Eine in einem guten Krankenhaus angestellte 62 Jahre alte Ärztin berichtet: „Ich arbeite jetzt seit vielen Jahren im selben Krankenhaus. Die jungen Ärzte, die sich hier jetzt anstellen lassen, legen häufig großen Wert darauf, nur vier Tage in der Woche zu arbeiten. Vor allem lassen sie sich in ihre Verträge schreiben, dass sie keinen Nachtdienst machen müssen, weil sich das mit ihrer Familie nicht verträgt. Das Krankenhaus stellt sie dennoch an, weil es dankbar ist für jeden Arzt, der hier mitmacht. Ich habe dadurch mehr Wochenend- und Nachtdienste als je zuvor – und ich kann nicht mehr.“
Eine eigene Erfahrung: Wenn ich nachts als Notfall eine Person aus meinem engeren Lebensumfeld in ein Krankenhaus fahren muss, dann begegnen mir wunderbare Ärzte, die gerne helfen. Allerdings kommen sie überwiegend nicht aus Deutschland, sondern aus der Ukraine, aus Syrien, auch aus Russland, einer aus Guatemala. Ein einziger deutscher Arzt war über die vielen Monate dabei, er war immerhin nicht schlechter als seine Kollegen aus dem Ausland und ebenfalls sehr liebenswürdig.
Dasselbe habe ich auf den einzelnen Stationen des Krankenhauses erlebt, wenn ich Patienten besuchte. Liebenswürdige Helfer, Pflegende aus der ganzen Welt, die rund um die Uhr bereit waren, zu heilen, zu helfen, zu unterstützen. Ohne diese Menschen würde die Gesundheitsversorgung in diesem schönen Land längst vollständig zusammenbrechen. Und das gilt für viele andere Lebensbereiche auch!
Die AfD hat dagegen einen ganz anderen Ton gesetzt. „Ausländer raus!“, das ist das Motto, dem sich diese Pseudo-Partei verschrieben hat. Sie reitet auf den billigsten Instinkten, die sich im Menschen finden lassen. „Wegen denen reicht es für euch nicht!“ – das ist die Botschaft, die die AfD täglich aussendet. Wie das bekämpfen?
Die CSU/CDU hat offensichtlich entschieden, der AfD auf deren Gebiet das Wasser abzugraben. Die Töne, die von der Klausurtagung im Kloster Seeon am Beginn des Wahlkampfjahres 2026 herüberschallen, klingen denen von der AfD leider schon allzu ähnlich. Mehr Abschiebungen, Abschiebezentren, die öffentlichkeitswirksam gebaut werden sollen, das ist das Programm, mit dem man also hofft, die konservativen Wählerinnen und Wähler am rechten Rand zurückzuholen.
Wohlwollend könnte man sagen: Da wird also immerhin versucht, die AfD zu bekämpfen und kleiner zu machen. Aber wir wissen doch längst: Diese Art des Versuches ist grundfalsch, sie treibt der AfD die Wähler regelrecht zu. Am Ende wird das Original gewählt – und nicht die zu spät gekommene Kopie. „Rechts von der CSU darf es keine demokratische Partei geben“, das war freilich schon das Motto von Franz Josef Strauß, der das Glück hatte, zu sterben, bevor all das, was er am Gesetz vorbei unternommen hatte, öffentlich wurde. Seltsam, wie oft Unionspolitiker in diesen Tagen seinen Namen in den Mund nehmen. Die Rückbesinnung auf Franz Josef Strauß als entscheidenden Pfeiler der eigenen Identität? Ist die Verunsicherung wirklich schon so groß? Als wäre die jahrzehntelange Geschichte der CSU nicht weitaus reicher als solche einfachen Abziehbilder, die der Erinnerung an die goldenen Zeiten der Partei auf die Sprünge helfen sollen.
Wir wissen es doch alle: Ohne die CSU wäre der jahrzehntelange wirtschaftliche Aufholprozess Bayerns niemals in dieser Dynamik gelungen. Wir wissen es doch alle: In der CSU gibt es genau die Partei, die dafür steht, dass dieses Bayern einen Sonderstatus in diesem Land hat, den wir in Bayern für uns hier in Bayern gerade auch in Berlin einfordern. Und wir erleben es doch alle: Wenn wirklich in einem kleinen Ort ein Bürgermeister einer unabhängigen Wählerbewegung angehört, dann ist er beim Neujahrsempfang bei der CSU gerne willkommen, weil seine lokale Splitterpartei so einen Empfang in der Regel gar nicht hinbekommt.
Die CSU prägt hier in Bayern gerade im ländlichen Raum immer noch das politische Alltagsleben und das ist ihr als Verdienst hoch anzurechnen. So darf man also schon fragen: Müssen solche Drehungen und Wirrungen, wie im Kloster Seeon in die Kameras gesprochen, wirklich sein?
Sicher, die Kriminalitätsrate derer, die hier aus fremden Landen zu Gast sind, ist überdurchschnittlich hoch. Die Polizisten erzählen das an konkreten Beispielen allerorten – und jeden Tag wieder neu. Aber die Rate derer, die aus anderen Ländern zu uns kommen, um sich hier über das übliche Maß hinaus einzusetzen, etwa in unseren Krankenhäusern und Pflegediensten, ist halt auch überdurchschnittlich hoch!„An der Sprache sollt ihr sie erkennen!“ Der längst verstorbene Münchner Germanistikprofessor Walter Müller-Seidel pflegte das in seinen Vorlesungen immer wieder zu sagen. Bezogen auf heute: Die CSU soll nicht die Sprache der AfD sprechen! Und wenn die Absicht dahinter noch so gut gemeint sein sollte. Denn mit dem Sprechen verselbstständigt sich das, worüber gesprochen wird, also die Wirklichkeit, auf die das Sprechen sich bezieht. Hass und Aggression gegen die, die von fernher kommen, werden verstärkt. Auch ohne Grund!
Wichtig wäre dagegen, in einem ersten Satz zu sagen, dass die, die in diesem Deutschland mithelfen, dass unsere Systeme funktionieren, hochwillkommen sind – und nicht in einem verschluckten Nachsatz. Wichtig wäre, laut zu differenzieren zwischen denen, die uns helfen und die wir brauchen, und denen, die wir auf keinen Fall brauchen können. Allerdings erfasst von den Behörden werden halt eher die, die hier mitarbeiten – und nicht die, die sich dem behördlichen Radar regelmäßig entziehen.
Ein syrischer Oberarzt im Krankenhaus von Bogenhausen, der als Spezialist Herzklappen minimalinvasiv einsetzen kann, der ist doch eine Bereicherung für unser Land. Gut, dass er da ist! Den darf man doch am Ende nicht wegschicken, nur weil sich dort in Syrien die Verhältnisse allmählich verbessern.
Es gibt allerdings ein echtes Problem für die Behörden in unserem Land. Es ist vom Gesetz her schwierig, vom geduldeten Asylstatus in den Status zu wechseln, wo man als Fachkraft gebraucht wird und also erwünscht ist. Das ist, so erzählen es die Oberbürgermeister und Landräte, nicht ausreichend gesetzlich geregelt. Gut wäre gewesen, wenn die CSU in Seeon über solche konkrete Probleme diskutiert und das in die Öffentlichkeit getragen hätte. Differenzierung statt Schaufensterpolitik. Dass das bei den Bürgerinnen und Bürgern überzeugt, sieht man am Regierungschef von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst. Denn der macht das so – und hat Erfolg damit.
Straubinger Tagblatt vom 9. Januar 2025