Leitartikel: Künstliche Intelligenz – Sprechen bleibt eine Sache des Menschen

In einem zauberhaften Text erzählt die Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ Kathleen Hildebrand vor wenigen Tagen eine berührende Geschichte: An einem Samstagabend hat die Familie Gäste, es ist schon spät, als plötzlich auf ihrem Handy eine Nachricht aufploppt; eine bekannte Schauspielerin ist gestorben – und sie soll einen Nachruf in der Zeitung schreiben. Einer der geladenen Gäste ruft ihr zu: „Warum machst du’s nicht mit KI?“ Sicher, es ist schon spät und wahrscheinlich hat man auch das eine oder andere Glas Wein getrunken. Da fällt es nicht leicht, sich hinzusetzen und einen persönlichen Nachruf zu schreiben. Aber die Redakteurin wehrt sich gegen die Erleichterung ihrer beruflichen Situation und schreibt: „Der Gast hätte genauso gut vorschlagen können, die Kinder doch einfach zur Adoption freizugeben. Oder den Abwasch zu verbrennen.“ Denn worum es beim Schreiben gehe, „ist die Tatsache, dass da ein Mensch hinter dem Text steht oder vielleicht mehr mit krummem Rücken sitzt“.
Schreiben hat, so die Autorin, immer etwas „Subjektives“. Schreiben handle von Leben, und was „kann eine Maschine dazu sagen, eine körperlose Datensammel- und Kompilationsmaschine, die nie Liebeskummer hatte oder ein aufgeschlagenes Knie“? Das endgültige Resümee von Kathleen Hildebrand: „Dem Schreiben und Nachdenken über das Menschsein hat sie (gemeint ist die KI) nichts hinzuzufügen. Weil es unsere Angelegenheiten sind. Nicht die der Maschinen.“
Im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ findet sich ebenfalls in der vergangenen Woche ein Text, der sich mit demselben Thema befasst. Beim „Spiegel“ war der Einsatz von künstlicher Intelligenz bisher erlaubt, wenn der Text eines Autors dennoch „maßgeblich“, wie die Statuten das formulierten, von ihm stammte. Aber in der großen Redaktionskonferenz des Hauses gab es eine Rebellion gegen dieses „maßgeblich“. Denn Autoren sind Autoren sind Autoren – und es verletzt offensichtlich nicht nur ihren Stolz, wenn Maschinen ihre Texte mitschreiben dürfen.
Dirk Kurbjuweit, seit drei Jahren Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, notiert: „Denken und Schreiben bilden zusammen ein Zentrum meines Lebens. Wäre ich nicht verrückt, würde ich mir beides von der künstlichen Intelligenz wegnehmen lassen? (…) Ich bin Menschenfreund geblieben, lasse mich immer wieder begeistern, faszinieren, entzücken. Nichts interessiert mich mehr als das, was Menschen tun (…). Die KI hat kein Gemüt, keine Leidenschaft. Sie kann das vielleicht simulieren, kann uns in allem nachäffen, aber sie kann nichts empfinden. Sie bleibt vornehmlich auf die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten beschränkt, also auf Zahlen, Prozentwerte.“ Am Ende der Redaktionskonferenz steht ein klarer Beschluss des Hauses: Das Wort „maßgeblich“ wird gestrichen, die Texte sollen ausschließlich Texte der Autoren sein und bleiben!
Das Thema KI beim Sprechen von Politikern und Schreiben in den Zeitungen ist in den letzten Wochen viel diskutiert worden. Ein Ministerpräsident in diesem Land hat vor seinem Landtag mit ernstem Blick tatsächlich eine Rede vorgetragen, die gar nicht von ihm war, sondern von der KI. Und Mathias Döpfner, umstrittener Konzernchef bei „Bild“ und anderen Springer-Medien, vertrat öffentlich eine Position, die mehr als KI-freundlich war, gerade auch, was Texte in Zeitungen angeht. Zudem meinte er, dass es regelrecht die Aufgabe eines Digitalministers der Bundesregierung sei, seine Reden von der KI verfassen zu lassen. Wer, wenn nicht er, so fragte er in aller Deutlichkeit.
Ich kenne Mathias Döpfner gut. Er ist nett. Allerdings spüre ich in jedem Gespräch mit ihm, dass seine letzte Erfahrung, die mit dieser Welt zu tun haben könnte, wohl mehr als 1.000 Jahre zurückliegt. Die abgehobene Welt der ganz Reichen führt offensichtlich bis in den Kopf hinein zu seltsamen Abstraktionen, damit man in dieser Welt mit dieser Welt nichts mehr zu tun haben muss. Und ein Ministerpräsident, der eine von der KI gemachte Rede vor den Fernsehgeräten seines Landes den Bürgerinnen und Bürgern als seine eigene vorträgt, ist für mich ein Rücktrittsfall. Seltsam, dass der Protest gegen solche Perversion des Sprechens am Ende in diesem Land nicht lauter war! Ein Politiker, der nicht mehr fähig oder willens ist, sein eigenes Denken in einer Ansprache, die von ihm – und wenn es sein muss, mithilfe von ein paar Edel-Sherpas – gemacht ist und auch von ihm vorgetragen wird, selber zu denken und auszusprechen, ist eine Zumutung für die Demokratie. Er schadet dem Land und dem Ansehen von Politikerinnen und Politikern aller Parteien aus der Mitte der Gesellschaft.
Sprechen ist ein zutiefst persönlicher Vorgang! Was in uns ist, was in uns vorgeht, im Sprechen versuchen wir, davon Zeugnis abzulegen. Niemals können wir all das mit unserem Sprechen ausdrücken, was wir erleben und erfühlen. Und doch ist das Sprechen die Brücke zum Mitmenschen, zum Anderen. Sprechen heißt vor allem Inhalt, den wir mitteilen wollen, den anderen als anderen zu erkennen, ihn anzunehmen – und ihn ansprechen zu wollen. Mit ihm zu sein. Sprechen stiftet Mitmenschlichkeit. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sowohl im Gespräch oder in Vorträgen, aber auch bei Texten in Zeitungen.
Worte wollen gewogen sein, denn auch beim Sprechen gilt das Maß des Kaufmanns: dass die Welt einerseits unendlich reich ist – und es viel zu sagen gibt, aber dennoch das, was gesagt wird oder auch gesagt werden kann, immer auch begrenzt ist. Worte müssen kostbar bleiben: Es gibt viel zu sagen, es gilt viel zu sagen, aber am Ende gibt es beim Sprechen immer auch eine Grenze, da man auseinandergeht und sich der Raum der Begegnung wieder mit Schweigen füllt. So bleibt Sprechen wertvolles Gut. Worte sind nur dann kostbar, wenn sie gezählt sind. Sprechen ist immer gebunden an Sprecher und Hörer, an Sender und Adressaten, Briefschreiber und Briefempfänger.
Sprechen bleibt eine Sache des Subjekts, des Menschen, eine künstliche Verobjektivierung des Sprechens durch die KI ist am Ende nur eine seelenlose Imitation. Plastik. Sie geht an den wahren Bedürfnissen von Menschen vorbei, die eben von anderen Menschen buchstäblich angesprochen sein wollen. Nicht umsonst formulieren wir: „Dieses Gespräch ist mir ans Herz gegangen.“
Und unsere Zeitung, unsere Mediengruppe? Ist doch klar: Wir lieben, was wir tun. Unsere Leserinnen und Leser mit künstlicher Intelligenz anzusprechen, das wollten wir von Anfang an nicht. Und bei dieser Devise bleiben wir auch!
Straubinger Tagblatt vom 3. Juli 2026