Leitartikel: Kriegsgefahr – Von falschen Narrativen

Es gibt immer wieder sogenannte „Narrative“, also Erzählungen, die Wahrheit für sich einfordern, die es aber durchaus kritisch zu hinterfragen gilt. Immer wieder wird zum Beispiel der britische Historiker Christopher Clark zitiert, der schon im Titel seines bekannten Buches behauptet hat, dass die europäischen Nationen wie „Schlafwandler“ in den Konflikt des Ersten Weltkriegs hineingetaumelt wären. Heinrich August Winkler, viel gelesener Historiker aus Berlin, hat dem laut widersprochen. Und in der Tat: Wer die Briefwechsel der Regierungen, die sich schon bald im Ersten Weltkrieg bekämpfen würden, heute noch einmal liest, der muss spüren: Dieser Krieg nahm über Monate und Jahre sehr konkret seine Formen an. Man musste sich schon blind stellen, um das nicht zu bemerken und ein „Schlafwandler“ in den Krieg zu sein.

Auch das allzu vereinfachte Narrativ der „Appeasement-Politik“, von der immer wieder gesagt wird, dass sie den Zweiten Weltkrieg mitverursacht habe, wird heute von Politikwissenschaftlern in gleicher Weise kritisch hinterfragt. Immer noch wird oft genug behauptet: Das Festhalten am Frieden vonseiten Frankreichs und Englands in den 30er-Jahren hätte Adolf Hitler erst ermutigt, das Wagnis eines großen europäischen Krieges, beginnend mit Polen im Jahr 1939, zu unternehmen. Diese These hat vor allem die wissenschaftliche Arbeit des amerikanischen Professors Daryl G. Press korrigiert. In seinem viel beachteten Aufsatz „The credibility of power“ (Die Glaubwürdigkeit von Macht), erschienen im Dezember 2024, arbeitet er sehr nachvollziehbar heraus, dass es nicht der allzu oft kritisierte politische Kompromiss vor allem Englands im Rahmen des Münchner Abkommens mit Neville Chamberlain im Jahr 1938 war, der in den Zweiten Weltkrieg hineinführte. Für Hitler-Deutschland damals, aber auch für alle anderen Mächte, die Kriege führen wollten, seien zwei andere Aspekte bei militärischen Auseinandersetzungen ausschlaggebend. Zum Ersten: die vermutete militärische Stärke („the balance of power“) des Gegners; und zum Zweiten: Wie interessant ist das, um was gekämpft wird („the interests at stake in a given crisis“)?

Das Zurückziehen militärischer Optionen vonseiten Englands und Frankreichs am Ende der 30er-Jahre um des Friedens willen, so arbeitet es Press anhand von vielen Gesprächen Hitlers mit seinen Generälen heraus, war nicht ausschlaggebend für seine Einschätzung, Polen überfallen und einen zweiten Weltkrieg gewinnen zu können. Es war nicht die vermeintliche Schwäche der sogenannten „Appeasement-Politik“, die Hitler glauben ließ, einen Krieg beginnen zu können. Vielmehr war es sein Glaube, dem Gegner in jedem Fall militärisch überlegen zu sein, und das auch dann, wenn England und Frankreich nach dem Einmarsch in Polen tatsächlich in diesen Krieg eintreten würden. Hitler glaubte in seinem Wahnsinn wirklich, einen Weltkrieg gewinnen zu können.

Vor solchem Hintergrund kritisiert Press die amerikanische Außenpolitik der 50er- und 60er-Jahre, die meinte, mit Tausenden und Abertausenden getöteten US-Soldaten in Korea oder Vietnam ein hartes Zeichen setzen zu müssen, um auf diese Weise glaubwürdig die eigenen Interessen der Demokratie in den USA zu verteidigen. In der globalen Auseinandersetzung von Weltmächten gehe es nicht darum, so arbeitet er es wissenschaftlich sorgfältig heraus, starke militärische Zeichen in der ganzen Welt zu setzen, sondern auf der einen Seite selber auf eigenem Boden wehrfähig zu sein – und auf der anderen Seite zu verstehen, was die Sache wert ist, um die im Zweifel militärisch gekämpft werden soll.

Heute gibt es viele unhinterfragte Hypothesen, wie weit Wladimir Putin in seinem Machtanspruch zu gehen bereit ist. Ein Grund, in der Ukraine keinen Kompromiss einzugehen, ist für manchen dabei das Argument, dass ihn ein Kompromiss samt Gebietsabtretungen vonseiten der Ukraine ermutigen würde, auch im Baltikum oder sogar in Polen einzumarschieren. Folgt man der Argumentation von Daryl G. Press, dann ist es aber eher eine Frage von realistischer Gewinnmöglichkeit auf der einen und erkennbarem Risiko auf der anderen Seite, die das Denken auch des Diktators Putin am Ende bestimmt.

Militärische Stärke gerade der Länder an der Ostgrenze Europas und auch von ganz Europa ist also notwendig. Und das wird mittlerweile ja auch gemacht. Dass ein Kompromiss in der Ukraine, die heute von vielen als Symbol für den Kampf zwischen Putin und der freien Welt gedeutet wird, zum Symbol wird für eine geschwächte westliche Welt und zur Einladung an Putin, den Weg der Gewalt weiterzugehen, das kann man – wenn man der Argumentation von Daryl G. Press folgt – auf jeden Fall kritisch hinterfragen. Denn die eigene militärische Stärke des Verteidigers und die Frage, was ein Krieg am Ende denn an Schaden für einen Angreifer selbst einbringt, sind es, die die entscheidenden Beweggründe im Spiel der Mächte darstellen.

Straubinger Tagblatt vom 16. Januar 2026