Ödipus als Krieger – Was treibt eine Gesellschaft immer wieder in den Krieg? Ein Essay über männliches Begehren, Macht und die Sehnsucht, im Kampf Sinn zu finden.

Die Welt der griechischen Mythen ist eine Welt des Mordens. Alles, was wir beim hellen Tagesbewusstsein noch nicht einmal zu denken wagen, geschieht dort in größter Grausamkeit! Eifersucht, Rache und schon wieder Rache, das sind die Motive, die die Welt des antiken Mythos durchziehen.
Da ist König Ödipus fast schon harmlos. Er will ja seinen Vater, den König Laios, den er nicht kennt, weil der ihn als Sohn in frühester Kindheit weggegeben hat, gar nicht töten; es wurde ihm freilich vom Orakel in Delphi geweissagt, dass er ihn töten würde – und so läuft er vor diesem Mord davon. In ein anderes Land, um genau zu verhindern, was am Ende geschieht. Bei einem Streit auf offener Straße kommt es zum Handgemenge und er tötet erst die Diener von Laios, des Königs von Theben, am Ende den König selbst. Er weiß nicht, wer er selbst ist – und auch nicht, dass sein Vater vor ihm steht. Am Ende heiratet er die Witwe von Laios, Jokaste, seine eigene Mutter.
Vor gut 100 Jahren hat Sigmund Freud diese Erzählung zum Grundbestand seiner psychoanalytischen Deutung jedes Mannes gemacht: alle Söhne dieser Welt seien eifersüchtig auf den Vater, der die entscheidende Stelle bei der Mutter besetzt halte. Der berühmte Ödipuskomplex! Und weil diese Stelle an der Seite der Mutter vom Vater besetzt sei, spürten die Söhne die dringende Aufforderung, sich zum Mann zu entwickeln, um sich selbst eine Frau zu erobern.
Der Ödipuskomplex gilt heute in der Psychologie immer noch als entscheidender Aspekt jeder Entwicklung eines Jungen; nur dort, wo er nicht aufgelöst werden könne, wird er als krankhaft bewertet. Aber dennoch greift die Deutung von Sigmund Freud heute zu kurz!
Darauf hat vor allem der geniale französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hingewiesen: Denn alle Männer sind doch Söhne! Wenn im Ödipuskomplex Vater und Sohn primär gegeneinander ausgespielt werden, was ist denn dann am Ende noch das Verbindende in einer Gesellschaft?
Lacan betont im Unterschied zu Sigmund Freud, dass alle Männer dieser Welt immer im Zeichen des Begehrens stehen. Nicht nur der Sohn, dessen Begehren vom Vater blockiert sei. Auch der Vater. Väter und Söhne stünden gemeinsam immer im Zeichen des Begehrens, alle Männer auf dieser Welt seien dazu verdammt, nicht nur bei den Frauen erfolgreich zu sein. Sondern es gelte, sich aus dem Leben etwas zu erkämpfen: einen Beruf, gesellschaftliche Anerkennung, Akzeptanz bei den Frauen, Akzeptanz bei anderen Männern.
Lacan betont also im Unterschied zu Sigmund Freud das verbindende Moment des Ödipuskomplexes; und vor allem: weil diese Aufforderung, aktiv zu sein, erfolgreich zu sein, jeden Tag wieder neu vor der Haustür jedes Mannes wartet, erzeugt sie – nach Jacques Lacan – die entscheidende gesellschaftliche Dynamik, die es brauche, um das Leben in Schwung zu halten.
Das ist natürlich eine sehr männerzentrierte Sicht auf diese Welt, die so vor allem im Zeichen der Differenz von Mann und Frau steht; aber jeder Mann spürt dann doch jeden Tag wieder neu, wie viel Wahres diese Sicht auf die Welt von heute hat! Jacques Lacan nimmt also den Ödipuskomplex aus der Perspektive der einzelnen Familie und eines einzelnen Entwicklungsprozesses heraus und öffnet ihn als Grundmuster auf die gesamte moderne Gesellschaft hin. Der Ödipuskomplex sorgt so nach Lacan nicht nur für die je eigene individuelle Entwicklung eines Menschen, sondern balanciert als gemeinsame Grundlage von Mann und Frau ein verbindendes gesellschaftliches Prinzip aus.
Männer müssen sich einfügen in das Ordnungsprinzip, das der Ödipuskomplex stiftet. Sie können dem Kreislauf des Begehrens nicht entgehen, es sei denn, sie verweigern sich der gesellschaftlichen Teilnahme. Allerdings gibt es auch nach Lacan ein Problem: Kein Begehren kann dauerhaft erfüllt sein!
Immer wieder neu müssen Männer Anlauf nehmen, um sich Befriedigung zu erwerben. Im Beruf, aber auch in der Sexualität. Kein erfülltes Begehren ist auf Dauer erfüllt. Das beschreibt Lacan mit dem Begriff der „partiellen“ Erfüllung; und es ist auch klar: Würde irgendjemand auf dieser Welt zum erfüllten Augenblick mit Johann Wolfgang von Goethe tatsächlich sagen können: „Verweile doch, du bist so schön“, dann würde diese Welt sich nicht mehr drehen, alles wäre Stillstand, die Gegenwart eingefroren für immer!
Johanna Danis war eine der bekanntesten Psychoanalytikerinnen Deutschlands. Bis ins hohe Alter versammelte sie in einem Hotel in München einmal im Monat ihre Schüler, aber auch Freunde zu Vorträgen und Gesprächen, bevor sie hochbetagt 2014 starb.
In der Folge Lacans arbeitete sie immer wieder heraus, dass es im Leben darum gehe, in der Wirklichkeit anzukommen. Teilnehmen zu können in der Welt der Anderen, also der Welt, wo das Leben echte Früchte einbringt. Sich der Dynamik des Lebens stellen. Und so in den Sinn des Lebens, immer wieder neu hineinzufinden.
Der Gegenbegriff dazu war für Johanna Danis die Welt der Verführung! Falsche Schätze, fauler Zauber! Wenn ein Referent in ihrer Gegenwart auch nur die Andeutung eines allzu leichten oder allzu schönen Satzes von sich gab, unterbrach sie ihn mit den Worten: „Das war jetzt eine Verführung, das können Sie streichen!“
Dem bloßen Fluss der Zeit etwas Wirkliches abzugewinnen, das war für sie der Sinn des Lebens, indem dem Leben eine sinnhafte Struktur abgewonnen werden kann; nicht nur mitzuschwimmen im Fluss des Lebens, „sondern das fließende Geschehen in seiner Täuschung zu erkennen“ – und den eigenen Sinn im Leben zu finden: in der dauerhaften Liebe, im Beruf, in Freundschaften.
Dort sei Leben in seiner Dynamik, aber auch in Kontinuität, die der Mensch in unruhigen Zeiten brauche!
An diesem Punkt ihres Denkens kommt ein besonders interessanter Aspekt zum Vorschein: Denn das Friedfertige, das in der so mühsam zu pflegenden Freundschaft oder auch Liebe gelinge, bleibt für Johanna Danis immer durch das archaische, ungebundene Begehren, das im Mann stecke, gefährdet.
Und dieses Begehren gefährde nicht nur die dauerhafte verbindliche Liebe eines Mannes zu einer Frau oder auch die verbindliche Freundschaft mit anderen Männern oder die Mitarbeit in einer friedvollen Gesellschaft, sondern es führe aus seiner archaischen Wurzel heraus auch in den Krieg!
Johanna Danis: „Es ist nicht der Hass, der die Männer in den Krieg treibt, es ist ein anderes Tief im Unbewussten schlummerndes Begehren, das sie an-treibt (das Wort hat doch mit „Trieb“ zu tun!). Ein durch Angst versperrtes, verriegeltes Begehren drängt den Mann zum Mann. Und wenn es den „Feind“, den im Imaginären geschaffenen, nicht gäbe, würden die Männer sich liebend töten.“
(J. Danis, Krieg aus psychosymbolischer Sicht, 1999)
Was heißt das? Das bedeutet, dass in jedem Mann immer die Sehnsucht nach Gewalt schläft oder lauert. Dass der Kain, der Mörder, der in jedem von uns steckt, wie es der Psychoanalytiker Werner Huth beschrieb, immer wartet, dass er gerufen wird, um aus den Chancen eines friedfertigen Lebens in die Welt zurückzukehren, um dort zu töten und zu morden!
Johanna Danis: Der Krieg steht im Zeichen des „Wiederholungszwangs des Todestriebs“, er folgt dem sinnlosen Prinzip eines „primitiven, dem Verfolgungswahn“ gehorchenden Zwangs, Leben auf die Dialektik von „Gut und Böse“ zu reduzieren – und gleichsam als Guter mit Gewalt das Böse zu bekämpfen. Die Regression aus dem mühsamen Weg der Liebe zurück ins reine archaische Begehren führt also für Johanna Danis in den Krieg. Der Alltag eines zivilisierten Lebens wird nicht mehr ertragen, ersehnt wird die Radikalität des Kampfes unter Männern.
Der partielle Sinn, in einer zivilisierten Gesellschaft leben zu dürfen, wird als ungenügend erlebt und führt zum Begehren des Krieges. Die Lust am Töten ist es, was für Johanna Danis der innerste Grund für den Krieg ist. „Den perversen Prozessen liegt viel weniger das Ziel, zu schaden, zugrunde, als das Ziel, zu genießen“, so zitiert sie den französischen Psychoanalytiker Joel Dor.
Der Krieg als Suche nach Sinn: „Die Sehnsucht nach männlicher Verbrüderung, Unterstützung, Anerkennung, Stärkung, ist ein in unbewusster Verdrängung lebendes Hauptbegehren in jedem Mann. Und dieses Begehren wird (im Krieg) voll und ganz befriedigt und enttäuscht: Essenz des Perversen, circulus vitiosus! In jedem Krieg! Und die Frauen müssen warten, bis die Männer, die wenigen, die übrig bleiben, aus ihrer Enttäuschung zu ihnen zurückkehren.“ Der Krieg als fatale Verführung!
Wie lustvoll sich der zu diesem Zeitpunkt seiner politischen Karriere schon im Niedergang befindliche ukrainische Ministerpräsident Wolodymyr Selenskyj mitsamt seiner Entourage auf den ihm vor gut vier Jahren von Putin aufgedrängten Krieg einließ, war selbst für psychoanalytische Laien nicht schwer zu erkennen. Er nahm den Kampf gerne an!
Auch ein Offizier der Ukraine, eigentlich Professor im Hauptberuf, berichtete mir im langen persönlichen Gespräch, wie erfüllend sein Dienst an der Front für ihn sei. Er und seine Kameraden würden das auch gar nicht „Krieg“ nennen, sondern „Arbeit“.
Aber diese Perversion des Krieges zeichnet sich auch in die westeuropäische Gesellschaft bei so manchem ein. Der CDU-Politiker und Oberst der Reserve Roderich Kiesewetter fährt alle vier Wochen in die Ukraine, um den Pulverdampf zu genießen – und fordert im Fernsehen danach mit fanatischem Blick immer noch mehr Aufrüstung.
Und Carlo Masala, der bis zu diesem Krieg vollkommen bedeutungslose Bundeswehrprofessor, zelebriert lustvoll die Schlachtpläne bei Markus Lanz für ganz Europa, wie ein Offizier, der sich schon im Krieg über eine Landkarte beugt.
Und die Bundesregierung? Wirft sich auf den Truppenübungsplätzen die Kampfanzüge der Bundeswehr über, dem Bundeskanzler auf der Brust sogar den Namen „Merz“ aufgetragen, als wäre er der oberste Generalissimus des Landes!
Dabei fehlt doch auf den leeren Schulterklappen sogar der eine Strich, den schon ein Gefreiter nach drei Monaten am Revers trägt. Aber wo die Lust am Regieren jeden Tag mehr der Frustration des Scheiterns weicht und die eigene Wirklichkeit immer bitterer wird, da bietet der zelebrierte Moment auf dem Truppenübungsplatz wenigstens für ein paar Stunden das Gefühl, als Mann, der immerhin noch sich selbst als potent erscheint, die Dinge im Griff zu haben! Was für ein absurder Aberwitz, den wir da erleben!
Straubinger Tagblatt vom 16. Mai 2026