Es gibt keine Alternative zum Frieden

Stalingrad und der Zweite Weltkrieg lehren uns auch heute, dass die Waffen für immer schweigen müssen

Auf ein bestimmtes Foto blicke ich immer wieder gerne. Es ist der Tag der Heimkehr. Aus Russland. Aus Stalingrad. Einmal knapp dem Tod entkommen, weil er als Funker die feindlichen Funksprüche abgehört hatte und die Kompanie über den einzigen Ausweg noch aus der feindlichen Umzingelung herausführte. Dann doch schwer verletzt. Im Lazarett hört er einen Kameraden sagen: „Gib mir Deine Stiefel! Du brauchst sie doch nicht mehr.“ Nach Wochen soweit wiederhergestellt, dass die Heimkehr möglich wurde. Jetzt zurück in Oberbergen im Kaiserstuhl. Vom Krieg gezeichnet. Des Krieges für immer müde. Später würde Eugen Biser einer der wichtigsten Religionsphilosophen der Nachkriegszeit werden.

Aber all das liegt jetzt noch in weiter Ferne. Noch ist Krieg, aber in Eugen Bisers Kopf hat sich ein Gedanke für immer verewigt: Nie wieder Krieg! 50 Jahre später würde er als Philosoph das so ausdrücken: „Wer Krieg und Frieden sagt, hat den Frieden schon verraten.“ Oder auch: „Der Frieden ist alternativlos.“ Und so verurteilte er jedes Zurückschlagen, auch schon in Afghanistan, nachdem die Terroristen in New York die Türme zum Einsturz gebracht hatten, aber erst recht im Irak, wo es die Lügen eines amerikanischen Präsidenten waren, die diesen Krieg erst möglich machten.

Das Friedensgeschenk von Präsident Gorbatschow

Mein Großvater war friedliebend. Verleger in Straubing wurde er nur, weil sein Vater 1935 Berufsverbot bekommen hatte. Als den in seinem Büro ein Nazi mit dem Hitlergruß begrüßt hatte, antwortete mein Urgroßvater: „Geh, dans den Arm net so weit nauf, Sie miaßan an später wieder umso weiter aba doa.“ Dieser Satz und noch eine kritische Anmerkung im Zigarrenladen der Stadt Straubing reichten damals für ein Berufsverbot. Als sein Sohn als Verleger ebenfalls nicht linientreu funktionieren wollte und immer am Samstag die katholische Gottesdienstordnung veröffentlichte – gegen den Willen der Nazis –, da musste auch er an die Front.

Mein Großvater war alles andere als ein Krieger. Aus Angst. Aber auch aus Menschenfreundlichkeit. Eines Tages steht ihm in einem einsamen Wald bei Danzig an der Ostfront ein feindlicher Soldat gegenüber. Beide haben sich eher zufällig getroffen. Jeder ist allein. Beide zögern, dann schießt der andere zuerst. Ein Schuss in den Arm meines Großvaters.

Auch er also ein Heimkehrer. Als er völlig verdreckt in der Haustür steht, fragt ihn seine Frau: „Wer sind Sie und was wollen Sie?“ Erst dann erkennt sie ihn. Wenn mein Großvater Jahrzehnte später über den Krieg sprach, dann immer mit dem einen Satz: „Ich war im Krieg, aber ich habe dort keinen einzigen Schuss abgegeben. Gott sei Dank!“

Ich sitze in Landshut bei einem Mittagessen allein. Ein freundliches älteres Paar setzt sich zu mir. Zufällig. Wir kommen ins Gespräch. Es geht um Politik und die Welt im Großen und wie im Kleinen. „Da haben die mich also im Zweiten Weltkrieg plötzlich an die Ostfront versetzt“, sagt der Mann. „Die Division hieß Totenkopfdivision. Während die Panzer vorrückten, mussten wir Fußsoldaten vor den Panzern hermarschieren und mit unseren Gewehren alles niedermähen, was auch nur den Kopf hebt, damit keine Minen unter die Panzer gelegt werden können. Wo bin ich da hingeraten, habe ich mir gedacht“, so erzählt es der alte Mann und lacht ein hartes Männerlachen dazu. Als ich ihn frage: „Und wie viele Menschen haben Sie damals getötet?“, da wird er kurz blass, beginnt zu schweigen, bis er sagt: „Darüber spricht man nicht.“ Dann wechselt er das Thema und wendet sich wieder seinem Mittagessen zu.

Vor exakt 75 Jahren endete dieser grausame Zweite Weltkrieg. Weil auch noch die schrecklichen zwei Atombomben in Japan fielen, waren Kriege keine echte politische Option mehr. Zu grausam das Erinnern, im Letzten waren Kriege geächtet. Auch die atomare Abschreckung im „Kalten Krieg“ hatte in ihrer paradoxen Logik nur ein Ziel: Kein Krieg mehr! Es war und ist die Leistung der Friedensbewegung, verständlich gemacht zu haben, dass ein „Gleichgewicht des Schreckens“ immer auch schiefgehen kann. Dann kam Gorbatschow, der Menschenfreund, und mit ihm ein neues Europa ohne Grenzen. Eine unglaubliche Friedenschance! Niemand hätte Anfang der 90er Jahre gedacht, dass diese Friedensmöglichkeiten so schnell mit Füßen getreten werden, wie es dann geschah. Die Kriege der Russen, die Kriege der Amerikaner, Erdogan, Syrien, oder auch im Jemen. Stellvertreterkriege, sinnlos. Wer kann die Welt schon besitzen? Wieder Millionen Tote, wieder Millionen Flüchtlinge.

Und wir? Plötzlich schreibt ein Leitartikler auch noch in einer renommierten Wochenzeitung aus Hamburg, dass man jetzt wieder seinen Clausewitz lesen müsse. Der war preußischer General und sagte vor 200 Jahren, dass der „Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei“. Und in den Nachrichten hört man immer öfter, dass es wichtig sei, unsere Truppen jetzt mit einem „robusten Mandat“ auszustatten. Also militärische Lösungen in schwierigen Zeiten. Dabei steht die Welt so hochgerüstet in Waffen, dass ein Funke, ein Missverständnis reicht, um sie in Flammen zu setzen. Darauf hat gerade in seinem letzten Buch der kluge Außenpolitiker Horst Teltschik hingewiesen, immerhin Chefberater von Helmut Kohl, als die Politik noch alles tat, um den Frieden zu bewahren.

Es heißt, sich aus der Spirale der Gewalt zu lösen

Jetzt liefern wir wieder Waffen in die ganze Welt. Am Jemenkrieg, in dem die Menschen am schlimmsten leiden, hat die deutsche Rüstungsindustrie viele Millionen verdient. Rekordexporte. Das Blut, das an ihren Händen klebt, ist den Managern der Rüstungsindustrie gleichgültig. Genehmigt hat es die Bundesregierung. Warum also selber fragen, was mit den Waffen am Ende geschieht? Was scheinbar legal ist, muss doch auch legitim sein, so sagen die Manager zu sich selbst und am Ende zu den anderen. Ums Geld geht es ihnen und das Wort Gewissen bleibt ein Fremdwort für sie. Dass die Regierung das zulässt und auch noch mit den Stimmen der SPD!

Echte Friedenspolitik würde ganz anders aussehen. Sich herausnehmen aus der Spirale der Gewalt! Nicht mitmachen! Sich einsetzen für den Frieden in vielen Gesprächen, in unendlich mühsamer Kleinarbeit – was ja zum Teil auch geschieht, aber es wird eben nicht durchgehalten! Wehrfähig sein, aber auch keinen einzigen Schritt darüber hinaus! Den Krieg wieder ächten und die Waffenexporte sowieso! Nicht zurückschlagen, schon gar nicht wir – als die westliche Welt! Was hat der Krieg in Afghanistan den Amerikanern am Ende gebracht? Winzige Verbesserungen in der Region um Kabul, aber kein durchschlagender Erfolg für das ganze Land. Jetzt ziehen die Truppen langsam ab. Und hinterlassen verbrannte Erde. Nachdem Tausende Mütter in Amerika, in Afghanistan und im Irak um ihre Söhne geweint haben.

Und man kann gerade auch heute vom Osterfest her Politik machen. Denn das Böse in der Welt wird eben nicht weniger, wenn wir versuchen, es auszumerzen. Neben allen anderen Bedeutungen des Osterfestes, die von Jesu Leben und Sterben bis in gerade unsere Zeit reichen, ist das eine ganz entscheidende Lesart, die immer noch gilt und auf die wir besser hören sollten.

Straubinger Tagblatt vom 10. April 2020 

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