Gerät die Welt ins Wanken, halten viele an ihrer „Normalität“ fest. Für meinen Hund Caruso ist das nicht der Weg.

Herr Caruso, ich möchte heute mit Ihnen eine philosophische Frage diskutieren…
Das kommt mir sehr entgegen. Ich habe gut geschlafen, gut gegessen, ich bin sehr bereit für philosophische Fragen…
Also die Frage, die ich mir mehr und mehr und immer öfter stelle: Was ist überhaupt normal – und noch einen Schritt weiter: Gibt es überhaupt so etwas wie Normalität?
Also auf den ersten Blick wäre da meine Antwort – es ist doch glücklicherweise so vieles normal: Wir stehen am Morgen auf, wir wissen in etwa, was auf uns zukommt an diesem Tag – und am Abend gehen wenigstens wir beide wieder schlafen. Unser Leben ist doch – glücklicherweise – geprägt von Normalität!
Das mag sein. Aber vielleicht erscheint uns das alles nur als normal. Weil wir anders gar nicht leben können in diesem unserem Alltag. Vielleicht brauchen wir einfach die Vorstellung, dass alles normal ist, so wie es ist, um leben zu können. Und in Wirklichkeit ist alles gar nicht mehr normal!
Wie meinen?
Also, ich finde es einfach nicht normal, dass es plötzlich viele Tage gibt, die so heiß sind, dass man gar nicht mehr arbeiten kann. Ich finde es nicht normal, dass wir weltweit immer mehr Waffen produzieren, obwohl Milliarden von Menschen auf der Welt hungern. Und ich finde es auch nicht normal, dass Irre wie Elon Musk Milliarden Dollar scheffeln und den Mars besiedeln wollen, damit die Menschheit eine Zukunft hat, das ist doch alles nicht mehr normal. Warum rebellieren denn die Menschen auf dieser Erde gegen all diesen Irrsinn nicht?
Ahh, das kann ich Ihnen schon sagen. Wir wissen von der Wissenschaft der Psychologie, dass Menschen immer an Normalität festhalten wollen. Da gibt es dort den Fachbegriff „normal bias“! Das bedeutet, dass Menschen regelrecht einen Drang zur Normalität haben. Alles, was außerhalb ihrer gewöhnlichen Vorstellungen liegt, das darf für sie nicht sein. Das ängstigt, das könnte in eine Katastrophe führen, da schließen sie lieber die Augen davor.
Beispiel?
Also damals, als die beiden Flugzeuge in die Türme von New York flogen, da reagierten die Menschen, obwohl sie spürten, dass eine Katastrophe geschehen war, erst einmal nach ganz alltäglichen Mustern.
Die da wären?
Sie rannten nicht panisch aus dem Gebäude, sondern fuhren ihren Computer in aller Gelassenheit herunter, räumten ihre Schreibtische noch auf – erst dann begannen sie, die Situation zu verstehen und zu überlegen, was jetzt wirklich zu tun wäre.
Und was wäre der bessere Weg gewesen, aus Ihrer klugen Hundesicht?
Es gibt gar keinen besseren Weg. Wenn eine Katastrophe so plötzlich eintrifft, dann kann kein Mensch in ganz kurzer Zeit realisieren, was da geschieht. Vielleicht wir Hunde mit unserem Instinkt. Wir merken ganz schnell, was los ist! Aber der Mensch hält offensichtlich an seiner Vorstellung von Normalität fest, um seine Welt, die er objektiv gerade verliert, für sich selbst nicht zu verlieren. Er will ganz einfach nicht wahnsinnig werden ob der Gefahr, die ihm da droht. Ganz plötzlich, ohne dass er das am Morgen, als er in die Arbeit fuhr, auch nur hätte ahnen können.
Das leuchtet mir ein, eine plötzliche Gefahr! Aber die Themen, die mich beschäftigen: die Klimakatastrophe, das Wettrüsten, die Tech-Milliardäre mit all ihrer Macht – das sind doch Prozesse, die wir seit Jahren beobachten, warum rebellieren die Menschen da nicht?
Wir wissen aus allen wissenschaftlichen Studien, dass Menschen, die in einer Gruppe in einer Gefahrensituation sind, viel weniger für eine Gefahr sensibel sind, als Menschen, die mit einer Gefahr alleine sind. Ganz einfach weil die anderen auch da sind und auch nicht reagieren. Gemeinsam hält man an der Vorstellung fest, dass die Welt im letzten immer noch ganz normal und in Ordnung ist. Das ist dann stärker als all der Irrsinn, mit dem man sich eigentlich auseinandersetzen müsste. Wenn Sie alleine in einem Flugzeug sitzen, das durch große Turbulenzen fliegt, dann empfinden Sie Angst, die Sie kaum mehr verdrängen können. Wenn andere Passagiere mit an Bord sind, die sich auch nicht ängstigen, führt das auch bei Ihnen zur Beruhigung. Selbst wenn Sie spüren, dass der Flieger in ein paar Minuten wahrscheinlich abstürzen wird. Das ist das ganze Geheimnis!
Aber wie können wir denn dann aus dieser Dauerschleife des Normalen, das aber längst nicht mehr normal ist, herausfinden?
Schwierige Frage! Wer nur noch im Katastrophen-Modus handelt, den kann man ja auch nicht brauchen. Meine Antwort wäre: sich bewusst machen, was wirklich los ist, ohne darüber verrückt zu werden. Auf keinen Fall verzweifeln! Daran glauben, dass wir Dinge ändern können. Auch heute, auch in diesen Tagen. Den Mut haben, die Dinge wirklich anzuschauen und die Hoffnung nicht zu verlieren, dass man etwas ändern kann. Und tatkräftig dabei mitzuhelfen!
Verstehe, das wäre dann auch eine Normalität: zu wissen, was wirklich los ist, aber darüber nicht verrückt zu werden, sondern zu glauben, dass man etwas verändern kann, sich dafür entschieden einzusetzen und so an einer besseren Welt mitzuarbeiten.
Genau das wäre der Weg!
Herr Caruso, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!
Straubinger Tagblatt vom 18. Juli 2026