Der Text, die Kultur und die Macht

Das Buch „Europa“ des Münchner Literaturwissenschaftlers Jürgen Wertheimer erinnert uns daran, dass unser Kontinent über Tausende von Facetten verfügt und aus dieser Vielfalt seine Faszination bezieht

Schon als er noch in den 80er Jahren als Professor in München lehrte, war Jürgen Wertheimer eine besonders markante Figur. Rabaukig, klug, nicht bereit, etwas zu glauben oder zu lehren, was sich seinem intellektuellen Blick sofort als Fälschung verriet. Es konnte passieren, dass er mitten in einer spannenden Büchner-Vorlesung von seinem Manuskript aufsah und den Studentinnen und Studenten entgegenschleuderte: „Sie glauben ja wirklich alles, sogar dass Madonna gute Musik macht. Ihnen kann man wirklich alles verkaufen.“

Von 1991 bis 2015 war Jürgen Wertheimer dann Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen. Mit seinem Opus magnum „Europa – eine Geschichte seiner Kulturen“, das er in diesem Sommer vorgelegt hat, zeigt er, dass er von seiner Fähigkeit zur kritischen Analyse und zum eigenständigen Denken nichts abgegeben hat.

Gewalt als Thema von Politik und Literatur

Während Jürgen Habermas in seinem zweibändigen Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ in großer Feinheit die wechselseitigen Erhellungspotenziale von Vernunft und Glauben seit der Antike herausarbeitet, beschreibt Wertheimer exakt denselben Zeitraum als eine Geschichte der Literatur und der Kultur, in der es zuallererst immer auch um Macht und Deutungshoheit gegangen sei.

So fein wie bei Habermas geht es hier nicht zu. Vor allem Literatur beschreibt für Wertheimer seit Homer das Töten und Morden und hat immer auch mit den Zentren und Epizentren der Macht zu tun. Gewalt als gemeinsames Thema von Politik und Literatur. Politik braucht Erzählungen, Narrative, so Wertheimer: von Vergils Beschreibung, dass mit Aeneas ein letzter Held aus Troja Rom gegründet habe, bis hin zur Religion der Juden, die mit Jahwe ihren Helden gefunden habe.

Für Wertheimer gibt es nichts zu glauben, alle Texte sind bei ihm Dokumente einer kulturellen Auseinandersetzung, die sich zu allen Zeiten jeweils neu in Europa abgespielt habe. Auch Jesus ist für ihn nur ein Held, den genau diese Zeit vor 2000 Jahren eingefordert habe: „Jesus Christus dockt nahezu fugenlos an die Prophetien des Alten Testaments an – führt sie jedoch auf ebenso faszinierende wie frappierende Art weiter. Aus der Krise des teilweise erstarrten, teilweise mürbe gewordenen Judentums erwächst eine neue Art von Religion, von Literatur; eine neue zukunftsträchtige Variante, die in allem zeitnäher, psychologisch plausibler, historisch angemessener ist: Mit einem neuen Typus von Identifikationsfigur, die bis in die Gegenwart trägt, empfindsam, eloquent, attraktiv – ein Sympathieträger.“

Menschen und Geschichte erklären sich für Wertheimer aus ihren Trieben, aus ihren Bedürfnissen, auch aus ihren Bedürfnissen nach Geschichten. Weil ihm von vorneherein nichts heilig ist, kann er umso besser die Schattenseiten von Mythen, Erzählungen und vor allem Religionen entlarven. Machtausübung, Herrschaftskämpfe, Lügen. Das provoziert, weil der Heilsaspekt von Glauben oder auch jede Form der Spiritualität vollkommen unter den Tisch fällt, aber es hilft, das Böse zu entlarven und Ideologeme aufzudecken.

Für Wertheimer ist alles Text und Kultur und steht im Wechselspiel mit Macht und Politik. Dabei wird das ganze Ausmaß der Gewalt, das Europa in den letzten 3 000 Jahren erschüttert hat und das es auch in andere Kontinente exportiert hat, nochmals in seiner entsetzlichen Brutalität gezeigt und in seinen verheerenden Wirkungen vorgeführt – von den Kreuzzügen der Christen bis hin zur Kolonialisierung Afrikas 700 Jahre später.

Ist das alles neu? Sicher nicht, aber wie ein Seismograph zeigt Wertheimer auf, wie die Mechanismen von Macht, Gewalt und Kultur ineinandergreifen und sich so die europäische Geschichte über die letzten 3 000 Jahre entwickelt hat. Wie Kulturräume sich bekämpfen und doch zueinander gehören. Von Rom bis Byzanz. Wie Erzählungen und Mythen Kulturen begründen, sie aber auf der anderen Seite auch kritisieren. Literatur als Chance, aber auch als Gefahr: Nichts in dieser Welt ist gefeit gegen Manipulation und Lüge, auch nicht die Kunst.

Und warum erzählt uns Jürgen Wertheimer diese Geschichte nochmals auf über 500 Seiten? Weil er zeigen will, dass dieses Europa nur dann eine Zukunfts- und Überlebenschance hat, wenn es um all seine Brüche und inneren Spannungen weiß und sie nicht durch den platten und vorschnellen Politiker-Optimismus und durch bürokratische Normen zukleistern will. Indem Wertheimer die blutgetränkte und spannungsreiche Geschichte Europas bis hin zum Jugoslawienkrieg nochmals erzählt, wird klar, dass dieses Europa Tausende von Facetten hat und nur in seiner Vielfalt leben kann – und eben kein Einheitsbrei werden darf.

Europas vielstimmiges Dialogmodell als Chance

Jürgen Wertheimer: „Europa zerbricht immer dann, wenn man es in ein Paket zusammenschnüren möchte … es muss lernen, seinen überaus elaborierten Code ernst zu nehmen und unterschiedliche Wertesysteme auf Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede und Inkompatibilitäten hin zu befragen.“ Und was ist das Positive daran? „Europa sollte seine Skepsis gegenüber vereinnahmenden Mythen und Zugehörigkeitszuschreibungen jedweder Couleur bewahren … , sein hoch entwickeltes Dialogmodell nutzen, innerhalb dessen Vielstimmigkeit, Widerspruch und Widersprüchlichkeit systematisch praktiziert und eingeübt werden.“

Das Buch von Jürgen Wertheimer ist enorm wichtig, weil es zeigt, auf wie brüchigem Boden die Friedensutopie Europa steht und wie sorgsam politisch mit ihr umgegangen werden muss. Es ist aber auch gut zu lesen. Sein Autor ist hochgebildet, und er vermag es zudem, enorm süffig zu erzählen.

Jürgen Wertheimer: Europa – eine Geschichte seiner Kulturen. Penguin Verlag, München 2020, 576 Seiten, 26 Euro.

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