahren zeigt, was seriöser Nachrichtenjournalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu leisten imstande ist. Und gerade Markus Lanz, der viel geschmähte, der seinen Gästen so gerne ins Wort fällt, nahm sich fast wissenschaftlich viel Zeit, um mit Politikern und Fachleuten in allem gebotenen Ernst jeden Tag wieder neu zu erforschen, wo wir wirklich stehen. Auch das hob sich von dem Talkshow-Trash, den wir so oft erlebt haben, äußerst wohltuend ab. Und wenn wir schon von der Wissenschaft reden: Von Leschs Kosmos bis hin zu all den Wissenschaftsredakteuren, die es in den großen Zeitungen dieses Landes gibt – es wurde schon erkennbar, was für eine Qualität unsere traditionellen Medien anzubieten haben.

Knapp 30 Jahre gibt es die Welt des Internets jetzt. Und es zeigt sich: Das ist auch nur ein Spieler in der Medienwelt und es macht das, was es seit Jahrhunderten gibt, bei Weitem nicht überflüssig. Das Buch nicht, das doch kein Mensch auf der kalten Oberfläche des Computers lesen will, und gerade auch die Zeitung nicht, die man so bequem zusammenfalten kann, wenn man auf dem Weg ist und sich die Zeit erst nehmen muss, um sich ein wenig in sie zu vertiefen. Im Jahr 2000 würde es sie nicht mehr geben, sagten die Zukunftsforscher Mitte der 1990er-Jahre. Die Zukunftsforscher aus dieser Zeit leben zum großen Teil nicht mehr, aber die Zeitungen sind immer noch quicklebendig. Es war auch ein Irrtum, zu denken, dass eine Geschichte, die vor mehr als 400 Jahren begann, in so ganz kurzer Zeit nichts mehr wert wäre. Alle Zeitungen des letzten Jahrtausends sind immer noch da und die Wochenzeitung Die Zeit hat gerade die Auflagenhöhe von 500 000 Exemplaren durchbrochen. Und das bei dem Anspruch, der von diesem Blatt ausgeht – das ehrt ihre Leser.

Überhaupt die Zeit! Wer ernsthaft meint, dass eine Innovation wie die digitale Welt in ihrer Bedeutung und in ihren Wirkungen sofort verstanden und berechnet werden könnte, der sollte eher Gartenarbeit machen. Gesellschaftliche Veränderungen, die unser ganzes Alltagsverhalten beeinflussen, entwickeln sich über Generationen – und nicht von heute auf morgen. Und auch der Vorwurf, dass die Zeitungen es vor 20 Jahren verschlafen hätten, ihre Angebote im Netz sinnvoll zu bepreisen, ist völliger Blödsinn. Wer im Netz verkaufen wollte, war damals im Netz nicht da. Und umgekehrt: Wer damals im Netz da sein wollte, durfte dort nichts verlangen! Der zögerliche Weg der Zeitungen ins Netz, der dort einerseits die Zeitungen als virtuellen Mitspieler etablierte und andererseits die gedruckten Auflagen nicht überflüssig machte, war genau der goldene Weg in die heutige Welt. Die gedruckten Auflagen der Zeitungen sind immer noch enorm hoch und im Netz sind die User heute bereit, für seriöse Informationen auch zu bezahlen. In dieser Mischform ihrer Angebote haben die Zeitungshäuser von gestern als Medienhäuser von heute und morgen längst wieder eine Zukunft.

Und eines darf auch gesagt werden: Während die großen Dax-Konzerne, die gerade mit den Autos und mit den Versicherungen noch Milliarden verdient haben, entweder sofort nach dem Staat schreien oder als Versicherungen erklären, dass sie im Schadensfall gar nicht zuständig seien, haben die Zeitungen von Anfang an erklärt, dass sie vom Staat kein Geld nehmen würden. Weil wir unabhängig bleiben wollen. Nur für die Zustellung auf dem Land braucht es bei steigenden Mindestlöhnen bessere Rahmenbedingungen, sonst geht das dort auf lange Sicht nicht mehr. Und das wäre auch schlimm für die Demokratie: denn Lesen bildet. Immer noch. Auch heute.

Und die Schulen? Grauenhaft waren sie, die digitalen Schulstunden. Geruchlos, geschmacklos – und ohne Beziehung zum anderen. „Reine Digitalformen sind nachweislich schlechter als interaktiver analoger Unterricht oder Mischformen analoger und digitaler Varianten.“ So sagt es der Hirnforscher Henning Beck, um hinzuzufügen: „Der beste Unterricht ist bloß mit einer Schiefertafel möglich. Sobald man digitale Medien dafür nutzen muss, muss man auch das didaktische Konzept hinterfragen.“

Und die Videokonferenzen, die man als Geschäftsmann jetzt über sich ergehen lassen musste? Selbst die Partner, von denen man bisher dachte, man wäre schon sehr bereit, auf ihre Gegenwart zu verzichten – wie hat man sich danach gesehnt, selbst die endlich wieder von Angesicht zu Angesicht zu erleben, zu spüren, zu sprechen.

Es ist nur das erste Kapitel der Corona-Krise, das jetzt zu Ende gelesen ist. Aber schon das war unendlich lehrreich. Das Schützenswerte der Natur – wer wollte jetzt einfach so blind weitermachen wie bisher? Die Sehnsucht nach der Gegenwart des anderen Menschen – hoffentlich bleibt sie lebendig. Aber eben auch: Der Wert der Medien, die in dieser Demokratie über Jahrzehnte hervorragende Dienste geleistet haben – auch das wurde so überdeutlich sichtbar.

Professor Thomas Pollmächer, Leiter des Zentrums für psychische Gesundheit im Klinikum Ingolstadt, schreibt über Menschen in Ausnahmesituationen: „Alter, Armut, Wohnungslosigkeit, Heimunterbringung, geistige oder seelische Behinderung, Sucht und andere psychische Erkrankungen machen es für die Betroffenen unmöglich, für viele Wochen die Folgen physischer Distanz ohne schwere negative Folgen für ihr psychisches Gleichgewicht zu überstehen.“ Machen wir uns nichts vor: Eine fortdauernde Isolation führt uns alle in eine psychische Ausnahmesituation. Und deshalb sollten wir uns jetzt auch ändern. Mitmenschlichkeit neu beleben – es wird sich lohnen!

Straubinger Tagblatt vom 16. Mai 2020 

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