Herr Caruso, wissen Sie, was mich im Leben zurzeit so wahnsinnig nervt?
Sie werden es mir gleich sagen, Herr Professor!
Ja, also mich nervt der Zynismus, der jetzt allerorten so um sich greift!
Na, bei dem Zustand der Welt heute! Von Donald Trump bis zu unserer eigenen Regierung. Ist das denn nicht verständlich, wenn da jemand zynisch wird? Und außerdem, das geht jetzt ja auch schon wieder gegen mich!
Ja, warum das denn?
Weil der Begriff des Zynismus kommt doch aus dem Altgriechischen, von einer Philosophenschule, nämlich der der Kyniker, die eben – dem griechischen Wort „kynikos“ (also hundeähnlich) entsprechend – leben wollten wie die Hunde: Zurück zur Natur, keine kulturellen Überflüge, möglichst wenig Bedürfnisse, das war ihr Motto vor fast 2.500 Jahren!
Tatsächlich, das wusste ich gar nicht; aber das ändert doch nichts an der Sache der Zyniker von heute! Außerdem, das finde ich dennoch seltsam, wenn Menschen damals leben wollten wie Hunde! Ich habe doch etwas andere Bedürfnisse als Sie!
Vorsicht, mein Freund!
Gemach, gemach! Beim Zynismus von heute geht es zudem um etwas ganz anderes! Da werten Menschen einfach alles ab! Alles ist sowieso schlecht! Nie ist irgendetwas zufriedenstellend, das erlebe ich eher als Gegenteil Ihres Wesens und Ihrer Natur! Sie sind doch mit Ihrem Leben ganz zufrieden!
Na also!
Wissen Sie, der Zyniker von heute ist eher das Gegenteil eines Hundes. Er ist ein widerwärtiger Mensch, von dem immer eine schlechte Ausstrahlung ausgeht. Alles muss er immer abwerten! Der Psychologieprofessor Jamil Zaki hat dazu jetzt ein Buch geschrieben, in dem er sich mit seinem eigenen lebenslangen Zynismus kritisch auseinandersetzt. Er sagt in einem Interview: Zyniker leben in einer Seelenwelt, wo „die meisten Menschen egoistisch, gierig und unehrlich sind. Sie betrachten Zynismus als eine Form von Weisheit und meinen, zynisch zu sein, sei dasselbe wie informiert zu sein.“ Sie erlebten dabei „ein dunkles Vergnügen und fühlen sich mit ihrem Zynismus anderen überlegen.“ Er wolle das in Zukunft nicht mehr sein und kehre seinem lebenslangen Zynismus jetzt den Rücken!
Also, wenn Sie das so beschreiben, mit so einem Zyniker, wie der Professor ihn beschreibt, möchte ich eher nichts zu tun haben…
Eben! Und vor allem geht es ja auch den Zynikern immer um ihre eigene Überlegenheit über andere, die sie mit ihrem Zynismus so gar nicht als Mitmenschen annehmen – und hinter ihrer Maske der Überlegenheit geht es ihnen aber psychisch gar nicht gut. Professor Zaki schreibt: „Wenn Sie von vornherein beschließen, dass Sie niemandem vertrauen können, fühlt sich das zwar nicht gut an, aber sicher. So nutzen manche Menschen ihren Zynismus wie eine Rüstung, die alles von ihnen fernhält“.
Klingt jetzt nicht nach Streicheleinheiten!
Eben, Professor Zaki meint am Ende deshalb, dass Zynismus „nachweislich zu mehr Einsamkeit und mehr Depression“ führt. Langfristig sei Zynismus „die Garantie für ein schlechteres Leben.“
Oioioi!
Ja, das ist schrecklich! Und ich kenne solche Typen, die tragen ihren Zynismus vor sich her wie eine Ehrenurkunde!
Und was machen Sie dann, wenn Sie denen begegnen?
Ich grüße freundlich – und mache auf dem Absatz kehrt!
Und dann?
Freue ich mich auf Sie, Herr Caruso, und auf unseren nächsten Spaziergang in der Natur, die jetzt so herrlich blüht!
Straubinger Tagblatt vom 30. Mai 2026