Leitartikel: Kriegsflüchtlinge – Jeder einzelne Mensch zählt

In diesem Sommer gab es bei einem großen internationalen Tennisturnier die Begegnung eines sehr erfolgreichen tschechischen Tennisspielers mit einem brasilianischen Jungstar. Der Brasilianer war offenkundig vor allem ein Ballkünstler, der es liebte, das Spiel als Spiel eben zu spielen. Der Tscheche war anders. Seine Schläge hatten eine geradezu mörderische Wucht. Sein Tennis lebte von der aggressiven Energie, die er mit großer Präzision auslebte. Am Ende des Spiels, das der Tscheche knapp gewann, liefen beide Tennisspieler zum Netz und schüttelten sich freundlich die Hände. Es schien fast so, als ob sie Freunde wären – und es spricht ja auch nichts dagegen, das Tennisspiel so hart zu interpretieren, wie der Tscheche das rund zwei Stunden getan hatte. Es ist ein Spiel – und die Interpretation des Spiels bleibt jedem selbst überlassen.
Auch einen Oberkellner kenne ich gut, der offensichtlich jede Woche viele Stunden im Kraftraum verbringt. Seine tätowierten Arme sind so stark, dass man denkt, der wird jetzt gleich in den Schulhof meines alten Gymnasiums gehen, um dort die Kastanienbäume auszureißen, die dort seit gefühlt 300 Jahren stehen. Dabei ist dieser Oberkellner der friedlichste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er kann buchstäblich keiner Fliege etwas zuleide tun – und wenn man ihn bittet, dem Koch in der Küche mitzuteilen, dass das Mittagessen wieder einmal sehr gut war, so gibt es keinen Dienst, den er lieber ausführen würde. Der Mann ist mit sich und der Welt im Reinen, wie man so schön sagt.
Aber die Frage stellt sich: Was würde mit dem Tschechen, der sein Tennistalent so aggressiv auslebt, oder auch dem Oberkellner, der so viel Kraft hat, passieren, wenn sie plötzlich von Politikern unter die Waffen gerufen würden? Was würden sie tun, wenn ihnen auf einmal mitten hinein in ihre schöne Alltagswelt gesagt würde, dass es jetzt gelte, das Land zu verteidigen und sie sich aufmachen sollten, als Männer ihren Mann zu stehen? Würden sie nachdenken, ob der Befehl richtig ist? Würden sie sich schnell fügen? Würden sie weglaufen?
Aus der Sicht der Wissenschaft der Psychologie kann man auf diese Frage eine recht einfache Antwort geben. Im Kopf eines jeden Menschen steckt sowohl das sogenannte Ich-Ideal als auch das Über-Ich. Diese beiden Aspekte sind im Letzten die zwei Seiten derselben Medaille, also des sogenannten Selbst des Menschen. Das Ich-Ideal kommt eher aus dem eigenen Begehren. Menschen haben eine Idealvorstellung von sich: von ihren Fähigkeiten, ihren Wünschen, von dem, was sie an Liebe in diese Welt einbringen können.
Das Über-Ich dagegen ist eher gesellschaftlich geprägt. Hier werden die Normen und Werte hinterlegt, die gesellschaftlich aufgegeben sind oder aufgegeben scheinen. Im Über-Ich sind die Befehle hinterlegt, die dem Menschen sagen: „Du musst …“, oder wie die Psychologen und Psychotherapeuten formulieren: Das „Über-Ich äugt ständig strafend-beobachtend um sich selbst“, wer wie welche gesellschaftlichen Befehle nicht einhält. Und das gilt am Ende dann eben gerade auch für die eigene Person! Das sogenannte Über-Ich eines Menschen ist recht leicht zu manipulieren – und wenn Politiker Menschen unter die Waffen rufen, dann ist genau das Über-Ich die Stelle in deren Kopf, auf die Politiker abzielen, oft genug mit großem Erfolg!
Eine solche Manipulation des Menschen beschreibt Papst Franziskus in seiner Autobiografie „Hoffe“ am Beispiel seines eigenen Großvaters, der schwer traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte: „Mein Großvater hat mir die Schrecken des Krieges geschildert, den Schmerz, die Angst, die absurde und unabweisbare Sinnlosigkeit des Krieges. (…) Mit der Zeit begriffen die meisten, dass die Feinde, aus der Nähe betrachtet, von Auge zu Auge, keineswegs die missgestalteten Ungeheuer waren, als die sie von der Kriegspropaganda gezeichnet wurden. Sie waren arme Schweine, genau wie die auf der anderen Seite.“ Und Franziskus zitiert Don Lorenzo Milani, Priester und Reformer: „Unsere Lehrer hatten vergessen, uns auf eine Binsenweisheit aufmerksam zu machen, nämlich dass die Heere immer dem Befehl der herrschenden Klasse unterstehen, (…) um die Interessen einer kleinen Klasse (…) zu verteidigen, und nicht die Interessen des Vaterlandes.“
Letzte Woche war ich Gast bei einer Veranstaltung im Hotel Bayerischer Hof in München. Vor Vertretern der Wirtschaft hielt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder eine lange Rede. Er zeichnete ein Bild der Welt von morgen für das Land und auch für Europa, wie er es sieht; es war das Bild eines technologisch gut durchorganisierten Landes, was am Ende dann auch noch in einem zweiten Vortrag von einem ehrgeizigen Manager stark vertieft wurde. Eine Welt, in der der einzelne Mensch kaum mehr zählt, kaum mehr vorkommt, sondern primär die Technik der Digitalisierung die Welt des Menschen im Rahmen von Profit und Leistung radikal bestimmt. Beim Zuhören des Vortrags des Managers kamen einem die düstersten Bilder aus den Romanen von George Orwell oder Aldous Huxley in den Sinn.
Mitten hinein in seine Rede aber sagte der Ministerpräsident tatsächlich dann auch, dass die nach Deutschland geflüchteten Ukrainer nicht länger die Sozialkassen unseres Landes belasten sollten, sondern nach Hause gehen sollten, um ihr Land zu verteidigen! Oder übersetzt: um in den Schützengräben an der Grenze der von Russland eroberten Territorien zu verrecken! Und von den Wirtschaftsleuten im gut beheizten Kongresssaal des Fünf-Sterne-Hotels gab es von den bequemen Sesseln an dieser Stelle dann auch noch Beifall, nicht von allen immerhin, aber doch von allzu vielen.
Glaubt aber wirklich irgendjemand, dass Politiker oder auch Wirtschaftsbosse, die Menschen aus dem Ausland, die hierzulande Zuflucht suchen, in den Krieg zurückschicken wollen, dass solche Leute mit unseren Kindern in einer anderen Zeit besser und verantwortlicher umgingen? Dass deren Menschenleben in ihrer Logik da mehr zählen würden? Nein, das ist nicht vorstellbar!
CDU und CSU tragen das „C“ zwar noch in ihrem Namen. Aber wir müssen ehrlich sagen: Dieses so oft beschworene „C“, das für die christliche Kultur der Würde des Menschen und die Nächstenliebe im Zeichen des Friedens steht, hat seine Bedeutung für diese beiden Schwesterparteien, aber auch für große Teile der Wirtschaft längst verloren! Wer heute eine Welt will, die im Zeichen christlicher Humanität steht, der muss solchem Treiben zu jeder Zeit und an jedem Ort laut widersprechen!
Straubinger Tagblatt vom 23. Oktober 2026