Leitartikel: Historische Emergenz – Nichts muss so bleiben, wie es zurzeit ist

Ein Begriff, den man bei dem amerikanischen Autor und Vertreter der sogenannten transpersonalen Psychologie Ken Wilber immer wieder liest, ist der der „Emergenz“. Emergenz bedeutet, dass in der Entwicklung des Menschen oder auch der Geschichte der Menschheit immer wieder auf einmal Entwicklungsschritte oder besser Entwicklungssprünge geschehen, die aus dem, was bislang vorher da war, nicht erwartbar waren. Die plötzlich auf einmal da sind und eine völlige Überraschung darstellen. Ein neues Bewusstsein, eine neue Situation, aber eben nicht ableitbar aus dem, was vorher erkennbar auf dem Tisch lag: also eine überraschende Wendung der Dinge! Eine Eigenart des Menschen jenseits aller Technik, ein Aspekt seiner Natur, ein Geschenk Gottes, wenn man so will.
Auf der Ebene der Person: Das kennt jeder aus seiner eigenen Entwicklung. Plötzlich eine Selbstwahrnehmung, die man vorher nicht hatte – und die eben auch nicht erwartbar war. Bekehrungserlebnisse, die im Lauf der Geschichte von prominenten Personen immer wieder erzählt wurden, gehören als Extremfall dieser Möglichkeit des Menschen hierher. Aber auch auf der historischen Ebene: Niemand hätte im Jahr 1987 auch nur annähernd erwartet, dass zwei Jahre später, im Jahr 1989, die Mauer zwischen West- und Ostdeutschland fallen würde und das auch noch friedlich – das Wunder der Wiedervereinigung, wie es immer wieder von Politikern, aber auch von Philosophen genannt wurde.
In unserem Alltagsbewusstsein sind wir dieses Aspektes der Emergenz unseres Lebens kaum gewahr. Wir haben den Eindruck, dass alles so bleibt oder auch bleiben muss, wie es zurzeit nun einmal ist. Donald Trump, Elon Musk, Wladimir Putin und der unheilvolle Krieg in der Ukraine. Dazu das schlimme Hineinkippen des eigenen Landes in Kriegsfantasien und eine überdimensionierte Rüstungsindustrie und natürlich die KI (künstliche Intelligenz), über die täglich, ja stündlich auf allen Kanälen berichtet wird. Unheilvolle Szenarien, die heute mit ihren bösen Schatten erst einmal kaum abwendbar oder veränderbar erscheinen.
Dabei ist die KI gerade das beste Beispiel für eine Welt, die nicht im Zeichen der Emergenz steht. Denn dort wird nur das Sprechen gesammelt, verwaltet und verwertet, das schon geschehen ist. Ein riesiges Zentralarchiv von schon gesprochener Sprache, das aber außerhalb jeder lebendigen Entwicklungsmöglichkeit steht und eben gerade keine Chance auf einen Entwicklungssprung hat, den Wilber als Emergenz gelten lassen würde. Menschliches Bewusstsein ist von daher der KI radikal überlegen, auch wenn die KI jeden Schachweltmeister wahrscheinlich längst schlagen würde. Die Grenzen der KI werden bald noch deutlicher werden, als wir das heute schon spüren können.
Aber auch für die Gegenwartsgeschichte auf dieser Welt gilt: Dinge ändern sich. Donald Trump wird nach dieser Amtszeit Geschichte sein – und dass sein Nachfolger noch böser sein wird als er, das ist doch gar nicht ausgemacht. Ein Bewusstsein, das sich depressiv dahin gehend stimmen lässt, dass es sowieso keine Hoffnung gibt, arbeitet selber mit an einer Welt, die so nicht besser werden kann. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine wird irgendwann enden, je schneller, desto besser, und Putin wird nicht ewig leben, auch wenn er das in Gesprächen mit anderen Regierungschefs vor laufenden Kameras so andeutet. Depression und Defätismus sind immer noch die allerschlechtesten Ratgeber, wenn wir über die Zukunft des Planeten nachdenken.
In dieser Woche gab es auf jeden Fall zwei Entwicklungen, die vollkommen überraschend waren. Die erste: nicht nur, dass der serbische Nationalist Aleksandar Vucic abgewählt wurde, sondern dass das mit einer Liste geschah, auf der sich Menschen zusammengetan hatten, die einfach eine bessere Welt wollen: Studierende, Professoren, bekannte und angesehene Bürgerinnen und Bürger des Landes – und das in Serbien! So etwas hat es lange nicht gegeben.
Und die zweite: der Wahlsieg Lula da Silvas in Brasilien. Weit war er abgeschlagen in den Umfragen wenige Wochen vor der Wahl. Schon hatte man vor dem geistigen Auge Flávio Bolsonaro seinen Wahlsieg feiern, seinen korrupten Vater begnadigen und die Glückwünsche von Trump entgegennehmen sehen. Aber nichts davon ist geschehen! Brasilien, das für die globale Entwicklung des Planeten so unendlich wichtig ist, bleibt Partner einer humanen Sicht auf die Welt.
Und dass ein Vorstandsvorsitzender eines deutschen Autokonzerns, der gerade schon Teile seines Ladens für die Rüstungsindustrie umfunktioniert hat, damit die Rendite stimmt, sich letztes Wochenende zu Donald Trump im Wahlkampf auf die Bühne stellt, hat auch einen Vorteil: Wir wissen jetzt noch genauer, wie wir dran sind bei Managern, die dem kalten Kapitalismus ihre, aber halt auch unsere Welt unterordnen wollen. So können wir uns auf jeden Fall noch besser wehren!
Straubinger Tagblatt vom 30. Oktober 2026