Guten Morgen, Herr Caruso!
Morgen, Professor, was gibt’s denn nun schon wieder?
Herr Caruso, ich habe in einer Zeitung etwas gelesen, was für uns beide nicht uninteressant ist…
Das da wäre?
Eine bulgarische Straßenhündin namens Elma, die ein Tourist nach München mitgenommen hat, hat sich in kurzer Zeit als so hochbegabt erwiesen, dass sie jetzt in der Hundeschule ein ganzes Jahr überspringt!
Und was wollen Sie mir damit sagen?
Also diese Hündin ist jetzt in den Straßen Schwabings ein großer Star – und mit ihr ihr Herrchen! Und da frage ich Sie: Weshalb gelingt uns so ein Stunt nicht? Es ist für mich weder vorstellbar, dass Sie überhaupt eine Hundeschule besuchen wollten, noch – und das erscheint mir ganz und gar ausgeschlossen –, dass Sie dort eine Klasse überspringen würden!
Und woher wollen Sie das wissen?
Weil Sie renitent sind! Sie machen immer nur, was Sie wollen. Am Morgen, wenn ich spazieren gehen will mit Ihnen, sitzen Sie am Fenster, träumen vor sich hin – und weigern sich, das Haus zu verlassen. Wenn ich mittags meine Ruhe will, wollen Sie plötzlich Gassi gehen… Wie würden Sie sich in einer Schule aufführen, ich kann’s mir gut vorstellen. Sie würden nach zwei Tagen von der Schule fliegen – und der Direktor der Schule würde mich nie wieder grüßen.
Und Sie? Waren Sie besser? Kann ich mir nicht vorstellen. Und außerdem: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit schimpfen Sie auf das Schulsystem. Auf Latein sowieso, auf Mathe und Physik auch, und das nur, weil Sie da immer fast durchgefallen wären – und Geschichte sei sowieso sinnlos, weil man am nächsten Tag nach der Prüfung alles wieder vergesse – und da wollen Sie mich auf die Hundeschule schicken? Geht’s noch?
Naja, da haben Sie schon recht – aber in der Hundeschule, da gibt’s doch Sport ohne Ende. Bälle holen, Stöckchen finden, kilometerweit laufen – und das alles unter freiem Himmel! So eine Schule, mit eben viel mehr Sport, das hätten wir uns zu unserer Zeit gewünscht. Aber Sport waren damals bei uns nur zwei Stunden, der Rest war Auswendiglernen von Dingen, die man nicht verstand – und nach der Prüfung sofort wieder vergaß… Gott sei Dank wieder vergaß, sonst wäre ich nie durchs Leben gekommen, wenn ich mir den ganzen Mist, der dort vorgetragen wurde, auch noch gemerkt hätte! Nur weil ich alles, was ich in der Schule gelernt habe, schnellstens wieder vergessen habe, bin ich im Leben so erfolgreich geworden!
Aber Ihre Lehrer damals, haben Sie denn an die gar keine guten Erinnerungen?
Doch, sogar sehr, die waren nett. Ich lade die heute noch jeden Sommer, wenn es warm ist und die Sonne scheint, in meinen Garten ein. Aber die trinken dann so viel Wein, mein Gefühl ist, dass die auch die Schulzeit vergessen wollen, was ihnen von Glas zu Glas auch besser gelingt.
Ja, natürlich, das Leben beginnt mit dem Ende der Schulzeit für die Schüler, aber auch für die Lehrer, das ist bekannt, es wird dann allerdings auch gefährlicher, das muss man schon wissen. Aber dennoch: Warum wollen Sie mich von meinem Leben abziehen und in eine Schule schicken? Noch dazu mit der Erwartung, dass ich mich dort als Sonderbegabung hervortue! Sie als ein Mensch, der seine Freiheit liebt; der immer seinen eigenen Weg finden wollte.
Schon verstanden, Herr Caruso. Also, dann machen wir so weiter wie bisher: Ich geh’ am Morgen alleine spazieren – und Sie klopfen am Mittag an meine Tür, wenn Sie bereit sind, das Haus zu verlassen. Hab’ mir schon gedacht, dass unser Gespräch so endet.
Straubinger Tagblatt vom 18. April 2026