Leitartikel: AfD – Kein Interesse an der Wirklichkeit

Immer wieder wurde gesagt, dass die digitale Welt die Spielwiese der Psychopathen ist. Das ist sehr zutreffend. Alles, was gesagt werden kann, wird dort auch gesagt. Da gibt es keine Grenzen! Kein Wunder, dass so gerade die radikalen Parteien und Politiker dort ihr Unwesen treiben. Vor allem der AfD gelingt es, im Netz die Menschen aufzuhetzen. Warum ist das so? Warum gelingt das überhaupt? Das ist gar nicht so schwer zu begreifen.
Denn wir wissen heute, dass es zwischen der Wirklichkeit, in der wir leben, und unseren Erkenntnismöglichkeiten von dieser Wirklichkeit einen Riss gibt. Wir können nichts ganz wirklich erkennen. Jede Erkenntnis bleibt immer auch subjektiv. Wir können nicht ganz genau wissen, was im anderen vorgeht, wenn wir mit ihm sprechen. Ist er mit seinen Gedanken ganz woanders? Stimmt er mir wirklich zu – oder hat er eine ganz andere Meinung, die er mich aber nicht wissen lassen mag? Wer ist er am Ende überhaupt wirklich?
Wir haben schon eine Vorstellung davon, was im anderen vorgeht, wer der andere ist, aber ganz genau wissen wir es nicht. Und vor allem: Da draußen ist die ganze Welt! Was geschieht da wirklich? Wir sehen in unserem Alltag immer nur einen ganz kleinen Ausschnitt davon. Ist das, was in den Zeitungen steht oder abends in den Fernsehnachrichten verkündet wird, überhaupt das, was an entscheidenden Dingen wirklich vor sich geht?
Spätestens an diesem Punkt entstehen Verschwörungstheorien. Denn je stärker Menschen das Gefühl haben, dass ihnen ihr Leben entgleitet und dass es irgendwo eine andere Welt gibt, die ihnen vorenthalten bleibt und an der sie nicht teilnehmen können, desto stärker wachsen auch ihr Misstrauen und ihre Bereitschaft, jedem Rattenfänger aus Hameln, um ein Märchen zu zitieren, zu glauben.
Aber hier beginnt dann auch ein Teufelskreis. Denn je stärker Menschen sich von der analogen Wirklichkeit verabschieden, weil sie sie in ihrem Alltag nicht mehr ausreichend greifen oder auch erleben können und sich in die virtuellen Welten begeben, um „die Wahrheit“ zu finden, umso gravierender wächst auch ihr Misstrauen gegenüber jeder handfesten Wirklichkeit, die sie doch eigentlich suchen. Gerade das Netz betrügt sie! Denn gerade im Netz blühen die Falschmeldungen. Aber das spüren sie nicht mehr. An genau diesem Punkt setzen die politischen Verführer an. Von Donald Trump bis zur AfD.
Wer sich – widerwillig – die Mühe macht, einmal an einem Samstagvormittag nur eine Viertelstunde an einem Stand der AfD stehen zu bleiben, kann einen eingeübten Mechanismus erleben. Die Leute dort geben sich kumpelhaft und jovial. „Du bist doch auch ein netter Kerl“, das drücken sie in ihrem Verhalten und ihrer Ansprache gegenüber den Passanten aus. Die bleiben stehen – und schon sind sie in ein Gespräch verwickelt. Betrogen seien sie vom System, ob sie das nicht spüren könnten, das ist der Grundduktus, der von denen in die Wunde des Misstrauens, das es bei jedem Menschen gibt, Satz für Satz geträufelt wird. Und so wächst das Misstrauen in die Höhe. Das hat Trump in den USA auf höchstem Niveau vorgemacht, die AfD bedient exakt denselben Mechanismus. Die Leute gehen nach ein paar Minuten vom Stand der AfD weg und fühlen sich – tatsächlich – ein Stück weit abgeholt. Je mehr ihnen ihre Welt entglitten ist, umso empfänglicher sind sie für die Rattenfänger.
Wir wissen zwar, dass die AfD über keine einzige Antwort verfügt, die den Menschen in diesem Lande helfen könnte, eine bessere Wirklichkeit zu erfahren; aber das spüren jetzt erst einmal nur die Amerikaner, die Trump vertraut haben – und nun so bitter enttäuscht werden. Die in eine noch größere Armut abgleiten, wo sie doch hofften, von Trump erlöst zu werden, der sich aber nur die eigenen Taschen füllt. Doch die AfD-Sympathisanten schauen da nicht so genau hin.
Um die AfD ausreichend zu entlarven, ist es wichtig, zu verstehen, dass es für sie am Ende überhaupt keine objektiv gültige Wahrheit mehr geben darf, nicht einmal in Annäherungen, obwohl sie sich doch ständig im Duktus einer fundamentalen Wahrhaftigkeit gebärdet! Denn nur dann gewinnt ihre Verführungskraft zum Misstrauen die Oberhand. Deshalb ihr radikaler, laut ausgesprochener Zweifel an jeder Wissenschaft. An jedem Versuch, etwas wirklich erkennen zu können. Wir wissen zwar, dass es zwischen Wirklichkeit und Erkennen der Wirklichkeit einen Riss gibt; aber wir wissen auch, dass wir mithilfe der Wissenschaft etwas erkennen können, was dann doch Wirklichkeit ist. Wir sind nicht einem radikalen Relativismus ausgeliefert. Wir können uns in jedem aufrichtigen Gespräch und auch im aufrichtigen wissenschaftlichen Gespräch ein Bild von der Welt machen. Wir können Lösungsstrategien für Probleme entwickeln. Wir können uns der Wirklichkeit immer wieder neu annähern und etwas verstehen. Was dann auch gültige Wirklichkeit ist.
Die Propagandisten der AfD müssen wissenschaftliche Erkenntnis entwerten, damit ihre Verführungsstrategien möglichst gut greifen – und das Misstrauen bleibt. Beispiel: Während wir heute wissen, dass die Impfung, die zwar auch Folgeschäden hatte, gegen Corona dennoch der entscheidende Durchbruch gegen ein weiteres Massensterben in diesem Lande und auf der ganzen Welt war, gibt es aus gutem Grund eine große Schnittmenge von Corona-Leugnern, Impfgegnern und AfD-Sympathisanten.
Und das Gegenrezept? Die Politik der demokratischen Parteien muss gut sein. Sie muss helfen, eine gesellschaftliche Wirklichkeit zu schaffen, in der Menschen mit mehr Vertrauen in die Zukunft schauen. Von der Politik in Berlin bis hin zu den Bürgermeistern und Landräten, die vor Ort Wirklichkeit gestalten. Aber Vertrauen kann nicht nur von der Politik erzeugt werden. Jeder, der in unserer Gesellschaft an einer besseren Welt mitarbeitet – als Arzt, als Lehrer, als Krankenschwester, als Altenpfleger – ist ein Helfer im Kampf gegen die Misstrauensstrategien der AfD. Denn er hilft mit, dass Menschen Vertrauen in die Institutionen in diesem Land fassen. Wer krank wird, muss einen Termin bei einem guten Arzt bekommen – und zwar zügig. Wer eine Ausbildung macht, braucht gute Lehrer. Und wer in einem Unternehmen arbeitet, muss den Erfolg des Unternehmens am eigenen Leib spüren können. Die Politik muss dafür den geeigneten Rahmen schaffen. Aber wir Bürgerinnen und Bürger müssen uns in diesem Rahmen auch bewähren! Uns in unseren Berufen mit ganzer Kraft einsetzen, dass es fühlbar eine gute Wirklichkeit gibt für alle Menschen in diesem Land!
Straubinger Tagblatt vom 10. Juli 2026