Leitartikel: Ostern 2026 – Der verhängnisvolle Griff zum Schwert

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat nun wirklich eine lange Reise hinter sich! Als diese Republik noch schwer im Zeichen eines bleiernen Konservatismus stand, der die Zeit der NS-Diktatur über Jahrzehnte nicht aufarbeiten wollte, bezog es im Nachkriegsdeutschland auf der linken Seite des Meinungsspektrums klar Position: „Im Zweifel links“ war das Motto, dem man sich verschrieben hatte – und so wurde „Der Spiegel“ Pflichtlektüre für alle, die wenig Lust hatten, sich ein kritisches Bewusstsein zu ersparen. Konservative Politiker hassten über Jahrzehnte jede neue Nummer des Magazins und Helmut Kohl weigerte sich sogar, mit ihm zu sprechen. Das Nachrichtenmagazin „Focus“ war in den 90er-Jahren der Versuch, eine konservative Gegenbewegung zu schaffen; an die Qualität des „Spiegel“ kam er von Anfang an nicht heran! Das war noch nicht einmal eine Frage von „links“ oder „rechts“.
Aber die Zeiten änderten sich. Mit den 68ern begann der Wunsch, wirklich zu verstehen, was in diesem Land wirklich geschah oder auch wirklich geschieht, auch die Mitte der Gesellschaft immer stärker zu infizieren. Über die Jahrzehnte entstanden immer mehr publizistische oder auch wissenschaftliche Formate, die sich einer offenen Diskussion politischer und gesellschaftlicher Streitfragen in großer Wahrhaftigkeit widmeten. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verlor sein Alleinstellungsmerkmal und geriet in eine jahrelange Orientierungskrise. Und heute? Das alte Motto „Spiegel-Leser wissen mehr“, das stimmt wieder. Das Rezept: Echte Hintergrundinformationen, die nicht links oder rechts sind, sondern einfach knallharte Information, was wirklich geschieht!
In dieser Weise konnte man vor zwei Wochen eine Geschichte im „Spiegel“ lesen, wo der Autor die drei fahnenflüchtigen Ukrainer Taras, Maksym und Lew in ihrem neuen Alltag begleitet. Alle drei haben den furchtbaren Krieg als Soldaten erlebt, alle drei müssen sich heute vor dem Zugriff des ukrainischen Staates verstecken, der mit sogenannten „Busifizierungen“ wehrpflichtige Männer auf der Straße verhaftet und mit Bussen sofort in die Kriegsgebiete verschleppt.
Mit wissenschaftlicher Präzision beschreibt der Autor die drei Grundphänomene des Krieges: zum Ersten das Trauma, im Krieg getötet werden zu können; zum Zweiten das Trauma, im Krieg getötet zu haben; und zum Dritten den Wahnsinn, der nach einem Krieg zum ständigen Begleiter der eigenen Welt geworden ist.
Taras hat anderthalb Jahre in einem Erdloch verbracht, direkt an der Front. Das Loch war zwei Meter breit und anderthalb Meter hoch. Ein Eimer für den Urin, vier Soldaten, die sich im Winter bei fast 20 Grad minus aneinanderdrückten, um nicht zu erfrieren. Nachts krabbeln die Ratten über die nur halbschlafenden Soldaten. Gerne war Taras im Frühjahr 2024 dem Einberufungsbescheid gefolgt, die Heimat verteidigen, darum geht es für ihn. Jedenfalls am Anfang. Er kaufte sich selbst eine scheinbar passende Ausrüstung, es war, so schildert er es, als „würde er sich auf einen Trip ins Zeltlager vorbereiten“. Und die Wirklichkeit dann? Vor Schrecklichkeit kaum zu beschreiben! „Einmal sei er wach geworden, weil sein Kamerad neben ihm schreiend mit seinem Sturmgewehr in die Wände geschossen habe. Einmal habe eine Granate den Mann neben ihm getroffen, und das Gehirn sei ihm ins Gesicht gespritzt.“ Die Angst zu sterben, der ständige Begleiter! Am Ende gelingt ihm die Flucht vor diesem Wahnsinn. Und die Bilanz seines Lochs? Von 29 Soldaten, die da waren, starben 14, vier desertierten, elf gibt es also noch in irgendeiner Form.
Maksym treibt ein anderes Trauma um. Sein eigenes Töten. Bei den Kämpfen um Bachmut schickten die Russen Soldaten wie Fliegen auf die ukrainischen Linien zu, um die mit der Menge des „Menschenmaterials“ zu besiegen. Das ist das, was mit dem schrecklichen Begriff des „Fleischwolfes“ bezeichnet wird. Er habe die Russen „gemäht wie Gras“, sagt Maksym. Er erinnert sich „an ihr Gurgeln und Stöhnen, als sie am Boden lagen. Manche hätten lange geschrien, das habe ihn nachts wach gehalten. Die Schreie hielten ihn noch immer wach.“ Damit leitet er schon über zum dritten Trauma von Kriegen: dem Wahnsinn, der sie nicht nur sind, sondern der sich in die Köpfe der Soldaten für immer eingräbt. Maksym kann in einer zivilen Welt kaum mehr leben. „An der Front könne man jedes Geräusch zuordnen, man lerne, die Sorte eines Geschosses am Zischen zu erkennen. Er verstehe die Stadtgeräusche nicht. Wenn er im Bett liege, verkrieche er sich unter der Decke, damit es still sei.“
So geht es auch dem Dritten im Bunde, Lew. Er hat „Albträume, Szenen aus dem Schützengraben, wie die Russen ihn schlagen und verbrennen. Immer wenn sein Körper im Traum ganz von Feuer bedeckt sei, wache er auf.“
„Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden“, so schreit es aus Danton heraus im gleichnamigen Revolutionsdrama „Dantons Tod“ (1835) von Georg Büchner, als er es nicht mehr aushält, wie Robespierre mit seinem Gerechtigkeitsfanatismus die Leute massenweise zum Sterben schickt.
Diesen Satz muss man heute denen entgegenschreien, die auf den bequemen Sesseln der Talkshows im Fernsehen allabendlich das Immer-weiter-so des Krieges predigen. Oder auch den hier in Bayern überall entstehenden Waffenschmieden mit ihren Vorständen, die mit ihren mörderischen Werkzeugen viel Geld verdienen, hier und im Ausland – und niemals ist es ihnen genug. Oder auch den Politikern vor allem der CSU, die den schwächelnden Autostandort Bayern jetzt aus Wirtschaftsgründen in einen Rüstungsstandort umwandeln wollen und das Ganze so verlogen mit der „Verteidigung der Demokratie“ bemänteln. Oder auch der neuen Wissenschaftsinitiative „Foks-Allianz“ Bayern, wo zehn Universitäten unter der Überschrift von „Friedens-, Konflikt- und Sicherheitsallianz“ alle wissenschaftlichen Ergebnisse sofort der Rüstungsindustrie hierzulande zugänglich machen. Das ist neu, dass es eine zivile Nutzung von Wissenschaft, die primär wäre, und eine Prüfung, was man damit macht, nicht mehr gibt!
Am Karfreitag zückt Petrus das Schwert, um Jesus bei seiner Gefangennahme zu schützen. Und der sagt: „Steck dein Schwert in die Scheide, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ (Matthäus 26,52)
Für alle, die noch immer nicht verstanden haben: Das ist kein spiritueller Klimbim! Niemals war dieser Satz so aktuell und so wichtig wie heute!
Straubinger Tagblatt vom 27. März 2026