Was uns das Pfingstwunder auch in unserer heutigen Welt noch sagen kann – für mehr Liebe und Freundschaft der Menschen untereinander

“Alles, was Religion betraf, hatte ich vollständig vergessen, und ich befand mich in diesem Betracht im Zustand der Unwissenheit eines Wilden.“ So schildert sich selbst der französische Schriftsteller Paul Claudel im Jahr 1886. Er ist jung, sein Leben hat noch keine Richtung; aber, um dann doch den Weg des Schriftstellers gehen zu können, läuft er in die Kathedrale Notre-Dame de Paris. Seine Hoffnung: „Ich hatte die Vorstellung, ich könnte in den katholischen Zeremonien, die ich mit dünkelhaftem Dilettantismus betrachtete, ein geeignetes Reizmittel und den Stoff für ein paar dekadente Übungen finden. In dieser Stimmung wohnte ich, von der Menge gestoßen und gedrückt, dem Hochamt mit mäßigem Vergnügen bei. Dann, da ich nichts Besseres zu tun hatte, kam ich zur Vesper wieder hin.“
Und da passiert es ihm: auf einmal, unverhofft, wie ein Blitzschlag: „Da nun vollzog sich das Ereignis, das für mein ganzes Leben bestimmend sein sollte. In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte. Ich glaubte mit einer so mächtigen inneren Zustimmung, mein ganzes Sein wurde geradezu gewaltsam emporgerissen, ich glaubte mit einer so starken Überzeugung, mit solch unbeschreiblicher Gewissheit, dass keinerlei Platz auch nur für den leisesten Zweifel offenblieb, dass von diesem Tage an alle Bücher, alles Klügeln, alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben nicht zu erschüttern, ja auch nur anzutasten vermochten. Ich hatte plötzlich das durchbohrende Gefühl der Unschuld, der ewigen Kindschaft Gottes, einer unaussprechlichen Offenbarung.“
Die wirkliche Welt hinter der sichtbaren
Ein Zeugnis also, das Zeugnis einer Bekehrung. Ein Pfingsterlebnis an Weihnachten! Denn der jetzt Glaubende war auf dieses Ereignis so wenig gefasst wie all die Menschen vor 2.000 Jahren, die auf einmal die Sprache der Jünger verstehen konnten. Ein Wunder also oder auch einfach ein gar nicht so schwer zu verstehender Hinweis darauf, dass hinter dieser sichtbaren Welt die eigentliche, die wirkliche Welt liegt. Verborgen, aber doch da – und spürbar für den, der davon erfasst wird. Paul Claudel schreibt weiter: „Der Zustand eines Mannes, den man mit einem Griff aus seiner Haut reißt und in einen fremden Körper in einer ihm unbekannten Welt verpflanzt, ist der einzige Vergleich, der annähernd diesen Zustand völliger Fassungslosigkeit veranschaulichen könnte.“ All die Zeugen, die über die Jahrhunderte eine Glaubenserfahrung dieser Art gemacht haben, beschreiben dieses Erlebnis in dieser Radikalität. Es ist eine Erfahrung, die nur sie in ihrer Person machen und die sie so nur bezeugen können und die sich damit jeder wissenschaftlichen Objektivierbarkeit entzieht.
Aus dieser Erfahrung erwächst ihr lebenslanger Glaube. Verwandlung aus einem Augenblick heraus, die aber dann Zeit braucht, um in einem neuen Leben ganz Gestalt anzunehmen. In diesem Sinne schreibt Paul Claudel weiter: „Was meinen Ansichten und Neigungen am meisten widersprach, gerade das sollte wahr sein, gerade damit sollte man sich wohl oder übel zurechtfinden. Ach! Dann aber wenigstens nicht, ohne dass ich nicht alles, was in meiner Macht stünde, an Widerstand aufzubieten versucht hätte. Dieser Widerstand hat vier Jahre lang gedauert. Alle Verteidigungsmöglichkeiten wandte ich an und musste dennoch eine nach der andern meiner Waffen strecken.“
Am Ende bleibt seine entscheidende Erfahrung: „Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Er ist jemand, es ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich.“
Ein Verleger als Chauffeur von Eugen Biser
Ich bin viele Jahre an den Sonntagabenden in die Kirche St. Ludwig in München gefahren. Dort predigte jahrzehntelang der Religionsphilosoph Eugen Biser. Er verstand es, das Evangelium in seinen langen Predigten so nachzuerzählen, dass man das Gefühl hatte, in einer Zeitmaschine zu stecken. Alles, was er erst beschrieb und dann ausdeutete, war so spürbar, so fühlbar, so erfahrbar, dass man sich in Herz und Kopf in die Zeit Jesu zurückversetzt fühlte.
Er war ein zutiefst glaubender Christ. Als wir uns dann doch nach vielen Jahren endlich kennenlernten, fragte er mich, ob ich ihn nicht, wenn er weite Fahrten hätte, mit meinem Auto unterstützen könnte. Natürlich sagte ich ja – und wurde so in seinen letzten Lebensjahren der Fahrer des großen Religionsphilosophen Eugen Biser. Längst war ich Verleger, aber die Zeit, Eugen Biser durch die Welt zu fahren, nahm ich mir immer gerne. Und auch die Freude, mich nicht als Verleger, sondern als Chauffeur Eugen Bisers vorzustellen, ließ ich mir niemals nehmen!
„Sorgentausch“ mit Gott und den Mitmenschen
Wir haben bei diesen vielen Fahrten niemals über den Glauben gesprochen – oder gar philosophiert, die Sache war für uns beide klar. Aber bei seinen vielen Vorträgen, die er in ganz Deutschland hielt, stellte er immer das Pfingstwunder in den Mittelpunkt seines Sprechens. Das Wirken des Heiligen Geistes. Den „Sorgentausch zwischen Gott und den Menschen“ nannte er das. Wo einer glaube, da nehme sich Gott seiner ganz an und helfe ihm, begleite ihn; und die von Gott erwartete Gegengabe sei ganz einfach: „Kümmere Du Dich dafür, dass mein Reich schon in dieser Welt Gestalt annimmt, sei Du dafür auf meiner Seite!“ Auf der Seite der Liebe.
Ein „mystisches Inversionsgeschehen“ hat er das in seinen theologischen Büchern genannt; bei den Vorträgen wurde spürbar, was gemeint war: „Liebe den Anderen wie Dich selbst – und dann tu, was Du willst.“ Dieses Leitmotiv des Evangeliums stand zentral hinter dem Glauben Eugen Bisers. Denn der Sorgentausch umfasste für ihn nicht nur die Gotteserfahrung des Menschen, sondern vor allem auch die Beziehung der Menschen miteinander.
Eugen Biser ging so weit, das Herz des Menschen als „eigentlich böse“ zu bezeichnen. Jeder Mensch denke erst einmal an sich, das sei seine Natur. Erst einmal stünden die eigenen Bedürfnisse ganz im Vordergrund. Aber weil sich Gott in die Begegnung der Menschen miteinander aus seinem Liebesprinzip heraus einmische, wäre Liebe möglich. Am Anfang jeder Beziehung stünde die Frage des einzelnen: Was bringt mir der Andere? Aber dann, in der Begegnung, laufe das anders. Der Andere komme einem nahe, der Egoismus verliere an Kraft, es gibt Zuwendung, Freundschaft, Liebe. Das war der innerste Kern von Eugen Bisers Denken. Der Sorgentausch!
Und heute? Sind wir bereit, die Sprache des Anderen zu verstehen? Papst Franziskus hat in seiner Autobiographie Hoffe geschrieben, dass die Welt schon im „Dritten Weltkrieg“ gefangen wäre, wo es doch über 40 Kriege gebe, die im Augenblick geführt werden. Um Verständnis des Anderen wird da längst nicht mehr gerungen. Es dominiert Machtstreben und Gewalt.
Und Gregor Gysi, der Jahrzehnte nach seiner Mitgliedschaft in der Kaderpartei der SED damals in der DDR gerade in den bürgerlichen Kreisen unseres Landes längst angekommen ist, verweist in seinen Vorträgen immer wieder neu darauf, dass unsere Erde jeden Tag (!) das Eineinhalbfache an Ernte möglich mache, damit jeder auf dieser Welt satt werde – aber in Afrika verhungert alle 15 Sekunden ein Kind.
Überhaupt Afrika! Dieser reiche und doch arme Kontinent wird von den großen Spielern dieser Welt – also den USA, China und Russland – nur unter dem Aspekt gesehen, wer sich dort welche Machtsphäre sichern kann. Und auch in Deutschland beklagen die Mitarbeiter der großen Hilfsorganisationen nicht nur, dass es weniger Geld gebe für Hilfsprojekte in aller Welt; sondern auch, dass nur dort, wo es einem selber helfe, Einfluss oder eben die berühmten Rohstoffe zu gewinnen, Projekte noch von der Bundesregierung mitfinanziert würden. Aus Mitleid mit der Not des Anderen geschehe heute nichts mehr!
Alle Menschen als Brüder und Schwestern
Das Pfingstwunder ist die Gegenwelt dazu. Alle Menschen auf dieser Welt sprechen eine Sprache. Sie sind Brüder und Schwestern. Das muss keine Utopie sein. Dass der Heilige Geist in dieser Welt wirkt, kann jeder von uns immer wieder erfahren, wenn er nur will oder es zulässt. In Mein Name sei Gantenbein, dem bekannten Roman des Schweizer Schriftsteller Max Frisch, beschreibt der Erzähler, wie ein Porschefahrer auf eisiger Strecke die Kontrolle über seinen Wagen verliert. Wie von Geisterhand geführt, schlittert das Fahrzeug durch eine Schar spielender Kinder hindurch. Alle bleiben unverletzt – und der Erzähler kommentiert: „Und wieder findet das alltägliche Wunder statt.“ Wer hätte solches – bei allem Leid, das es auch gibt – nicht schon erfahren.
Aber eines gilt auch: Ausruhen auf dem Wunder von Pfingsten – im Glauben, dass der Heilige Geist es auf dieser Welt schon richten wird, das geht auch an Pfingsten nicht!
Straubinger Tagblatt vom 23. Mai 2026