Leitartikel: Künstliche Intelligenz – Warnung vor einer unmenschlichen Welt

In einem der schönsten journalistischen Texte, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, sinniert Adam Soboczynski, Autor bei der Wochenzeitung „Die Zeit“, über die Situation des Menschen, der krank geworden ist: „Was ist der Patient? Der Patient ist ein Held in ungünstiger Ausgangslage. Wir fiebern seinem Glück, seiner Genesung, seiner Romanze entgegen, seinem Durchhaltevermögen. Viel lieber in fiktiven Werken als in der sogenannten Wirklichkeit. Der Gesunde scheut in der Regel den Erkrankten. Er erinnert ihn zu stark an die eigene Zerbrechlichkeit. An das, was auch auf ihn zukommen könnte. Der frisch eingelieferte Patient freut sich in den ersten Tagen über unzählige aufmunternde Nachrichten und über die Blumen der lieben Kollegen oder seiner Mitschüler. Aber die gesteigerte Aufmerksamkeit aus seiner alten Welt hält nicht sonderlich lange an. Besuche aus dem Königreich der Gesunden werden seltener, und so gut wie jeder Patient ist bald überrascht von der Übersichtlichkeit seines Freundeskreises. Nachts hört er das Surren der Apparate, den unruhigen Schlaf des Fremden im Nebenbett und von Ferne einen Zug durch das gekippte Fenster. Der Patient hat ein überfeines Sensorium für das Königreich der Gesunden, dem er nicht mehr angehört.“ Bravo! Das ist gut beobachtet und noch besser beschrieben.
Es sind zwei Welten, ein Riss mitten durch das Leben, der oft genug die Gesunden von den Kranken trennt. Glücklicherweise gibt es Ärzte, Krankenschwestern oder Krankenpfleger, die sich derer annehmen, die krank geworden sind. Mit Wohlwollen, mit Aufmerksamkeit, mit medizinischem Fachwissen. Wer allerdings in diesen Tagen ein Schulbuch der gymnasialen Mittelstufe zur Hand nimmt, um dort die Themen für einen zu schreibenden Erörterungsaufsatz ein wenig zu studieren, der erfährt, dass es für die Autoren dieses Buches ganz sinnvoll ist, wenn am Bett des Kranken in Zukunft von der KI (künstliche Intelligenz) gesteuerte Roboter zum Einsatz kommen: Denn Pflegekräfte seien wenige und teuer. Da erscheint es den Verfassern der Lehrbücher im Fach Deutsch dann doch sinnvoll, wenn Roboter denen in Zukunft hilfreich zur Seite stehen und den Patienten im Krankenhaus am Abend das Tablett mit Essen und Trinken reichen.
Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode! Das hohe Lied auf die KI wird allerorten gesungen. Von Politikern, Wissenschaftlern oder vor allem auch Unternehmern, die möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen wollen. Die Wissenschaftsministerin der Bundesregierung, Dorothee Bär, erzählt so am Stammtisch des Bayerischen Rundfunks am Sonntagmorgen in kindlicher Unbekümmertheit fröhlich lachend, dass die KI eines der entscheidenden Zukunftsfelder sei, auf die ihr Ministerium setze. Das sei wichtige Zukunftstechnologie!
Eines ist klar: Hätte es die KI bei den Verbrechern im Dritten Reich schon gegeben, so wäre es Adolf Hitler und den Seinen noch schneller und effektiver gelungen, ein System der Auslöschung der jüdischen Mitbürger in diesem Land zu schaffen. Menschen, die als Nummern deklariert ihr persönliches Antlitz und alle Rechte verlieren, das war, was damals bis zum tödlichen Ende systematisch geschah – mit der KI hätte man diesen Prozess der Entmenschlichung noch systematischer auf die Spitze treiben können. Die KI registriert Menschen in einer funktionalen Weise, einen Blick für den Menschen selbst hat sie nicht! Wenn in Zukunft am Bett eines Kranken ein Roboter auftauchen sollte, der am Tagesende dem Patienten ein Glas Bier reicht, na dann: Gute Nacht!
Vor über 100 Jahren hat Sigmund Freud für die Sehnsucht des Menschen, sich mit der Technik zu perfektionieren, den passenden Begriff gefunden: Der Mensch, der das wolle, der werde zum „Prothesengott“, wie er schreibt. Was ist damit gemeint? Menschen waren, sind und bleiben fehleranfällig. Sie sind eben Menschen und keine Maschinen. Aber sie wollen nach Sigmund Freuds brillanter Beobachtung sein wie Gott: allmächtig, allgegenwärtig, übermenschlich – also unmenschlich. Ein Mensch, der versucht, das von Gott abständige Moment seines Mensch-Seins mit der Technik zu überwinden, der verliert – so deuten die Religionsphilosophen bis heute diesen Ansatz von Sigmund Freud – seinen menschlichen Kern. Aber damit werden Menschen natürlich nicht nur keine Über-Menschen, was sie anstreben, sondern verlieren gerade auch den göttlichen Kern ihres Daseins. Denn Gott hat ja gerade in dieses fehleranfällige Mensch-Sein seinen göttlichen Atem hineingelegt. Im Mitmensch-Sein liegt der göttliche Anteil in dieser Welt schon heute. In den Weltreligionen, vom Judentum bis zum Christentum, ist es gerade der Atem des Menschen, in dem Gott bei ihm, in ihm ist. Wenn das Atmen endet, dann erst geht der sterbende Mensch ganz zu Gott hinüber. Der technische Weg, das zu überwinden, führt nicht in die Übermenschlichkeit oder Gottgleichheit, wie manche irre Philosophen das heute behaupten, sondern in die Unmenschlichkeit – und in eine unendliche Differenz zu Gott!
Die KI-Industrie schafft heute als Allererstes ein System von Drohnen, die im Krieg ohne den Einsatz des Menschen töten. Mit technischer Perfektion. Die Folgen dieser Entwicklung sehen wir heute täglich in den Wohnhäusern von Moskau und Kiew zugleich, wo diese Drohnen auf beiden Seiten immer häufiger einschlagen. Warum wird von unseren Politikern nicht darüber diskutiert, wie wir diesen mörderischen Weg weltweit wieder eingrenzen können? Stattdessen fördert gerade diese Bundesregierung und vor allem auch die Staatsregierung in München diesen Prozess bedenkenlos! Die Wirtschaft klatscht freudig Beifall und hält die Hände auf für die Milliarden, die es jetzt hereinregnet. Da ist das Maß einer notwendigen „Wehrfähigkeit“ längst aus dem Auge verloren! Und die Krankenhäuser? Klug schreibt Adam Soboczynski: „Die modernen Institutionen des Gesundheitswesens dienen nicht nur der Heilung, sie sind auch machtvolle Orte der Überwachung und der Disziplin, der Wissenschaft und der Moral und nicht zuletzt auch der Ökonomie.“
Zahlreiche Wissenschaftler, die die KI am Anfang führend mitentwickelt haben, sind heute lautstarke Kritiker dieser technischen Entwicklung und warnen vor einer unmenschlichen Welt, die sie auf uns zukommen sehen. Eine Welt im Zeichen der KI ist geist- und seelenlos. Der Digitalminister dieser Bundesregierung aber lässt die KI in diesen Tagen seine Vorträge schreiben – und findet das noch nicht mal problematisch! Das gehöre, so meint er und sagt es laut, zu seinem Amtsverständnis!
Straubinger Tagblatt vom 19. Juni 2026