Leitartikel: Die Linke – Gleichsetzung mit der AfD ist falsch

Wer in New York mit dem Taxi vom Flughafen nach Manhattan fährt, für den kann sich binnen einer Stunde die Welt verändern. Denn der arabische Taxifahrer weiß aus ganz sicherer Quelle, dass es die amerikanische Regierung selber war, die am 11. September 2001 die Anschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers geplant und durchgeführt hat. Im Übrigen seien alle dort arbeitenden 3.000 Juden kurz vor den Anschlägen in Sicherheit gebracht worden. All das wird mit solcher Ernsthaftigkeit vorgetragen, dass man wenigstens kurz ins Zweifeln kommt, bevor einem ein amerikanischer Freund, dem man diese Sichtweise ein paar Minuten später verunsichert erzählt, antwortet: „Du bist sicher gerade mit einem New Yorker Taxifahrer unterwegs gewesen.“
Wer das seltene Glück hat, in Berlin nicht mit einem türkischen, sondern mit einem deutschen Taxifahrer unterwegs zu sein, auch der erfährt brandaktuell das Neueste aus der Hauptstadt. Die Partei Die Linke, so meinte vor Kurzem ein sympathischer Berliner Taxifahrer zu mir, sei in Wirklichkeit eine „kommunistisch-islamistische“ Bewegung. Die ausländischen Clans, die Berlin beherrschten, hätten längst die ganze Kultur vor allem der Berliner Sportvereine unterwandert, um dort mit ihrem Geld Stimmung in ihrem Sinn zu machen. Und die 16-jährigen Wahlberechtigten stimmten dann eben am Ende für die Linke ab, so erkläre sich der Wahlerfolg dieser Partei. Er selber habe als Taxifahrer oft genug Clanchefs gefahren, die in ihren Rucksäcken entweder bündelweise Geld oder eben Kokain in großen Mengen dabeigehabt hätten. Nur die AfD, so meinte er am Ende der aufschlussreichen Taxifahrt, könne der Stadt ihr „sittlich-bürgerliches“ Gesicht zurückgeben.
In vielen Erzählungen, die auf den ersten Blick absurd erscheinen, steckt am Ende dann doch oft genug wenigstens ein Körnchen Wahrheit. Heute wissen wir, welche Schlamperei der Geheimdienste in den USA die Anschläge auf die Zwillingstürme erst möglich gemacht hat. Jeder zweitklassige Sicherheitsdienst hätte all die Hinweise auf die Anschläge im Vorfeld gesehen und entsprechend gehandelt. Es ist eben kaum zu glauben, dass die amerikanischen Geheimdienste hier so versagt haben, dass es am Ende eben Raum für Mythen gibt.
Und auch für Berlin gilt: Die Drogen gibt es, die Clans gibt es – und den Einfluss auf junge Migranten, die in Vereinen organisiert sind und am Ende tatsächlich die Linke wählen, den gibt es sicher auch. Von daher ergibt sich dann auch die Gleichsetzung, die heute konservative Politiker dahin gehend gerne machen, dass die AfD auf der rechten Seite exakt das Übel sei, was die Linke auf der anderen Seite des politischen Spektrums darstelle. Aber dagegen gilt es dann doch, einen Einwand geltend zu machen, den die „Süddeutsche Zeitung“ letzten Samstag in einem Leitartikel formuliert hat, wenn sie schreibt: „Die Linke (…) steht im Ganzen auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. (…) Sie bereichert, sie belebt die parlamentarische Demokratie. (…) Niemand musste sich Sorgen machen, als der Linke Bodo Ramelow in Thüringen regierte. Niemand muss sich sorgen wegen einer Linken, die in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern mitregiert. Dietmar Bartsch, damals Linke-Fraktionschef, durfte Wolfgang Schäuble den Rollstuhl schieben. Glaubt jemand, diesen Service hätte der auch von Tino Chrupalla angenommen?“
An den Rändern der Partei gebe es deutlich erkennbar die „Ausfransungen“ in Richtung Antisemitismus und Gewalt, die zu bekämpfen wären, aber das dürfe den Blick auf die Mitte der Partei nicht verstellen, so die Zeitung. Dieser Hinweis entspricht in etwa dem, was vor Kurzem der hochgeachtete ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) im Interview mit unserer Zeitung sagte: Er beobachte, dass sich die Linke auf das demokratisch-parlamentarische System zubewege, während sich die AfD daraus wegbewege.
Und eines ist an dieser Stelle noch hinzuzufügen: Der Anspruch auf mehr soziale Gerechtigkeit ist genauso ein ernst gemeintes Thema der Partei Die Linke wie ihr Verständnis davon, dass Frieden am Ende nicht auf Schlachtfeldern, sondern mit mühsamer politischer Arbeit erreicht wird. Auf diesen beiden Themenfeldern haben die anderen Parteien deutlich erkennbare Defizite, die durch ein rhetorisches Abqualifizieren des neuen politischen Rivalen auf der linken Seite des Parteiensystems nicht weniger werden.
Straubinger Tagblatt vom 16. Oktober 2026