Der Verlust der Wirklichkeit

Der Höhenflug von Donald Trump ist ein Symptom für unser narzisstisches und realitätsfernes Zeitalter

Von Professor Dr. Martin Balle

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit? Was wäre, wenn jeder Mensch als Welt nur einen Film sähe, der genau für ihn gemacht ist: Alle Menschen, die ihm begegnen, sind nur Attrappen, aufgebaut von einer transzendenten Macht genau für ihn, um mit ihm zu spielen.

Oder auch umgekehrt, aber doch verwandt: Nur ich bin wirklich, alles andere bleibt fremd, unzugänglich und nicht erkennbar. Der Mensch als Spieler, als wäre die Welt gar nicht wirklich, sondern nur Objekt seiner Fantasien. Es gibt so keine Geschichte mit dem anderen, keine Begegnung und auch keine Verantwortung.

Donald Trump hat das so gehalten, und so schreibt die mehrfach ausgezeichnete Kolumnistin der „Süddeutschen Zeitung“ Carolin Emcke brillant über den abtretenden amerikanischen Präsidenten: „Es gibt für diesen Präsidenten keine Vergangenheit. Nicht nur interessiert ihn nicht, aus historischem Wissen und Erfahrung zu lernen, es existiert überhaupt kein Gestern. Auch sein eigenes nicht. Es gibt für Trump keine Erinnerung an frühere Aussagen oder Positionen, die ihn binden könnten, die Vorstellung von Konsistenz ist ihm regelrecht zuwider. Der Präsident fühlt sich an nichts gebunden, nicht einmal an sich selbst einen Augenblick zuvor. Es gibt für Trump keine rationale Kontinuität, alles lässt sich jederzeit abbrechen, umkehren, bestreiten, was zuvor für ihn galt, hat keine Geltung über den Moment hinaus.“

Die Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit der Elite

In der Philosophie gibt es die Frage, ob ein Mensch ein Leben lang dieselbe Identität hat, die sich nur wandelt, oder ob die Brüche in einem Leben so groß sind, dass von einer kontinuierlichen Identität gar nicht gesprochen werden kann. Das entscheidende Argument derer, die sich aus gutem Grund für die Existenz einer lebenslangen Identität entscheiden, ist, dass der Mensch sich erinnern kann. In dieser seiner Erinnerung, die nur ihm selbst zugänglich ist, liegt nicht nur seine Identität, sondern auch die Verneinung der Austauschbarkeit seiner Person. Die berühmte „Ich-Perspektive“ (also nur ich bin ich) verbürgt den Wert der Nicht-Austauschbarkeit, die sich einem ausschließlichen Reden über den Menschen in der dritten Person (also dem Ansprechen von außen) widersetzt.

Trump will das nicht leben, nicht wahrhaben, und so ist seine Verweigerung von Verbindlichkeit und Erinnerung letztlich ein Anschlag auf die Menschenwürde. Oder auch auf den gesellschaftlichen Kodex, dass gilt, was gesprochen wird. Also auf die Verbindlichkeit von Sprache. Und so formuliert Carolin Emcke in einem zweiten Schritt in ihrem Essay vollkommend zutreffend: „Es gibt für Trump auch keine semantische Stabilität, jede Geste, jedes Wort kann jederzeit seine vorherige Bedeutung verlieren, wenn es ihm gerade gefällt. Sprache als gekoppelt an Sinn, als Bedingung und Möglichkeit von Verständigung, all das ist in den vergangenen vier Jahren zerschellt in Echtzeit.“

Der Psychiater Otto Kernberg hat sich zwar geweigert, Donald Trump aus der Distanz als Narzissten klinisch zu beurteilen, hat aber doch deutlich in diese Richtung gewiesen. Für den Narzissten verliert die Welt ihre Eigenbedeutung, nur noch er selbst ist für sich wirklich und da. Dieser Weltverlust ist aber zugleich ein Sprach- und Bedeutungsverlust. Bei einem Politiker, der sich gerade um die Welt kümmern soll, eine Katastrophe!

Warum fast die Hälfte der Amerikaner abermals einen offenkundig Wahnsinnigen zum Präsidenten wählen wollte und vor allem auch gehobene gesellschaftliche Schichten nicht ausreichend auf Distanz zu Trump gingen, begründet der Harvard-Professor Michael Sanders in seinem Buch „Vom Ende des Gemeinwohls“ recht einsichtig. In einem Interview – ebenfalls mit der „Süddeutschen Zeitung“ vor wenigen Wochen – sagte er: „Das kommt auch daher, dass die Erfolgreichen, bestimmte Berufs- und Bildungszweige der festen Überzeugung sind, dass sie ihren Erfolg nur sich selbst verdanken. Und dass diejenigen, denen es nicht so gut geht, es satthaben, dass auf sie herabgesehen wird. Dass die Erfolgreichen ihre Verdienste mit einer enormen meritokratischen (das bedeutet: es ist alles mein Verdienst, dass es mir so gut geht) Überheblichkeit zelebrieren und darüber vergessen, welche Rollen Glück und Schicksal dabei spielen. Sie vergessen außerdem, was sie der Gesellschaft schulden, der sie angehören und die die Voraussetzungen für ihren Aufstieg geschaffen hat. Aus diesem Grund haben wir den Bezug zum Gemeinwohl verloren. Weil wir glauben, dass wir alles alleine geschafft haben, dass wir vollkommen selbständig handeln. Je stärker wir die Welt so sehen, desto weniger können wir uns in andere hineinversetzen.“

Die gesellschaftlichen Eliten haben für ihn also ebenfalls eine narzisstische Perspektive, während die gesellschaftlich Abgehängten aus einer begründeten narzisstischen Verletzung handeln. Aus beiden Lagern hat Trump viele Stimmen geholt. Von den Siegern und – so paradox das auch ist – von den Verlierern. Dass dennoch Joe Biden die Wahl gewonnen hat, am Ende auch noch recht überzeugend, bedeutet vor diesem Hintergrund den Beginn der Rückkehr einer sozialen Wirklichkeit, die wieder einen gemeinsamen gesellschaftlichen Horizont für die Bürger in den Vereinigten Staaten von Amerika ausdifferenzieren kann. Eine Welt, in der Menschen anderen Menschen wieder wirklich begegnen, mit allen Problemen, die das mit sich bringt.

Trumps Glaube, die Realität selbst herstellen zu können

Und hier in Europa, in Deutschland? Unter dem Titel „Willkommen in der Wirklichkeit“ beschreibt der Philosoph Wolfram Eilenberger in einem schönen „SPIEGEL“-Essay die Coronakrise und auch die drohende globale Umweltkatastrophe als Weckruf an den in seiner narzisstischen Selbstgefälligkeit verfangenen Menschen. So räsoniert er über Corona: „Es ist eine große ironische Wendung, dass es in einem Zeitgeist, der nichts emphatischer feiert als wandlungsfrohe Nischenexistenzen, ausgerechnet einer mikrologischen Zufallserscheinung ungeklärter Provenienz gelang, diese bis dato weithin gegen Wirklichkeitsschocks immunisierte Daseinsblase zu durchstoßen.“ Er spricht von einem neuen „Leitpostulat einer solidarischen Zukunft: Wo Ich war, soll wir werden. Wo Selbstverwirklichung zu lange regiert hat, geht es nun um den nackten Kampf kollektiven Überlebens“.

Auch für ihn ist Donald Trump nur die Zuspitzung einer narzisstischen Gesellschaft: „Die ihn treibende, zunehmend wahnhafte Leugnungsbewegung der Wirklichkeit, sein Glaube, sie selbst herstellen zu können, seine Abwehr des Offensichtlichen – all das ist auch die unsere. Der abgekapselte Narzissmus des US-Präsidenten ist der Kern auch unseres Weltzugangs.“ Jedenfalls die letzten Jahrzehnte gewesen.

Mit einer solchen Deutung der Phänomene Trump, Corona und Umweltkatastrophe, die vor der Tür steht, kann man die geschichtliche Situation, in der wir uns heute befinden, auch verstehen. Corona ist nicht eine „Strafe Gottes“, wie der kluge und liberale Kardinal Walter Kasper, jetzt schon 87 Jahre alt, in der Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt, sondern diese Welt steht auch für den Kardinal im Zeichen von „Eigensein, Eigenwirken und Eigengesetzlichkeit“. Die Welt sei zwar nicht „reiner Zufall“, aber alles, was in dieser Welt geschieht, kann gerade aus der Freiheit des Menschen heraus „auch anders oder auch nicht sein“. Aus dieser Freiheit des Menschen erwächst Gestaltungsmöglichkeit, die dann auch aus dem Vertrauen heraus Stärke bezieht, dass „die Welt nicht reiner Zufall ist“, so Kardinal Kasper.

Das vergangene Jahr 2020 also als Zeitenwende. Das politische und gesellschaftliche Geschehen in diesem Jahr symbolhaft für den Ort, an dem wir stehen und von dem wir jetzt auch aufbrechen können. Der Philosoph Eilenberger schreibt treffend: „Kein Wunder, dass Trumps Abwahl auf den Straßen der USA mit Szenen gefeiert wurde, die an das Happy End einer Disney-Verfilmung erinnerten, wenn der böse Zauberer endgültig vertrieben ist: mit Feuerwerk und Tanz.“ In Deutschland wird es in diesem Jahr nicht wie gewohnt ein Feuerwerk an Silvester geben. Bei uns dauert der Augenblick der Besinnung noch an. Mit Blick auf die Bewältigung der Umweltkatastrophen, die vor der Tür stehen, aber heute noch abwehrbar sind, ist das nicht die schlechteste Option.

Straubinger Tagblatt vom 5. Dezember 2020

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