Bei einem Psychotherapeutenkongress Ende der 60er Jahre in Lindau referierte mein langjähriger Freund, der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Werner Huth, über dieses Thema. Seine These war: In jedem Menschen steckt auch ein Mörder. In der Nachfolge seines berühmten Lehrers Leopold Szondi, einem Zeitgenossen von Sigmund Freud, argumentierte er, dass es zwar in der Bibel um die Auseinandersetzung zwischen dem Mörder Kain und seinem erschlagenen Bruder Abel gehe, dass aber in der wirklichen Welt in jedem Menschen Kain und Abel zugleich vorhanden wären.
Das Publikum war damals entsetzt. Gerade hatte man die Schrecken des Dritten Reiches hinter sich gelassen und man war doch auf dem Weg in eine bessere Welt des guten Menschen, wie man meinte – und jetzt: eine solche Argumentation! Der Widerstand gegen Werner Huths These war damals laut und aggressiv.Heute, 50 Jahre später, wissen wir sehr genau, dass es „das Gute“ in Reinform nicht gibt – und dass das Sprichwort „Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“ seine tiefe Wahrheit hat. Wer das Gute in einer idealisierten Form verfolgt, der kommt schnell auf die Abwege des Bösen, das zeigt sich immer wieder.
Etwas anders als Werner Huth, aber in dieselbe Richtung weisend, argumentierte mein anderer großer Freund, der Religionsphilosoph Eugen Biser. Für ihn, so argumentierte er vor allem in seinen Predigten, sei der Mensch von seiner Natur her erst einmal böse, wie er immer wieder betonte. Jeder Mensch sehe zuerst einmal seine eigenen Bedürfnisse und es liege ihm nahe, diese recht rücksichtslos durchzusetzen. Aber dann könne doch etwas Unglaubliches geschehen: Das Wunder der Liebe! In der Begegnung mit dem anderen Menschen, mit seinem Nächsten, könne der Mensch sich besinnen auf das, was ihm auch möglich sei: Rücksichtnahme auf den Anderen, wohlwollende Begegnung mit ihm, wechselseitiger Schutz, die Möglichkeit guter Nachbarschaft.
Als Theologe und Priester war Eugen Biser der Ansicht, dass sich bei solchen guten Beziehungsversuchen von Menschen dann Gott in ihre Begegnung einmische und das „Wunder der Liebe“, wie er es nannte, möglich mache. Der Weg in die Gewalt war für Eugen Biser eine Fehlentwicklung des Menschen, wenn er schreibt: Der Möglichkeit, „zu dem mit dem Gottesverhältnis des Geistes gegebenen Selbstsein“ in sein wahres Inneres und in den Frieden zu kommen, steht auf der anderen Seite die „Verweigerung“ einer solchen Existenz und mit dem „Verlangen nach einer Existenz unter anderen, selbstgewählten Bedingungen“ der Verlust seiner göttlichen Natur entgegen (Eugen Biser, „Der Mensch, das uneingelöste Versprechen“). Ein Abfall also des Menschen von seinen je besseren Möglichkeiten.
Im letzten ist das dieselbe Ambivalenz des Menschen, die schon Werner Huth diagnostiziert hat. Der Mensch steht so bei beiden immer zwischen den Polen des Guten und des Bösen und er muss immer wieder neu entscheiden, welchen Weg er wählen will. Allerdings sieht Eugen Biser im Menschen das Motiv zu töten schwächer als Huth. Er spricht von einer „sekundären Aggressivität des Menschen“, der primär dann töte, wenn er sich bedroht fühle: „Er schlägt zurück, und dies immer dann, wenn er sich in die Enge getrieben, in seinen Interessen geschmälert und um seine Lebensrechte betrogen fühlt. Mit Aggressivität reagiert er somit auf die Bedrohungen seines Selbsterhaltungstriebs, seines Selbstwertgefühls und damit seiner biologisch-geistigen Existenz.“
Was lässt uns Menschen friedlich werden?
Vor diesem Hintergrund muss man nun die Frage stellen: Welche Bedingungen sind es denn, die uns Menschen friedlich werden lassen – oder im Gegenteil: Was sind entscheidende Voraussetzungen, dass Menschen ins Böse oder gar ins Morden abdriften?
Sowohl Werner Huth als auch Eugen Biser haben ein ganz entscheidendes Rezept gegen das Böse: die Begegnung mit dem anderen. Das kennen wir aus unserem eigenen Alltag: Man geht mit einem Rucksack voller Waffen in eine Gesprächssituation; und dann begegnet einem der andere. Ein Mitmensch. Ein Familienvater. Einer wie ich. Und im Gespräch lösen sich Probleme, Streitigkeiten, Feindseligkeiten häufig auf. Das geschieht doch immer wieder. Die Offenheit auf den anderen hin als Rezept gegen das Böse.
Und wenn der andere böswillig bleibt? Was ist es denn, das ihn böse macht? Allein schon diese Frage zu stellen, ist der halbe Weg in eine bessere Welt. Wenn es nach Eugen Biser „die Angst ist, den bestätigenden Mitmenschen nicht erreichen zu können“ oder noch stärker „die geheime Befürchtung, dass sich der erwünschte Partner von heute über Nacht in einen gefährlichen Rivalen, wenn nicht gar in einen verhassten Feind verwandeln“ kann; dann ist das Gegenrezept dazu eine ständige transparente und dynamische Beziehung mit ihm, die immer wieder neu Vertrauen schafft und in eine Welt des Friedens vom Bösen wegführt.
Als ich am Ende seines Lebens meinen Freund Werner Huth fragte: „Was kann man denn machen, wenn einer so tief ins Böse abgestürzt ist wie Wladimir Putin?“, da antwortete mir der alte und kluge Mann: „Jeden Tag wieder neu mit ihm sprechen, auf keinen Fall den Kontakt mit ihm abbrechen!“
Das Teilen sendet eine Botschaft des Friedens aus
Eine solche Welt der Zuwendung zum anderen steht allerdings im Zeichen des Teilens! Mit dem jüdischen Philosophen Martin Buber kann man sagen: Alle Menschen sind auf dieser Erde mit allen Menschen verbunden. Alles, was trennt, was Beziehung zu jedem anderen unmöglich macht, steht im Zeichen der Gewalt. Kein Wunder, dass die Armen aus Afrika, nachdem die Europäer ihren Kontinent über Jahrzehnte ausgeplündert haben, mit aller Gewalt nach Europa streben; und auch kein Wunder, wenn die abgeriegelte Welt der Schönen und Reichen im eigenen Land in der Mitte der Gesellschaft und vor allem dort, wo das Geld überhaupt nicht mehr reicht, immer mehr Misstrauen und Gewalt produziert. Wer wirklich mit dem anderen teilt, sendet immer eine Botschaft des Friedens aus.
Wenn aber die konkrete Beziehung mit dem anderen der Königsweg zum Frieden ist, dann ist die Ersetzung des Menschen durch die Technik, wie sie in diesen Tagen immer stärker propagiert wird, ein Fehlweg. Es ist die analoge Beziehung von Menschen miteinander, die zum Frieden hin hilft. Die digitale Welt ist innerhalb einer immer noch analog erlebbaren Welt natürlich ein hilfreiches Werkzeug; aber wo die digitale Welt beginnt, Beziehungen zu ersetzen, da geht wertvolles Terrain verloren. Wenn der andere nur noch als abstraktes Wesen erlebt wird, führt der Weg vom Verlust der Empathie über die Gleichgültigkeit am Ende auch zum Töten.
In der „Süddeutschen Zeitung“ wurde vor Kurzem beschrieben, wie das Töten mit Drohnen im Ukraine-Krieg eine immer größere Anziehungskraft ausübt. Die Soldaten filmen ihr Töten mit, der andere ist ja zum Feind geworden und sein qualvolles Sterben wird per Bild lustvoll miterlebt! Der Autor notiert: „Heutzutage sieht man die einzelnen Sorgenfalten in den abgehärmten Gesichtern der Zielpersonen …. Ob es sich dagegen bei den Opfern um Ukrainer oder Russen handelt, ist aus den Aufnahmen längst nicht mehr ersichtlich. Wer sie waren, ob sie den Tod verdient haben und wer sie getötet hat, all das tritt in den Hintergrund – obwohl die Kameras noch nie so nah am Geschehen waren.“
Vom Sofa aus kann man den Krieg mitverfolgen
Die Videobilder aus dem Krieg werden gleichzeitig in einschlägige Social-Media-Kanäle geliefert, sodass der gelangweilte Bürger auch hierzulande vom Sofa aus das Morden mitverfolgen und – um es auf den Punkt zu bringen – mitfeiern kann. Die entfesselte Gewalt des Krieges springt über auf die Herzen derer, die in ihrem Zuhause isoliert einen Lebenssinn längst nicht mehr finden können und sich auf diese Weise emotional kitzeln. Der französische Medientheoretiker Jean Baudrillard nennt diese Kanäle zurecht „War-Porn-Foren“. Der Drohnenkrieg ist so auch längst von interessierten Gaming-Plattformen in realistische Spielformen hierzulande übersetzt worden: Je echter das wirkt, umso besser der Verkauf! Interessant ist, dass in der ukrainischen Armee – wie in einem Spiel – für Treffer mit Drohnen Bonuspunkte vergeben werden. Auf einer freigeschalteten Website können die schönsten Treffer bewertet werden. Am Ende steht ein „Top-Ten-Ranking“ für die besten tödlichen Treffer des letzten Monats, als handele es sich um eine Hitparade, wie sie vor Jahren Dieter-Thomas Heck allwöchentlich präsentierte.
Das Töten mit Drohnen ist eine Abstraktion weg vom Erleben des anderen Menschen als Gegenüber, eine Zerstörung des Wertes des Menschen, der getötet wird und dessen Leben und Sterben von seinem Gegner nicht mehr realistisch erfahren wird. „Mein Gott, was haben wir getan“, so notierte Robert Lewis, Copilot des Flugzeuges, das die amerikanische Atombombe 1945 über Hiroshima abwarf, auf dem Rückflug von Japan in sein Logbuch. Er kann die Verdrängung, dass er da von hoch oben im Himmel ein tödliches Schicksal für Abertausende von Menschen mitverursacht hat, nicht mehr aufrechterhalten.Und wir heute? Unsere Politiker und unsere Wirtschaft mit ihren Managern an der Spitze entwickeln die Instrumente des Mordens weit über die eingeforderte Wehrfähigkeit des Landes hinaus! Weltweit werden von Deutschland aus die neuen Märkte des Tötens bedient.
Wege aus der Gewalt zu finden bedeutet, sich solche Zusammenhänge bewusst zu machen.
Deshalb haben wir Gastautoren eingeladen, in diesem Sinn in den nächsten Wochen in unserer Wochenendbeilage, Beiträge zu diesem Thema zu schreiben.
Straubinger Tagblatt vom 12. September 2026