Leitartikel: Führungskompetenz – Merz hat nicht das Zeug zum Kanzler

„Ein Sommer in Italien“, so heißt die wunderbare Dokumentation, die nochmals mit vielen, bis dato noch nicht gezeigten Bildern den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft 1990 bei der Fußballweltmeisterschaft in Italien zeigt. Erkennbar wird vor allem, wie sehr Franz Beckenbauer mit seiner Persönlichkeit die Mannschaft zu diesem Titel eines Weltmeisters geführt hat. Mit Akribie, Professionalität, leidenschaftlicher Arbeit, hohen Anforderungen an die Mannschaft, aber eben zudem auch mit der berühmten langen Leine, die dort erlaubt ist, wo die Autorität des Trainers unangefochten ist.
Jogi Löw konnte diesen Erfolg 2014 nochmals wiederholen, ebenfalls mit einer guten Mischung aus Professionalität und Menschlichkeit. Dann verließen sie ihn, wie es so schön heißt. Die innere Spannung beim Meistertrainer war erkennbar dahin – und auch die Akzeptanz bei der Mannschaft. Hinweise aus dem Team, dass man doch in der Bundesliga nicht mit drei Verteidigern spiele, die dann bei der Rückwärtsbewegung durch zwei Mittelfeldspieler ergänzt würden, wurden arrogant ignoriert, das Ende der Trainerkarriere von Löw ist bekannt.
Erkennbar wird hier, wie sehr der Erfolg einer Mannschaft vom Anführer abhängt, vom Trainer, vom Teamchef, eben von dem Verantwortlichen, auf den am Ende alle Entscheidungen hinauslaufen. Das gilt nicht nur im Fußball, das gilt für Betriebe, für kleine und größere, zum Schluss aber halt auch in der Politik. Kanzler wie Helmut Schmidt, aber auch für lange Zeit Helmut Kohl, der erst am Ende seiner Laufbahn eine realistische Selbsteinschätzung verlor, waren akzeptierte Anführer ihrer Regierungsmannschaft. Die Wähler schätzten sie über viele Jahre und die Mitglieder auf der Regierungsbank waren stolz darauf, in ihrer Mannschaft zu spielen. Das war selbst noch bei Angela Merkel so, die jetzt im Nachhinein zu Recht sehr kritisch gesehen wird, wo doch ihre Passivität, die sie als Maß und Mitte ausgab, um an der Regierung zu bleiben, notwendige Entwicklungen über Jahre blockierte.
Und heute, bei Friedrich Merz? Wie ist es da? Seine unglaublich niedrigen Akzeptanzwerte in der Bevölkerung nach nur gut einem Jahr seines Regierens sind allgemein bekannt und von allen Vorgängern unerreicht, und – Hand aufs Herz – wollte man in seiner Mannschaft spielen? Schon seine Motivation für das Amt des Kanzlers war nicht in Ordnung. Einen schmerzhaften Machtverlust, seine Ausbootung als Fraktionschef vor über 20 Jahren, durch das Amt des Kanzlers ausgleichen zu wollen, das sind „niedere Triebe“, wie die Psychologie das nennt. Das spiegelt sich in seiner Persönlichkeit bis heute. Und vor allem: Jeder Arbeitgeber achtet doch beim Lebenslauf einer Bewerbung darauf, ob das Berufsprofil einigermaßen stetig durchgehalten wurde. Bei Friedrich Merz fehlen im Lebenslauf in der Politik knapp 15 Jahre! In seinem Machtanspruch verletzt, verließ er damals das politische Berlin und wurde sogenannter Türöffner für die Investmentgesellschaft Blackrock – auch dort wenig erfolgreich, wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ausführlich berichtete.
Und seine Leistung heute? Man wäre froh, wenn man in ihm wenigstens einen „Klempner der Macht“ hätte, der sein Handwerk versteht. Es ist längst klar erkennbar: Merz hat schlichtweg nicht das Zeug zum Kanzler.
Und sein engeres Führungsteam? Der ehrgeizige Jens Spahn als Fraktionschef, der spürbar nichts anderes im Sinn hat, als Friedrich Merz im Kanzleramt endlich zu beerben. In seinem Führungsanspruch grob, in seinem intellektuellen Profil flach und dem Wähler schlicht unsympathisch. Ein blasser Polit-Apparatschik, der nach Macht giert. Der Generalsekretär der CDU, Carsten Linnemann, den der Kabarettist Urban Priol in seinem Jahresrückblick „Tilt“ so treffend als „Einstecktuch“ des Kanzlers beschrieb. Thorsten Frei als rechte Hand im Kanzleramt, der von seinem Amt sichtbar überfordert ist und vor allem rhetorisch für die Kameras spricht, anstatt sich auf einen echten politischen Diskurs einzulassen. Und am Ende noch für die CSU Alexander Dobrindt, der kalte Abschiebemeister aus München, der nicht verstanden hat, dass er so nur der AfD Wasser unter den Schiffskiel schaufelt. Soll das eine Führungsmannschaft sein, der man am Ende Vertrauen schenkt? Eine Mannschaft, in der man gerne mitspielt oder der man als Wähler wenigstens gewogen bleibt und die Daumen hält?
Und der Politikansatz jenseits der Personen? Eben keine tragfähigen und langfristigen Lösungsvorschläge auf der Sachebene, wo man Vertrauen zurückgewinnen könnte. Nicht bei der Krankenreform, wie sie schon vorgelegt ist – und andere Reformen werden in Kommissionen vertagt, damit wenigstens erst einmal nichts passiert. Nachdenken ist schon immer gut, aber die Zuordnung von Zeitfenstern des Nachdenkens mit denen des Handelns muss stimmen! Es ist eben nicht nur das Spannungsverhältnis zur angeschlagenen SPD, die verzweifelt um ihr politisches Profil ringt, was der Regierung so schadet, nein, es sind zum einen die Personen gerade aus der CDU, die bei so vielen Bürgern eine immer stärkere Ablehnung hervorrufen. Und es ist zum anderen die mangelhafte Kompetenz im Regierungshandeln, die fast schon verstörend ist.
Die Reaktion der Menschen? Fast 30 Prozent der Bürger in Deutschland sind heute schon bereit, die AfD zu wählen! Das ist ein Alarmsignal erster Güte: Diese Partei in irgendeiner Regierung, das wäre der Absturz des Landes ins Bodenlose! Das wäre eine politische Kultur der Inkompetenz und vor allem der Unmenschlichkeit. Ein Paradigmenwechsel der schlimmsten Art. Ein Nachfolgeprojekt der düstersten Zeiten dieses Landes. Dagegen gilt es mit aller Kraft anzukämpfen.
Aber soll man deshalb auf Gedeih und Verderb diese Regierung schönreden? So stellt sich die Frage: Wie das alles lösen? Eines ist klar erkennbar: Die CDU/CSU verfügt in den Ländern über weit besseres Personal als in Berlin. Von München bis Kiel. Vor allem Hendrik Wüst als Regierungschef von Nordrhein-Westfalen ist klug und sympathisch. Ein Hoffnungsträger! Die föderale Struktur Deutschlands wurde von den Vätern und Müttern des Grundgesetzes als wichtiges demokratisches Fundament festgelegt, falls in der Zentralregierung die Dinge schiefgehen. Im Bundesrat sitzt weit mehr Kompetenz als auf der Regierungsbank in Berlin. Von dort muss der Impuls zum Neubeginn mit neuem, anderem und vor allem besserem Personal kommen. Aber nicht erst in zwei Jahren, sondern so schnell es irgendwie geht!
Straubinger Tagblatt vom 22. Mai 2026