„Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhandengekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ Mit diesen Worten beschreibt der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal in einem fiktiven Brief des Lord Chandos an einen Freund ein dramatisches Sprech- und Schreibversagen. Er fährt dann so fort: „Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. (…) Allmählich aber breitete sich diese Anfechtung aus wie ein um sich fressender Rost. Es wurden mir auch im familiären und hausbackenen Gespräch alle die Urteile, die leichthin und mit schlafwandelnder Sicherheit abgegeben zu werden pflegen, so bedenklich, dass ich aufhören musste, an solchen Gesprächen irgend teilzunehmen.“
Eine solche Erfahrung zu machen, ist auch heute gar nicht so ungewöhnlich. Eine plötzlich veränderte Wahrnehmung der Welt, eine Erfahrung, die alles umwirft, was man bisher im Leben gedacht und gesagt hat und die einen erst einmal zum Verstummen bringt, davon können viele Menschen berichten.
Was im Brief des Lord Chandos auf den ersten Blick wie der Weltzerfall eines Psychotikers wirkt, gewinnt in Hofmannsthals Text eine ganz gegenteilige Bedeutung. Schon die Sprache, in der der Schriftsteller diese Erfahrung ausdrückt, ist nicht die Sprache eines wahnsinnig Gewordenen, wenn er so wunderbar schreibt: „Die abstrakten Worte, deren sich die Zunge naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“
Hofmannsthal führt aber zudem noch eine Gegenwelt zur abstrakten Symbolbildung von Sprache ins Feld, die äußerst aufschlussreich ist. Denn seine Erfahrungswelt belebt sich auf einmal mit einer „Flut höheren Lebens“, die „wie ein Gefäß füllend“ alle Gegenstände des täglichen Lebens beleben kann: „Eine Gießkanne, eine auf dem Felde verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein ärmlicher Kirchhof, ein Krüppel, ein kleines Bauernhaus, alles dies kann das Gefäß meiner Offenbarung werden. Jeder dieser Gegenstände (…) kann für mich plötzlich in irgendeinem Moment (…) ein erhabenes und rührendes Gepräge annehmen, das auszudrücken mir alle Worte zu arm scheinen.“ Die Kraft seines Unbewussten also ist es, die Lord Chandos oder eben Hofmannsthal in einen Fantasieraum jenseits der abstrakten Sprache führen und dort ein lebendiges Dasein gewinnen lässt. Im Erzählen von diesem Fantasieraum hebt in diesem Brief ein Sprechen an, das der abstrakten Welt allgemeiner Begriffe entgegengesetzt wird. Es öffnet sich ein Horizont, der dem einzelnen Gegenstand oder auch dem einzelnen Menschen eine Aufmerksamkeit entgegenbringt, die bei einem abstrakten Sprechen mit Begriffen verloren geht.
Das ist das Thema dieses kunstvollen Briefes. Denn jedes Sprechen führt auch immer weg von den Dingen, über die gesprochen wird. Es führt zu einem Bild von Welt, das immer unvollständig bleibt – und wo gerade der Aspekt des Einzelnen durch die Abstraktion des Sprechens in der allgemeinen Symbolik der Worte verloren zu gehen droht. Das ist eine große Gefahr.
Vergangene Woche wurde ein Roman des Schriftstellers Thélyson Orélien aus dem Rennen um den Prix Goncourt in Frankreich genommen. Offensichtlich wurden weite Teile des Romans von der künstlichen Intelligenz (KI) geschrieben. Der Text ist also offensichtlich zwar täuschend echt, sonst hätte er es gar nicht zur Nominierung gebracht. Auf der anderen Seite aber war das Täuschende dann doch so auffallend, dass Leser den ihnen angebotenen Text einer Prüfung unterzogen haben.
Natürlich ist es möglich, aus Versatzstücken von Sprache, die im Netz angeboten werden, einen täuschend echten Text zu erschaffen. Aber das Entscheidende, das Hofmannsthal in seinem Brief des Lord Chandos ausdrückt, das fehlt: die eigene Erfahrung – und das aus dieser Erfahrung authentisch geschöpfte Sprechen. Das ist aber gerade das, was gute Literatur vom Sturm und Drang im 18. Jahrhundert bis heute ausmacht: die tiefe Sehnsucht des Schriftstellers, etwas Eigenes und Originales zu produzieren. Das ist der Anspruch, dem sich der Schriftsteller stellt, dessen Literatur am Ende gesellschaftliche Bedeutung einfordern darf.
Dasselbe aber gilt heute doch auch für die Politik: Der Ministerpräsident von Thüringen, Mario Voigt, hielt vor gar nicht allzu langer Zeit eine Rede über das Gedenken an den Holocaust in Buchenwald, die ebenfalls zu weiten Teilen von der KI verfasst war. Es gibt Fernsehbilder, wo zu sehen ist, mit welch gravitätischem Ernst der CDU-Politiker diese Rede, die gar nicht von ihm, noch nicht einmal von einem Mitarbeiter, sondern vom Computer verfasst wurde, vorträgt. Das passt ins Bild, wo Voigt offensichtlich auch in seiner Dissertation plagiiert hat und jetzt die Aberkennung seines Doktortitels durch die TU Chemnitz akzeptieren musste. Aber eine Rede über die Erinnerung an den Holocaust in Buchenwald von der KI schreiben zu lassen, ist an und für sich alleine schon ein Grund zum Rücktritt. Das ist respekt- und würdelos!
Jenseits dieses Falls aber: Die Politik heute leidet insgesamt daran, dass es viel zu viele Sprechblasen gibt, die abstrakt bleiben und eine Welt beschreiben, von der nur mehr funktional gesprochen wird. Da braucht es dann noch nicht einmal die KI, um solches Sprechen zu produzieren. Genau deshalb können viele Menschen das Wort „Reformen“ nicht mehr hören. Ein abstrakter Begriff, hinter dem sich alles Mögliche verbergen kann und auch verbirgt – und der kein Vertrauen schafft. Glaubwürdigkeit wäre das Thema, die aber so verloren geht.
Sprechen und Schreiben ist immer noch ein zutiefst authentischer Vorgang. Das gilt für die Literatur, aber auch für die Politik. Es ist mühsam. Ein Schriftsteller sitzt oft stundenlang vor den leeren Blättern, die es zu füllen gilt, und muss am Abend feststellen, dass ihm an diesem Tag nichts gelungen ist. Aber es gibt eben auch die anderen Tage, wo Schreiben gelingt und die dadurch umso wertvoller sind. Und auch für die Politik können wir festhalten: Die Menschen haben Sehnsucht nach authentischer Sprache! Auch dort muss im Sprechen eine Welt spürbar werden, von der die Zuhörer spüren, dass sie mit echten und eigenen Erfahrungen gedeckt ist. Eine Welt, die Sprecher und Hörer nicht trennt, sondern die als gemeinsame Welt für beide Seiten, Politiker und Bürger, erfahr- und nachvollziehbar ist.
Straubinger Tagblatt vom 9. Oktober 2026