Leitartikel: Weltpolitik – die einfachen Lösungen…

Mit seinem Lied „Dschinghis Khan“ erreichte Komponist Ralph Siegel 1979 immerhin Platz vier des Eurovision Song Contests. Und bis heute ist es schwer möglich, in München an einer prominenten Veranstaltung teilzunehmen, ohne dass man dem damals auffälligsten Bandmitglied Leslie Mandoki begegnet und dem freundlichen Zeitgenossen die Hand schüttelt. Die wirklichen Khane und die Mongolen waren allerdings vor gut 800 Jahren beileibe nicht so freundlich.
1223 tauchen sie in der Geschichte sichtbar auf und im Sturm erobern sie 1240 die damalige Kiewer Rus. Die Folgen: Das Land zerbricht in zwei Teile. Die Gebiete im Westen um Kiew können sich dem Einfluss der Mongolen schon rund 100 Jahre später entziehen und geraten dafür in die Abhängigkeit der polnisch-litauischen Krone. Für die Gebiete um Moskau, also die östliche Hälfte der Kiewer Rus, beginnt ein anderer historischer Weg. Sie bleiben in der Abhängigkeit der Mongolen, leisten Abgaben und übernehmen wichtige politische und kulturelle Elemente von ihnen. Mehr als 300 Jahre lang dauert diese Phase, bis die letzten Khanate der Mongolen von Iwan IV. in den 1550ern endgültig besiegt werden; nur das Krim-Khanat hält sich bis ans Ende des 18. Jahrhunderts.
Der englische Historiker Orlando Figes fasst diese unterschiedliche Entwicklung, die er in seinem Buch „Eine Geschichte Russlands“ so detailreich beschreibt, mit dieser Bewertung zusammen: „Die Kiewer Ländereien waren stärker nach Westen orientiert, allerdings war dieser Gegensatz nicht so groß, dass er die Behauptungen der heutigen ukrainischen Nationalisten rechtfertigen würde – nämlich, dass Russland wegen des ,Tatarenjochs‘ despotisch und asiatisch und sein Volk unterwürfig geworden sei, während die Ukrainer schon immer freiheitsliebender und europäischer gewesen seien, weil sie nicht von den Mongolen beherrscht worden sind.“ Es blieb also eine tiefgehende Verwandtschaft zwischen Russland und der Ukraine. Die Beherrschung durch die Mongolen war für die Russen auf der anderen Seite auch nicht nur Fluch, so der Historiker, denn: „Die von Moskau beherrschten russischen Ländereien gingen aus der harten Erfahrung der Mongolenherrschaft gestärkt hervor, ihre Bevölkerung gehärtet und besser gerüstet für zukünftige Notsituationen und national stärker vereint als zuvor.“
Aber ist solche Geschichte heute noch wichtig? Natürlich, auf jeden Fall, denn Konflikte, die es in aller Welt gibt, haben fast immer auch eine Wurzel, die sich historischer Prägung verdankt. Der Riss, der in unserer Gegenwart durch das ehemals einheitliche Gebiet einer Kiewer Rus geht und in einem schrecklichen Krieg ausgetragen wird, tut sich eben nicht nur zwischen Russland und der Ukraine auf, sondern der Einfluss der Mongolen reichte über Jahrhunderte auch in den Ostteil der heutigen Ukraine, wo bis in diese Tage immer noch auch russisch gesprochen wird und es eine andere Mentalität als im Westen des Landes gibt – mit Folgen für jede Regierung in der Ukraine in den letzten Jahrzehnten: Bis heute, so der Historiker Figes, gibt es „eine historische Trennlinie zwischen den westlichen Gebieten, die Teil des polnisch-litauischen Gemeinwesens und anschließend Österreich-Ungarns gewesen waren, und den östlichen Gebieten. Wegen der russischen Präsenz im Osten konnte keine Regierung die Ukraine zu nahe an Europa heranführen, ohne einen Bürgerkrieg zu riskieren; doch wegen der europäischen Ausrichtung der westlichen Provinzen wäre eine Neuausrichtung des Landes nach Russland ebenso riskant gewesen.“ Also eine Zwischenlage, die nach politischer Moderation verlangte.
Und jetzt? In den Medien wird fast immer von der Ukraine und ihrem Wunsch, Europa zuzugehören, voller Zustimmung gesprochen. Ist das mit Blick auf die Geschichte, die Orlando Figes beschreibt, wirklich so einfach? Erkennbar wird doch, wie weit die Geschichte der Ukraine zu einem wesentlichen Teil von der Geschichte zum Beispiel Frankreichs oder auch Deutschlands in der Mitte Europas entfernt liegt. Wäre es für uns Europäer wirklich gut, wenn diese im Inneren gespaltene Ukraine auf einmal zu Europa gehörte? Mit all den Fragen und Problemen, die das mit sich brächte.
Ob die Talkmaster, die am späten Abend die ihnen genehmen Gäste einladen und über die Zukunft der Ukraine fabulieren, ausreichend historisches Wissen über solche Dinge haben? Der Tübinger Professor für Germanistik Jürgen Wertheimer, der sich als Komparatist seit Jahrzehnten mit den unterschiedlichen Kulturen auf der ganzen Welt befasst, warnt jedenfalls nachdrücklich davor, die Ukraine so ganz einfach Europa zuzuschlagen, ohne ihren historischen Geschichtsgang und ihre kulturelle Identität zu berücksichtigen. Viel wichtiger wäre es, die historisch gewachsene Position zwischen West und Ost zu berücksichtigen und in ein geeigneteres politisches Format zu überführen, das am Ende dann für alle Seiten befriedend wirken könne.
Es ist ein Unterschied, ob man vom Schreibtisch aus eine Welt entwirft oder sich differenziert mit einer komplexen historischen und kulturellen Wirklichkeit befasst. Da genügt in diesen Tagen schon ein Blick in den Iran. Es schien US-Präsident Donald Trump so einfach, ein menschenverachtendes System mit ein paar Bomben zu vernichten und ein ganzes Land zu verändern. Und jetzt? In der Begegnung mit der Wirklichkeit zeigen sich auf einmal tausend kulturelle und historische Facetten mit wiederum tausend verschiedenen Auswirkungen in die ganze Region.
Dasselbe gilt für den Irak: Wie viele theoretische Diskussionen gab es damals vor und während des Krieges der USA im Irak um die Demokratisierung des Landes in einem westlichen Sinn! Jeder irakische Taxifahrer in Berlin wurde wochenlang im Fernsehen interviewt, wie die Demokratie im Irak in ein paar Monaten wohl aussehen würde. Und heute? Oder auch Afghanistan. Alle Versuche, das Land von außen zu heilen, sind doch gescheitert.
Es lassen sich in der Geschichte noch viele andere Beispiele finden: Die einfachen und auf den ersten Blick scheinbar so nachvollziehbaren Lösungen, die allzu oft auch noch lautstark vorgebracht werden, erweisen sich am Ende in den allermeisten Fällen als allzu schlicht. Das forsche Einfordern von einfachen Lösungen für Konflikte nimmt allerdings in einer Welt, in der Populisten immer mehr Einfluss gewinnen, auch bei seriöseren Mitspielern von Politik und Politikdeutung deutlich zu. Der Blick in die Geschichte weist einen anderen und besseren Weg: Zögerlichkeit und Vorsicht sind am Ende dann doch die klügeren Ratgeber.
Straubinger Tagblatt vom 13. März 2026