Produktives Misstrauen

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt schon alt, aber er gilt als der vielleicht letzte ganz große Denker unserer Tage. Mit zwei dicken Büchern, die den seltsamen Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ tragen, hat er gerade die Summe seines Lebens und Denkens publiziert. Und das ist erstaunlich: Dieser alte Philosoph, der aus der Tradition der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kommt, erzählt auf diesen knapp 2 000 Seiten eigentlich nur von seinem Heimweh; vom Heimweh danach, dass unsere moderne und so selbstvergessene Zeit die religiösen und spirituellen Voraussetzungen unserer Kultur nicht vergisst. Vom Christentum, vom Buddhismus oder auch von Konfuzianismus und Taoismus. Dass eine Welt, die glaubt, sich ganz bewusst von ihren religiösen Wurzeln abschneiden zu können oder sogar zu müssen, am Ende des Tages eine ärmere Welt sei, das ist es, was er am Ende seines Lebens zu sagen hat. Es ist schon bewundernswert, wie es diesem großen Denker gelingt, den Bogen von der griechischen Philosophie bis in unsere Tage zu schlagen und so aufzuzeigen, wie sich über die Jahrtausende unser Bewusstsein entwickelt und verändert hat.

Ganz am Anfang seines großen Werks aber macht Habermas eine Anmerkung zur gegenwärtigen Situation von Politik und Medien, die hochinteressant ist. Er schreibt hier, dass eine moderne Demokratie davon lebe, dass das Politische in der „diffusen Gestalt frei konkurrierender öffentlicher Meinungen in Verbindung mit demokratischen Wahlen ein einigendes Zentrum bilde“. Übersetzt: Es braucht Wahlen und zahlreiche Medien, damit Demokratie funktioniert. Und dann merkt er an: „Das ist freilich nur so lange möglich, wie die entscheidungsbedürftigen Themen überhaupt noch in die Kommunikationskreisläufe Eingang finden und die staatlich institutionalisierten Entscheidungen selbst in dem pluralistischen Stimmengewirr einer vitalen Öffentlichkeit verwurzelt bleiben.“ Übersetzt: Wenn Politik nicht mehr über das entscheidet, was die Menschen bewegt, und die Medien das nicht mehr berichten, was wirklich wichtig ist, kann Demokratie scheitern.

Habermas weiter: „Die Belastungen, die durch die Funktionsstörungen in einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft, vor allem im ökonomischen System, hervorgerufen werden, finden auf dem Resonanzboden der Zivilgesellschaft ein Echo in einer zerstreuten, aber gesellschaftsweit verbreiteten Krisenempfindlichkeit.“ Übersetzt: Wenn Wirtschaft und Medien vom Primat des Geldes her funktionieren, beginnen viele Menschen zu misstrauen. Nicht nur den Medien, sondern auch der Welt, in der sie leben. Habermas ein letztes Mal: Dieses Misstrauen „kann sich in der politischen Öffentlichkeit artikulieren und unter günstigen Bedingungen mobilisierende Kraft entfalten. Die längst verstaatlichten politischen Eliten empfangen von dieser Seite einen intentionalen Gegendruck zu dem Erpressungspotenzial der Märkte und allgemein zum systemischen Sog funktionaler Imperative, die im Scheine von Sachnotwendigkeiten auftreten.“ Eine letzte Übersetzung: Das Misstrauen, das viele Menschen heute prägt, ist ein Hoffnungsschimmer. Denn die Menschen spüren, dass es eine Welt geben muss, die nicht von Angela Merkels „alternativlosem“ Sprechen und Handeln geprägt wird und auch nicht von den Giganten am Medienmarkt, die da Google oder Amazon heißen. Und weil die Menschen das spüren, gehe von diesem Gespür ein Widerspruch aus, der für Politik und Gesellschaft produktiv werden könne.

Heute gibt es unglaublich viele Verschwörungstheorien. Die da oben empfingen ihre Befehle von geheimen Mächten, so sagen viele. Und in den Medien gebe es nur Ablenkungsmanöver, sie seien längst mit den Mächtigen im Bunde. Habermas erklärt auf diese Art und Weise, warum Menschen so denken. Sie erleben ihr Leben als abgekoppelt von dem, was täglich in Politik und Medien verhandelt wird.

Erstaunlich ist, wie sich die Extreme berühren. Die Botschaft von Habermas ist dem, was die Politiker von der AfD erzählen, gar nicht so fremd. Oder auch dem, was Donald Trump jeden Tag von sich gibt: „Euch hat man betrogen. Man hat euch um euer Leben betrogen.“ Das ist die Botschaft der extremen Rechten mitsamt der Lösung: „Ich oder auch wir werden euch helfen.“

Und das ist dann auch der entscheidende Unterschied. Denn der kritische Impuls, den Habermas vollkommen zu Recht gibt, wird gerade von denen missbraucht, die die Menschen heute in ihrer Angst um ihre Zukunft mit falschen Versprechen abholen. Genau diese politischen Kräfte haben ohne Philosophiestudium verstanden, wie es um die Gesellschaft heute auch bestellt ist – und missbrauchen das Vakuum, das auch in Deutschland entstanden ist. Ein Drittel der Menschen in unserem Land hat Angst vor Armut, hat Angst, ausgeschlossen zu werden von den Mechanismen, die die Gesellschaft solidarisch zusammenhalten. Hat Angst, herauszufallen aus dem Miteinander der Menschen, das für alle so lebensnotwendig ist. Und man kann also sagen, dass genau die Menschen, die heute ein verständliches Misstrauen entwickelt haben, wie die Dinge politisch so laufen, von genau den Parteien missbraucht und ein zweites Mal belogen und betrogen werden, denen sie ihr Misstrauen sozusagen anvertrauen. Von Donald Trump bis hin zur AfD, die keinerlei Rezepte für eine bessere Welt zu bieten hat.

Die zweite Frage: Ist es denn wirklich so, dass die Medien heute abgekoppelt sind vom Leben der Menschen? Vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel über die Süddeutsche Zeitung bis hin zur Wochenzeitung Die Zeit? Ist es nicht doch so, dass gerade in den Printmedien die sozialen Fragen einen breiten Raum einnehmen? Dass dort Einzelschicksale in aller Härte dokumentiert werden oder auch aufgezeigt wird, welche politischen Strukturen welche Folgen nach sich ziehen? Selbst die Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Ist es nicht doch so, dass wir ein recht gutes Bild bekommen von den Politikern aller Parteien, die wir am Wahlsonntag wählen können?

Der Befund von Habermas, dass etwas nicht mehr stimmt, ist sicher zutreffend. Aber gibt es nicht doch gerade in unserer Demokratie ganz viele Hebel, wo wir mitarbeiten können, dass die Welt besser wird? In den Vereinen und Verbänden, an unserem Arbeitsplatz, selbst in den viel gescholtenen Parteien, die offensichtlich so stark sind, dass die extreme Rechte viel weniger Chancen hat, als dies in anderen auch europäischen Ländern der Fall ist.

Den kritischen Impuls also, den Habermas vollkommen zu Recht ausspricht und der von den radikalen Kräften weltweit so gerne missbraucht wird, den gilt es in anderer Weise aufzunehmen und umzusetzen. Indem wir nämlich den radikalen Impuls, dass wir etwas ändern müssen, nicht den radikalen Kräften im Land anvertrauen!

Straubinger Tagblatt vom 25. Januar 2020 

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