Zweimal im Jahr bin ich Gast bei einem sogenannten Thinktank. Dort treffen sich konservative Politiker, Wirtschaftsführer und Wissenschaftler, um sich über Fragen von Politik und Wirtschaft auszutauschen. Vor einer Woche war es wieder so weit. Alle 40 Teilnehmer bekamen je zwei Minuten Zeit, um ihre Sicht auf den gegenwärtigen Zustand der Welt und des Landes zu beschreiben. Das Furchtbare dabei: Die allermeisten Teilnehmer stellten nicht mehr die Frage, wie sich Kriege in Europa vermeiden lassen und der Frieden gewahrt werden kann; im Gegenteil: Sie gingen für sicher davon aus, dass ein Krieg auch in Deutschland mittelfristig bevorsteht und dass es jetzt gelte, wie einer sagte, „auf Kriegswirtschaft umzustellen“.
In diesem Sinn berichtete der Gesundheitsexperte, wie viele Verletzte in welchen Zeiträumen geborgen und verpflegt werden könnten, und die Wirtschaftsführer erzählten begeistert, welche Fortschritte es in den bayerischen Rüstungsbetrieben gebe – und wie die Besuchergruppen in großer Zahl regelrecht danach gierten, diese Firmen zu besichtigen. Es war eine entsetzliche Veranstaltung, die vor allem eine Frage aufwirft: Was ist der Grund, dass intelligente Menschen auf einmal in ein solches „Mindset“, wie das neudeutsch genannt wird, hineinfallen? Es gibt auf jeden Fall mehrere Ursachen, warum ein menschliches Bewusstsein in einen solchen Prozess der Selbstentfremdung hineinkippt.
Als Erstes: Vor ziemlich genau 100 Jahren arbeitete schon Sigmund Freud in seinen späten Studien über das Phänomen der Angst heraus, dass Angst so groß werden kann, dass ein Mensch regelrecht in eine Angstpsychose hineinfällt. Für einen Menschen, der von Angst zutiefst geplagt ist, löst sich in solchem Fall der gewohnte Weltbezug, der als einigermaßen sicher erlebt wird, auf und er fällt in eine sogenannte „Weltuntergangserfahrung“, das ist bis heute der Fachbegriff dafür, hinein. Die Welt entzieht sich dem Geängsteten und er erlebt sich selbst als zutiefst gefährdet. In dieser Situation kann es zwei Reaktionen geben: Die eine ist eine selbstzerstörerische Panik, die andere, der ersten nicht unverwandt, ist eine aggressive Selbstbehauptung, die die innere Konfliktsituation erledigen und damit gleichsam ausräumen will. Aus Angst vor der Angst wird der antizipierte Konflikt als real vorweggenommen und das Objekt des Konflikts aggressiv bekämpft. Das lehrt die Wissenschaft der Psychologie seit Sigmund Freud bis in unsere Tage.
Dass die Brutalität des Kriegs an der Ostgrenze Europas zwischen Russland und der Ukraine uns alle zutiefst ängstigt, das kann gar keine Frage sein. Und es fühlt sich in dieser Situation halt für den einen oder anderen auch kultivierten Menschen psychisch leichter an, davon auszugehen, dass dieser Konflikt auf die Mitte Europas herüberschwappt, auch wenn das immer noch nur eine Hypothese ist, der man durchaus widersprechen kann. Das Problem dabei: Man verstrickt sich selbst in Muster von Aggressivität und Gewalt, sodass am Ende der gefürchtete Konflikt eine sogenannte „Selffulfilling Prophecy“, also eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden kann. Man starrt so lange auf den Abgrund, den man zugleich hysterisch bekämpft, bis er einen tatsächlich verschlingt. Die Psychotherapeuten wissen: Das ist ein Muster, das gar nicht so selten ist und dem unglaublich schwer therapeutisch zu begegnen ist.
Ein zweiter Grund: Vor allem die Boulevard-Talkshows am späten Abend in den öffentlich-rechtlichen Medien haben mit großer Lust regelmäßig die möglichen Schlachtfelder und Schlachtordnungen in einem europäischen Krieg skizziert. Statt der Frage, wie der Frieden in Europa gewahrt werden kann, ging es immer, jedenfalls fast ausschließlich, um Muster des Krieges und der Gewalt. Die Politiker und Wissenschaftler aus der dritten Reihe, die dort eingeladen werden und miteinander diskutieren, von Carlo Masala über Norbert Röttgen bis hin zu Marie-Agnes Strack-Zimmermann, besprachen primär die Muster von gewalttätigen Auseinandersetzungen. Kronzeugen für friedliche Lösungen von Konflikten – vom Philosophen Jürgen Habermas bis hin zum Soziologen Hartmut Rosa – sucht man vergeblich auf der Einladungsliste der Moderatoren, für die sich halt kriegerische Szenarien quotenmäßig besser verkaufen als die langweilige Frage, was man denn in unseren Tagen für den Frieden in der Welt tun kann. Hier wurde der Boden bereitet für ein Bewusstsein, dass der Frieden in Europa schon heute verloren ist.
Ein Drittes: Den Leuten aus der Wirtschaft, den Repräsentanten der Rüstungsfirmen, ist jede echte Moral gleichgültig. Da gibt es überhaupt kein Bewusstsein mehr für das, was man wirklich tut: Ob man Abwehrdrohnen baut oder Angriffsdrohnen, das spielt dort längst keine Rolle mehr. Es soll Geld in die Kassen gespült werden, die Aktienkurse und ihre Gehälter sollen steigen. Es könnte sein, so insinuieren sie, dass Deutschland angegriffen wird – und so ist jede Waffe recht, die gebaut werden kann! Das ist die selbstgerechte Logik der Rüstungsmanager, aus der die gar kein Geheimnis mehr machen.
Und die Politiker, die konservativen auf jeden Fall? Sie feiern die neuen Arbeitsplätze, die in der Rüstungsindustrie geschaffen werden, jetzt, wo die Autoindustrie diese Arbeitsplätze nicht mehr in gewohnter Weise bereitstellen kann. Auch sie schämen sich längst nicht mehr, diese vulgäre Tatsache auch noch auszusprechen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat das in dieser Woche lauthals wieder in alle ihm hingehaltenen Mikrofone hineinposaunt.
Ich kann mich gut erinnern an die vielen Besuche, die ich mit meinem Freund, dem Religionsphilosophen Eugen Biser, bei Helmut Kohl in Berlin machte. In seinem Büro hing hinter seinem Rücken die Urkunde des „Ehrenbürgers Europas“, auf die er so stolz war. Der Fall der Mauer, ohne dass ein einziger Schuss gefallen war, war den beiden ein Wunder; und diskutiert wurde, dass man immer mit der anderen Seite im Gespräch bleiben muss, um den Frieden zu wahren. Dass Waffen allein keinen Frieden bringen können, war beiden ein politisches Credo. Die erfolgreiche Abrüstung in den 90er-Jahren hatte das doch gezeigt, so meinten sie. Und sie formulierten beide gemeinsam einen Satz, der sich mir bis heute tief eingeprägt hat: „Wer Krieg und Frieden sagt, der hat den Frieden schon an den Krieg verraten. Der Frieden ist alternativlos.“
Heute kann es nur darum gehen, wieder ein Bewusstsein zu schaffen, dass der Frieden in Europa längst nicht verloren ist – und dass Waffen alleine ihn nicht sichern werden!
Straubinger Tagblatt vom 6. Februar 2026