Leitartikel: ARD-Sommerinterview: Was Merz sagt, sollte nachdenklich stimmen

Da war es also am letzten Wochenende: das mit Spannung erwartete Sommerinterview der ARD mit Bundeskanzler Friedrich Merz. Und man konnte sich wieder einmal ein Bild machen von dem Mann, dem zurzeit das Schicksal dieses Landes anvertraut ist. Fein gekleidet und mit souveräner Geste marschierte er durch die Sendung. Aber was er sagte, das stimmt doch nachdenklich: Die besten Kindergärten würden nicht helfen, wenn der Frieden in Europa nicht gewahrt würde, so meinte er. Da wird man doch stutzig. Denn ein solches Sprechen spielt die täglichen Bedürfnisse der Menschen hierzulande gegen eine vorgestellte oder auch wirkliche Bedrohung durch Russland aus. Das kann so nicht stimmen!
Denn es ist doch beides wichtig: dass auf der einen Seite die sozialen Notwendigkeiten der Menschen befriedigt werden und auf der anderen Seite die Wehrfähigkeit des Landes gewahrt ist. Beides muss finanziert werden – und es ist absurd, die eine Not gegen die andere auszuspielen. Da wachsen halt dann am Ende auch bei der in einem gewissen Rahmen notwendigen Nachrüstung unseres Landes die Bäume buchstäblich nicht in den Himmel.
Noch abwegiger war, dass sich Friedrich Merz als Kanzler der Reformen verkaufte. Er sei deshalb so unbeliebt, sagte er, weil er jetzt am Anfang (!) seiner Regierungszeit schmerzhafte Reformen angehe. Dabei ist aber längst erkennbar: Das sind doch keine Reformen, sondern eher Reförmchen, die angedacht werden; und selbst die werden auf dem Rücken der Bürgerinnen und Bürger in der Mitte der Gesellschaft ausgetragen.
Die einzig echte und so dringend notwendige Reform, die dem Land wirklich helfen könnte, nämlich Privatvermögen und Spekulation mit Immobilien wesentlich stärker zu besteuern und zudem Bemessungsgrenzen bei Versicherungsleistungen zu vergrößern und dafür auf der anderen Seite die Unternehmen und die Mitte der Gesellschaft wirklich zu entlasten, die wird ja gerade nicht angegangen! Friedrich Merz verteidigt bloß den Status quo in einer Gesellschaft, wo die Schere zwischen reich und arm immer weiter auseinandergeht.
Eines ist doch klar: Wenn die Bürgerinnen und Bürger in der Mitte der Gesellschaft dann doch weiter so stark belastet bleiben, auch deshalb, weil staatliche Leistungen erkennbar zurückgefahren werden, dann müssen diese Menschen in den Unternehmen deutlich besser verdienen, um ausreichend Eigenvorsorge zu betreiben. Eine Belastung in der Mitte der Gesellschaft bei denen, die täglich in den Betrieben des Landes mitarbeiten, ist so auch immer eine zusätzliche Belastung für die Unternehmen. Und umgekehrt ist eine echte Entlastung der Mitte der Gesellschaft auch eine Entlastung für die Unternehmen, denen damit weniger Aufgaben aufgebürdet werden.
Das geht aber nur, wenn Einkünfte aus Immobilien und Kapitalerträgen in diesem Land endlich wesentlich stärker besteuert werden. Irgendwo muss das Geld ja herkommen! Aber all diese Zusammenhänge sind bei dieser Bundesregierung wohl bisher eher unbemerkt geblieben – oder, noch wahrscheinlicher, sie werden ganz bewusst ignoriert.
Es fiel bei diesem Interview auch auf, wie wenig differenziert der Kanzler über Sachverhalte sprechen kann. Er wirkte wie ein Abiturient, der noch niemals in einem Betrieb mitgearbeitet hat und der also bei der Abiturprüfung schön brav sein auswendig gelerntes Sprüchlein von „Freiheit statt Sozialismus“ aufsagt. Auch wenn Friedrich Merz gleichsetzend von den „Radikalen“ auf der linken und rechten Seite der Parlamente spricht, verstärkt sich dieser Eindruck noch: Denn selbst der hoch anerkannte ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert, ebenfalls CDU, hat vor gar nicht so langer Zeit in einem Gespräch mit unserer Mediengruppe sich dagegen verwehrt, die Partei Die Linke mit der AfD gleichzusetzen. Während auf der linken Seite des Bundestags anerkannte Politiker wie Gregor Gysi oder Jan van Aken äußerst sinnvolle Gedanken und Redebeiträge einbringen, bleibt die AfD ein deutschtümelndes Ungeheuer. Das kann man doch nicht holzschnittartig gleichsetzen!
Insgesamt wurde bei dem Sommerinterview wieder einmal der biografische Hintergrund des Politikers spürbar, der nach Ausbootung durch Angela Merkel sich fast 20 Jahre aus der Politik zurückzog und als sogenannter „Türöffner“ bei einer finanzstarken Vermögensverwaltung mehr oder weniger tätig war. Wo soll da echte und authentische Lebenserfahrung auch herkommen?
Sprechend war doch auch das allseits abgedruckte Foto der Kabinettsklausur auf Schloss Neuhardenberg vor zwei Wochen: Selbstzufrieden in der Mitte seiner Getreuen nestelt der Kanzler an seiner Krawatte – ein befremdliches Bild! Immer wieder wird eingewandt, dass auch bei einem anderen Kanzler die Probleme bleiben würden und wir uns deshalb mit Friedrich Merz abfinden sollen. Aber das ist doch Unsinn: In jeder Mannschaft, in jedem Unternehmen spielt der Kapitän eine ganz entscheidende Rolle. Er kann wesentliche Strukturen bestimmen oder auch verändern. Lassen wir uns bloß nicht einreden, dass wir uns mit diesem Bundeskanzler Friedrich Merz zufriedengeben müssen!
Straubinger Tagblatt vom 4. September 2026