Leitartikel: Papst Franziskus – Er war nicht nur von Berufs wegen Pazifist

Vor nicht allzu langer Zeit war ich zusammen mit dem Jesuitenpater Karl Kern eingeladen, einen Vortrag über das Erbe des gerade verstorbenen Papstes Franziskus vor einem recht erlesenen Publikum in München zu halten. Während sich Karl Kern mit den theologischen Implikationen dieses päpstlichen Episkopats beschäftigte, trug ich den tiefen Pazifismus von Franziskus, den er an so vielen Stellen und auf so vielen Seiten seiner Autobiografie ausführlich erläutert, vor.

Wenige Tage nach diesem Abend erhielt ich Post. Geschrieben hatte mir ein ehemaliger hochrangiger CSU-Politiker, der unter den Gästen gewesen war. Sein zweifacher Einwand: Mit dem Pazifismus des Papstes hätte ich bestimmt ein wenig übertrieben – und zudem: Alle Päpste seien nun einmal pazifistisch eingestellt, das gehöre quasi zur DNA ihres Amtes.

Über den ersten Einwand kann sich jeder durch die Lektüre dieser wunderbaren Autobiografie mit dem Titel „Hoffe“ selber ein Bild machen. Interessant ist vor allem der zweite Einwand: Denn er impliziert, dass mit einem Beruf oder in diesem Falle einer Berufung ein Weltbild verbunden sei, das sich gar nicht so sehr inhaltlich begründe, sondern vor allem mit der Berufung eines Menschen.

Denkt man das weiter, so müsste man auch sagen: Alle Lehrer würden die Welt immer durch die Brille eines Lehrers sehen oder alle Juristen immer durch die Brille eines Juristen – und alle Idioten … na ja! Über die Idioten hat auf jeden Fall der geniale niederbayerische Musiker Jürgen Buchner, alias Haindling, für immer ein Urteil gefällt, wenn er singt: „Schau hi, da kimmt a Depp daher, von Weitem segst as scho …“ Aber die Juristen? Blieben die auch in jeder Situation an ihre berufliche Perspektive gebunden? Sie würden dann im Falle einer Verliebtheit ein „Liebesgeständnis“ ablegen oder bei einer Heirat von „lebenslänglich“ sprechen – es sei denn, sie „gingen in Berufung“. Und die Lehrer dieser Welt wären in der Lehrerrolle Tag und Nacht gefangen – auch das ist doch kaum vorstellbar! Das wäre doch sogar für sie selber ganz unerträglich! Und Politiker wären immer politisch, rund um die Uhr, ganz gleich, was das am Ende bedeutet. Der Beruf dominierte die Person ganz.

Aber dennoch und ganz im Ernst: Man kann schon fragen: Inwieweit verdanken sich inhaltliche Positionen der eigenen Berufsrolle – und sind weniger dem vermeintlich wahren Blick auf die Welt geschuldet? Oder sollte man das Ganze nicht doch eher umdrehen: Denn die Wirklichkeit dieser Welt schreibt sich ja immer nur in das je einzelne Leben eines Menschen mitsamt seiner Berufung ein! Es gibt für uns Menschen kein „objektives Schicksal“, keine objektive Wahrheit, keinen objektiven Blick auf die Welt, sondern immer nur an das eigene Leben gebundene Erfahrungen.

Und so war dieser Papst Franziskus erst einmal zutiefst geprägt von der Lebensgeschichte seines Großvaters, der im Ersten Weltkrieg auf italienischer Seite die schrecklichen Gräuel des Tötens und Mordens erlebte und das im Erzählen in die Lebensgeschichte des jungen Jorge Mario Bergoglio als Kind hineinprägte.

Und von diesem Ausgangspunkt schärfte dieser wunderbare Mann dann im Laufe seines Lebens den Blick auf die Gewalt der Kriege, bis er am Ende seines Lebens als Papst urteilt: „Wir müssen der Feigheit der Waffen den Mut der Versöhnung entgegensetzen. Der Krieg trägt nicht das Gesicht einer Frau. Wir aber brauchen den Blick der Mütter. Wir brauchen ihren Mut. Den Männern und Frauen in aller Welt, vor allem den jungen Leuten, sage ich: Glaubt nicht jenen, die behaupten, dass sich nichts ändern lässt, dass der Kampf um Frieden von der Naivität der ,Gutmenschen‘ zeugt.”

Das ist doch schon eine Antwort auf den gar nicht abwegigen Einwand des bekannten CSU-Politikers. Päpste sind eben nicht aus dem Papstsein heraus Gutmenschen, die aus dem Elfenbeinturm des Vatikans die Welt allzu einseitig und unrealistisch sehen, sondern gerade auch ihre Biografie verdankt sich Erfahrungen im Leben oder einem Denken, das sich am Ende mit Argumenten begründen lässt.

Viele sind heute auch recht schnell dabei, Positionen der Philosophie nicht ernst zu nehmen, weil sie zu weit weg von der Lebenswirklichkeit wären. Dabei ist doch der Einwand des Philosophen Jürgen Habermas, dass sich in Kriegen der Hass verselbstständige und am Ende eben kein Gut und Böse mehr zu unterscheiden sei, sondern nur noch ein gegenseitiges Abschlachten stattfinde, eine zutiefst wahre Beschreibung der Wirklichkeit von Kriegen – und eben kein pazifistischer Larifari aus einem vermeintlichen Elfenbeinturm der Philosophie heraus!Muss man am Ende nicht umgekehrt fragen: Sind nicht diejenigen, die kein geistiges oder spirituelles Verstehen von Welt mehr haben und mit ihren einseitigen Kriegsparolen am Abend die Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens förmlich überschwemmen, von der Ganzheit einer immer auch spirituell-geistigen Wirklichkeit nicht allzu weit entfernt? Sind die nicht auf dem entscheidenden Auge blind?

Die kluge Feministin Alice Schwarzer bringt in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ diesen Mangel an ganzheitlicher Perspektive gut zum Ausdruck: „Wir leben nicht in Zeiten der Aufklärung, wir leben in Zeiten der Verdummung. Ich glaube, viele rennen begeistert rein, sind stolz auf die neue Uniform, und dann sehen sie, dass man im Krieg in echt stirbt – andere tötet und selber sterben kann.“ Diese brutale Wirklichkeit von Krieg war exakt auch das, was Papst Franziskus gesehen hat – und was sich am Ende eben nicht dem Amt des Papstes verdankt, sondern der Weisheit genau seiner Person mit all den Lebenserfahrungen, die er über Jahrzehnte gemacht hat!

Straubinger Tagblatt vom 26. Juli 2025