Die drei Phasen Selenskyjs: Der Lebensweg des ukrainischen Präsidenten war zunächst von Idealismus geprägt, ehe ihm seine Selbstüberschätzung zum Verhängnis wurde

Die vorletzte Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ widmet sich in unglaublich differenzierter Form dem Lebensweg des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj seit Beginn seiner Amtszeit bis heute. In dem ausgesprochen gut informierten Text werden drei Phasen des Präsidenten der Ukraine herausgearbeitet.

Die erste Phase vom Amtsantritt bis zum Beginn des Krieges in der Ukraine: Selenskyj wird als euphorischer Präsident gezeichnet, der sein Land nach vorne bringen will. Mit Idealismus und mit besserer Infrastruktur. In gewisser Weise liebenswert, aber auch sehr amateurhaft. Der „Spiegel“ schreibt: „Wie Trump gab Selenskyj einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Für jemanden, der jahrelang im Fernsehen Witze über Politiker gerissen hatte, wusste Selenskyj erschreckend wenig über Politik.“

Als zweite Phase seiner Regierungszeit werden die ersten Monate des Krieges in der Ukraine diagnostiziert. Hier wird Selenskyj ausgesprochen positiv bewertet: „Churchill, das war Selenskyjs neue Rolle. Sie stand für trotzige Entschlossenheit im Angesicht einer Übermacht, für die Verteidigung einer Demokratie, für den Schulterschluss mit den Vereinigten Staaten und dem Westen.“ Der Umschlag ins Negative kommt dann, so der Text weiter, als Boris Johnson bei seinem Besuch in Kiew am 9. April 2022 den Präsidenten mit seiner Regierungsmannschaft ermutigt, den Krieg weiterzuführen. Nochmals wird der ukrainische Unterhändler Dawyd Arachamija zitiert, der damals in einem Interview sagte: „Als wir aus Istanbul zurückkehrten, kam Boris Johnson nach Kiew und sagte: ‚Wir werden gar nichts unterschreiben, lasst uns kämpfen.‘“ An diesem Punkt, so beschreibt es der „Spiegel“ sehr exakt und ausführlich, begann der Höhenflug und die Selbstüberschätzung der ukrainischen Regierung. Der „Spiegel“ urteilt: „Aus der Ukraine, die am Rande des Abgrunds stand, wurde eine Ukraine, die auf ihre Überlegenheit über Russland vertraute.“ Selenskyj ging in diesem manischen Selbstbewusstsein voran. Zitiert wird ein enger Vertrauter von Selenskyj, der sagt: „Selenskyj ist wie ein Kind. Er denkt: Wenn man etwas nur fest genug wünscht und daran glaubt, bekommt man es auch.“

Selenskyj ist mit dem „Krieg regelrecht verwachsen“

Selenskyj vergisst in dieser langen dritten Phase seiner Regierungszeit, so beschreibt es der Text ausführlich, plötzlich die politischen Möglichkeiten seines Amtes und vertraut nur mehr der Kraft der Gewalt. Der in Kiew lebende und lehrende Politologe Wolodymyr Fessenko urteilt: „Ich glaube, Selenskyj ist psychologisch nicht bereit für ein Ende des Krieges, bei dem er nicht der Sieger ist.“ Bis in seine äußere Erscheinung hinein – vom Bart bis zur paramilitärischen Uniform – sei er mit dem „Krieg regelrecht verwachsen“.

Die jetzige und letzte Phase von Selenskyjs Amtszeit, wo der Krieg jetzt an sein Ende komme, sei, so urteilt Fessenko weiter, mit Trumps Regierungsübernahme gekommen: „Für Selenskyj war Trump als Friedensstifter ein Rettungsring.“ Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ fasst so zusammen: „Nun war da jemand, der ihm die Aufgabe abnahm, der eigenen Gesellschaft die Notwendigkeit von Zugeständnissen einzugestehen. Selenskyj konnte dem ukrainischen Volk so sagen: ‚Nicht ich habe aufgegeben, sondern der Westen hat uns im Stich gelassen. Ihr seht selbst, die Situation hat sich geändert.‘ Der Sündenbock war jetzt ein anderer.“

Straubinger Tagblatt vom 28. Februar 2025