Am 23. Oktober 1956 sitzt der knapp vierjährige Leslie Mandoki auf den Schultern seines Vaters in Budapest. Er erlebt, wie die „Pester Jungs“ die Stalin-Statue zu Fall bringen. Es ist der Beginn des Aufstands gegen das kommunistische Regime und die sowjetische Besatzung. Doch der Freiheitskampf währt nur kurz: Am 4. November überrollt die Rote Armee mit Tausenden Panzern das Land. Bis zu 3.000 Menschen verlieren ihr Leben, 200.000 fliehen ins Ausland. 70 Jahre danach erinnert Mandoki nun mit dem Projekt „Sehnsucht nach Freiheit“, das ein Buch, einen Film sowie eine Konzert-Reihe umfasst, an die Ereignisse von damals – und stellt einen Bezug zur Gegenwart in Europa her. Unsere Mediengruppe hat mit ihm darüber gesprochen.
Herr Mandoki, was hat den Ausschlag für dieses Projekt gegeben?
Leslie Mandoki: Als ich begonnen habe, darüber nachzudenken, waren meine drei Kinder in derselben Altersstufe wie die jungen Leute 1956. An einem Sonntag nach dem Familienfrühstück haben wir über ihre Großväter gesprochen, die Kämpfer von damals. Über meinen Vater, dessen Schreibtisch heute in meinem Arbeitszimmer am Starnberger See steht, dessen Türen die Russen mit ihren Gewehrkolben eingeschlagen haben, weil sie die Holzschnitzereien für religiöse Symbole hielten. Ihr anderer Großvater ist geflüchtet, nachdem er sechs Jahre lang als aktiver Student gegen die Kommunisten in Budapest im Gefängnis gesessen hatte. „Denkt über eure Großväter und euren Vater nach“, habe ich gesagt. „Ihr kennt nur wachsenden Wohlstand, Freiheit und Frieden – seid gewappnet, das auch zu bewahren.“
Sie selbst sind in der Diktatur des „Gulaschkommunismus“ groß geworden und mit 22 Jahren zu Fuß durch den Karawankentunnel zunächst nach Österreich und dann weiter nach Bayern geflohen.
Mandoki: Ich wurde als musikalisches Sprachrohr der studentischen Freiheitsbewegung gesehen und von den Kommunisten verfolgt. Dabei wollten wir den Sozialismus nicht einmal abschaffen – so weit waren wir noch gar nicht. Wir wollten einfach keine Zensur mehr. Wir wollten reisen dürfen, uns mit dem Westen musikalisch messen. Deshalb musste ich flüchten, Schießbefehle hin oder her.
Ihre erste Station in Deutschland war ein Aufnahmelager für Asylbewerber in Zirndorf. Wie war das?
Mandoki: Ich gehöre zu der glücklichen Flüchtlingsgeneration, die keine Willkommenskultur erleiden musste: keine Plüschtiere, keine Integrationsangebote, nicht einmal einen Sprachkurs. Dafür durfte ich meine Selbstwirksamkeit prüfen – und habe zweieinhalb Wochen später schon als Schlagzeuger im Schwäbischen Landestheater gespielt. Noch einmal zweieinhalb Monate später hatte ich meinen Asylpass.
Wie haben Sie Deutschland damals empfunden? Anders als heute?
Mandoki: Absolut. Das Land war Mitte der 1970er verliebt in das Gelingen. Es strotzte vor Kraft und Gestaltungswillen. Deutsch habe ich damals so gelernt: Auf der linken Seite die „SZ“, auf der rechten die „FAZ“ und mittendrin ein Wörterbuch. Diese beiden wunderbaren Tageszeitungen waren nur bei zwei Themen derselben Meinung: beim Wetterbericht und dem Fernsehprogramm. Ich war der Zensur entflohen und dachte: „Wow – dieses pluralistische Paradies. Alles ist sagbar, alles steht im Diskurs!“ In Ungarn war der aggressive kommunistische Imperialismus spürbar gewesen. Doch dieses Deutschland von damals mit Friedensbewegung und Ostermärschen war so was von friedfertig. Die Lehren aus der Geschichte waren spürbar gegenwärtig. Heute ist davon nicht mehr viel wahrzunehmen. Das ist nun der konkrete Anlass für dieses Buch. Die Vergangenheit beleuchtet unsere Gegenwart und weist uns den Weg in die Zukunft.
Was genau meinen Sie?
Mandoki: Ich glaube, wir spüren alle, dass wir in einem Labyrinth der Krisen stecken. Der Kompass ist verloren gegangen, vor allem der Sinn für Generationengerechtigkeit. Aber ich bin nicht bereit, die Instagram-Generation aufzugeben. Wir müssen hinhören, was sie bewegt und wo sie steht. Und wir dürfen keine Repräsentationslücke zulassen, sonst geschieht, was wir aktuell sehen: dass im Prinzip die Hälfte der Unter-24-Jährigen die AfD oder die Linke gewählt hat.
Zuletzt sind in vielen Städten Deutschlands Jugendliche auf die Straße gegangen, um für eine bessere Zukunft zu demonstrieren. Wie bewerten Sie die Proteste?
Mandoki: Zweigeteilt: Bei Randale, Plünderungen und Angriffen auf die Polizei muss der Rechtsstaat durchgreifen. Das geht nicht, da sind kriminelle Banden unterwegs. Aber den intellektuellen Ansatz der friedlichen Demonstrationen trage ich mit. Wenn ich heute 18 Jahre alt wäre, würde ich auch auf die Straße gehen.
Für was – oder wogegen?
Mandoki: Unser Bundeskanzler hat sich zum Beispiel von einem abgewählten Bundestag eine Billion Euro Sonderschulden auf Kosten dieser Generation genehmigen lassen, entgegen seinem klaren Wahlversprechen, die Schuldenbremse aus Gründen der Generationengerechtigkeit einzuhalten. Davon hätte ein massiver Anteil in Bildung investiert werden müssen. Und wenn wir uns selbst zu einem Einwanderungsland erklären, dann auch in eine frühkindliche Wertevermittlung bis hin zu den Spitzenunis, die sich international wieder messen lassen können, nicht nur aus München, sondern auch aus unserer Hauptstadt. Das wäre eine wahrhaftige Investition in die Zukunft gewesen. Es gibt einen Schlüssel für die Lösung vieler Probleme in unserem Land: Bildung! Gerade am Anfang ist es substanziell, dass bei uns alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer soziokulturellen und sozioökonomischen Herkunft gleiche und exzellente Bildungschancen erhalten.
Was müsste die Politik liefern für die Jugend?
Mandoki: Eine große Vision, ein klares Narrativ – und eine Mehrheit von über 60 Prozent dafür. So was gibt es nicht in der deutschen Politik? Doch! Bayern war nach dem Krieg das ärmste Bundesland und die Vision war: Wir werden das wohlhabendste! Das Narrativ war: Laptop und Lederhose! Und bei den Landtagswahlen gab es dafür mehr als 60 Prozent. Die Jugend von heute ist sehr wohl bereit, sich einzusetzen. Aber sie vermisst das Urversprechen, dass sich von Generation zu Generation die Lebensumstände verbessern. Das ist der große Fehler unserer Zeit: Es gibt kein Leitbild, keine Zukunftsvision – vielmehr wackeln die Gewissheiten und dadurch schwindet auch der Zusammenhalt.
Wie blicken Sie nach 52 Jahren in Deutschland auf Ungarn?
Mandoki: Ich habe während der kommunistischen Gleichschaltung als Teenager erlebt, dass es die Nation an sich nicht wirklich geben sollte, keine nationale kulturelle Identität, keine Hymne, nur die Internationale, so war die Vorgabe der Sowjet-Russen aus Moskau. Dass wir nicht Englisch lernen oder Deutsch, sondern von Kuba bis Nordkorea als Zweitsprache Russisch sprechen. Dazu Zensur, Bespitzelung, Folter und Schießbefehl. Das ist, wo Ungarn herkommt bis 1989. Diesen Kommunismus hat nicht der Westen abgeschafft. Es waren die nationale Bewegung, die kulturelle Besinnung auf die eigene Identität, das Wieder-Auspacken der Nationalfahne. Sie haben 1989 die Russen wieder fortgejagt. Es begann damit, dass die Studenten dafür demonstrierten, dass die Helden von 1956 anständig beerdigt und nicht länger als „Söldner des Westens“ verunglimpft werden. Dann kamen die DDR-Flüchtlinge. Die Budapester haben 30.000 von ihnen aufgenommen, obwohl es gegen das Gesetz war – schließlich hat Ungarn den Eisernen Vorhang geöffnet in Richtung Österreich. Und der Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow hat es zugelassen.
Seit Februar 2022 führt der russische Präsident Wladimir Putin einen grausamen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Wie blicken Sie auf diesen Krieg?
Mandoki: Dieses Töten und Zerstören ist grauenvoll! Mein Ansatz wäre: Zurück zu Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Henry Kissinger und Hans-Dietrich Genscher! Diese großen Diplomaten haben mit „Sticks and Carrots“ gearbeitet, mit Interessenausgleich und dem Primat der Politik. Heute herrscht das Primat des Militärischen. Putin wollte es so, und das dürfen wir nicht weiter zulassen. Der Historiker Eckart Conze hat sehr treffend geschrieben, dass Kriege wahrscheinlicher werden, wenn das Primat der Politik wegfällt. Genau das geschieht zurzeit – und wir machen mit bei dieser militärischen Hochschaukelei. Unsere Ausgaben für den Krieg steigen und steigen, die Gewinne der Rüstungsfirmen ebenso. Ich verstehe sehr gut, wenn heute die Kinder sagen: „Ich will nicht eingezogen werden.“ Also reden wir! Und das mit Putin durchaus konfrontativ, weil zu viele junge Leute täglich sterben. Putin wird sich nie verändern, aber das Bild ändert sich durch sein mörderisches Treiben. Und das wird unterschätzt.
Was treibt Putin Ihrer Meinung nach an?
Mandoki: Den Kern davon hat mir Gorbatschow erklärt, der immer ein großer Putin-Kritiker war. Er sagte: „Wir Russen haben 1989 so verstanden, dass wir dem freiheitlichen Westen beigetreten sind, dem Europäischen Haus, dass wir in die Nato eintreten und in die EU.“ Das Verständnis von George Bush Senior sei allerdings gewesen, dass die Russen den Kalten Krieg verloren haben. Das war eine abwertende Beleidigung für die Russen. Dann versuchte Putin auf der Sicherheitskonferenz 2007 im Bayerischen Hof die Situation Russlands zu erklären, aber es wurde über ihn hinweggegangen. Und dann sagte Barack Obama auch noch, Russland sei lediglich eine Regionalmacht. Fehler über Fehler, auch durch Unkenntnis der russischen – durchaus militanten – Mentalität, die jetzt alle mit Menschenblut bezahlen. Tragisch!
Sie werden im Rahmen Ihres Projektes auf Tournee gehen. Was ist genau geplant?
Mandoki: Wir spielen 15 Konzerte, quer durch Deutschland, ab Ende April. Ich habe lebenslang in großen legendären Konzerthäusern gespielt – in London, New York, Paris –, aber mit der Thematik dieses Buches und des Films will ich in kleine Clubs gehen: höchstens 500, 600 Leute, auf Augenhöhe, nur akustisch. Es ist mir sehr wichtig, das Publikum miteinzubeziehen und in einen Dialog zu treten. Als Künstler sehe ich immer die Aufgabe, ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft zu sein, Gegen-den-Strom-Schwimmer, Leitplanken-Erweiterer und Brückenbauer zugleich. Selbst dort, wo Hass, Spaltung und die unterschiedliche Sicht auf die Dinge die Brückenpfeiler zum Einsturz gebracht haben, müssen wir wieder Räume für Begegnung schaffen. Es geht um das, was uns verbindet, nicht das, was uns trennt. Um das Gemeinsame, den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Um den Erhalt von Freiheit und Frieden – das ist mein kleiner Beitrag zum verlorenen Kompass. Es geht aber auch um eine Mahnung. Der letzte Song auf unserem Album und bei Konzerten ist „The Torch“, da sage ich am Ende: „Wir haben einen Abend verbracht für die Ehrlichkeit, für die Aufrichtigkeit – und eigentlich müssten wir jetzt die Fackel weitergeben. Aber das können wir nicht. Die Welt in diesem Zustand an die Jugend weiterzugeben, ist unanständig.“
Interview Professor Dr. Martin Balle und Nathalie Kettinger
Straubinger Tagblatt vom 7. November 2026