Leitartikel: Schulbeginn – Kinder brauchen den Reichtum der Fantasie

Der Schriftsteller Robert Seethaler ist in den letzten Jahren durch eine ganze Reihe von wunderbaren Büchern einer breiten deutschsprachigen Öffentlichkeit bekannt geworden. Gerade seine frühen Werke, wie etwa „Der Trafikant“, sind glanzvolle Höhepunkte der Romanliteratur unserer Tage. Anlässlich seines neuesten Romans „Die Straße“ gab der Schriftsteller im Mai der „Zeit“ ein hochinteressantes Interview. Er spricht darin über seine Kindheit – und wie aus dieser Kindheitswelt ihm eine besondere Gabe der Fantasie mitgegeben wurde.
Seethaler hat nämlich von frühester Kindheit an eine Sehschwäche. Er kann nichts klar und genau erkennen: „Ich war im Sehbehinderten-Kindergarten, in der Sehbehinderten-Schule und musste mich als ganz kleines Kind schon an diese Brille mit unglaublich dicken Gläsern gewöhnen.“ Allerdings, so erzählt er weiter, habe er seine Brille allabendlich immer weggeworfen, denn: „Ich bin geboren mit dieser verschwommenen Sicht auf die Welt, und eigentlich ist das Klarsehen für mich immer noch erschreckend. Jedenfalls habe ich die Brille weggeschmissen, weil ich in meiner Erlebniswelt bleiben wollte.“
Diese Einzigartigkeit seines Lebens in der Kindheit, nicht klar sehen zu können oder auch zu müssen, öffnete ihm also die Tür in eine unglaubliche Fantasiewelt, die bis heute „das Geheimnis des Schreibens“ bei ihm geblieben sei. Und dann der interessanteste Satz des Interviews: „Ich halte vieles offen, weil es erst dadurch eine wahre Kenntlichkeit entwickelt.“
Der Zauber seiner Welt entsteht also, weil er diese Welt nicht auf eine schmalspurige Bedeutung festlegt, sondern die Welt in einen assoziativen Raum seines Schreibens hinein freilässt; es ist die Sprache, die ihm in ihrer Vieldeutigkeit die Tür zu solchem Schaffen öffnet: „Irgendwann kam dann die Sprache dazu. (…) Mit den Buchstaben konnte ich bei mir bleiben (…) und konnte trotzdem in die Ferne blicken (…). Und dann habe ich wie ein Verrückter gelesen. (…) Auch jetzt noch öffnen sich mit jeder Zeile Erfahrungsräume (…) im Grunde genügt das einzelne Wort.“ Das Wunder des Lesens, das Wunder, im eigenen Unbewussten den Reichtum der Welt zu erspüren, zu erleben und ausdrücken zu können. Der mangelhafte Blick auf die Welt gibt Seethaler den Fantasieraum, der sein Erzählen bis heute speist.
Ganz ohne den Blick auf die Welt entwickelte dagegen der kleine Johann Wolfgang von Goethe als Kind einen Reichtum der Fantasie, der bis heute seinesgleichen sucht. Seine Mutter liest ihm vor! Stundenlang, abendelang. Jahre später berichtet sie: So „konnte ich nicht ermüden zu erzählen, so wie er nicht ermüdete zuzuhören; Luft, Feuer, Wasser und Erde stellte ich ihm unter schönen Prinzessinnen vor (…). Da saß ich, und da verschlang er mich bald mit seinen großen schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader an der Stirn schwoll und wie er die Tränen verbiss.“ Das Zuhören öffnet beim kleinen Johann Wolfgang von Goethe die Tür zum Reichtum seiner eigenen unbewussten Fantasien.
Der große Goethe-Biograf J. K. Eissler hat als Psychoanalytiker 200 Jahre später geurteilt, dass es der „starke emotionale Widerhall“ gebunden an die Person seiner geliebten Mutter mit ihrem Erzählen war, was aus dem Kind Goethe das Genie Goethe entwickelte. „Das Unbewusste Goethes wurde im kreativen Prozess zu einer liebenden, unaufhörlich gebenden Mutter.“ Der Welt eines „realitätsangepassten Ich“ setze der Dichter von Kindheit an seine „Tagträume (…) als Botschafter des Unbewussten“ entgegen. Wie bei Robert Seethaler entwickelt sich bei Goethe eine tiefe und innige Welt, die dem kalten Rationalitätsprinzip einer allzu oberflächlichen Wirklichkeit entgegengesetzt wird. Ein Leben lang.
Und wir heute? Nächste Woche beginnt wieder der Schulalltag. In Biologie wird das Gehirn einer Ameise erklärt, in Mathematik gibt es wieder neue Formeln und Regeln und in Latein gibt es noch mehr Konjugationen und Deklinationen. Die digitale Welt ist zudem die neue Plattform, wo in diesen Tagen immer öfter das scheinbar wichtige und notwendige Wissen für die Köpfe der jungen Menschen eingestellt wird. Die kalte Oberfläche des iPads liegt allzeit griffbereit vor den Schülern. Wenn die Lehrenden nicht aufpassen, wird aber heimlich eher Tiktok geschaut, was der neuen Aufmerksamkeitsspanne der jungen Menschen besser entspricht.
Und die ganze Welt der Fantasie von Johann Wolfgang von Goethe bis Hermann Hesse, von Heinrich Kleist bis Rainer Maria Rilke, von Georg Büchner bis Reiner Kunze? Alles Schnee von gestern? Und die Langsamkeit, die ein Verstehen erst ermöglicht? Alles vorbei? Der ganze Reichtum unserer Literaturgeschichte und die Zeit, die es braucht, um dort innerlich reich zu werden. Die Frage stellt sich: Öffnet unser Schulsystem heute auch sonst den Kindern die Welt zum Reichtum ihrer eigenen Fantasiewelt und ihrer ganzen in ihnen angelegten Persönlichkeit? Bemüht es sich, das unglaubliche Potenzial der jungen Menschen für sie selbst zu erschließen? Im Drill des Schul- und Notenalltags. Sind die Lehrpläne unserer Tage denn geeignet, einen Schulalltag zu veranstalten, der für Kinder und Lehrer am Ende des Tages einen echten Gewinn einbringt? Oder bleibt allzu vieles eine sinnleere Paukerei, die die Pforten zur Entwicklung der eigenen Innenwelt eher verschließt als öffnet?
„Geistseele“ nennt die Philosophie das Vermögen von uns Menschen, mit unseren Gefühlen, unserem Verstand, unserer Seele in eine echte Begegnung mit unserem Leben und unserer Wirklichkeit zu kommen. Die Entwicklung eines Reichtums unserer Innenwelt: Es gibt immer noch viele Lehrer, die durch die Lücken der Lehrpläne versuchen, den Kindern an unseren Schulen gerecht zu werden und dorthin zu finden; die aber selbst überfordert sind, den erdrückenden Aufgaben, die an sie gestellt sind, gerecht zu werden. Eine Möglichkeit, das ganze Schulsystem besser zu machen, ist für die Lehrenden sicher die Methode von Robert Seethaler: nicht so genau hinzusehen, vor allem bei den allzu schweren Prüfungen, mit denen die Kinder regelmäßig überfallen werden. Wenn die Schulaufgaben korrigiert werden müssen, großzügig sein! Eine gute oder sehr gute Note hat noch niemandem geschadet. Die Schüler werden so ermutigt – und Lehrer, die gute Noten geben, sind allseits beliebt! Da steigt doch so am Ende die Lebensqualität auf beiden Seiten. Und was nach den Lehrplänen gelehrt wird, ist für das wahre Leben oft genug wahrhaftig vollkommen bedeutungslos!
Straubinger Tagblatt vom 12. September 2026