Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Philosoph Jürgen Habermas erstmals vor exakt 25 Jahren bekannt. Habermas hatte den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen bekommen und hielt eine Rede, die zusammen mit dem ganzen Festakt im Fernsehen vollständig übertragen wurde. Diese Rede war allerdings auch für die, welche die geistige Reise des Philosophen über die Jahre schon verfolgt hatten, eine Überraschung. Denn der Mann, der sein lebenslanges Denken und Sprechen so sehr der Kraft der Vernunft gewidmet hatte, formulierte da auf einmal seine lautstarken Zweifel an einer Welt, die ihre religiösen Grundlagen nicht mehr wahrnehmen will.
Letztlich kam er in dieser Rede auf das große Werk seiner Lehrer Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zurück, die in ihrer weltberühmten „Dialektik der Aufklärung“ herausgearbeitet hatten, dass eine Vernunft, die sich absolut setzt, Gefahr läuft, zu einer rein instrumentellen Vernunft herabzusinken. 50 Jahre nach Adorno und Horkheimer war die Welt durch die Kraft der Technik nochmals schneller und anonymer geworden, ein Prozess, der sich gerade heute weiter fortsetzt. Habermas warnt schon im Jahr 2001 in Frankfurt vor einer „gentechnischen Selbstinstrumentalisierung“ oder auch „Selbstoptimierung“ des Menschen in einer „beschleunigten und radikal entwurzelnden Modernisierung“ und schlägt von dorther die Brücke zu einer Kritik an der Wissenschaft, wo sie beim Versuch „einer objektivierenden Beobachtung“ den Menschen „entpersonalisiere“ und die wahrhaftigen „Momente des vorwissenschaftlichen Selbstverständnisses“ entwerte. Menschen seien mehr als Objekte der Beobachtung, es gehe immer darum, sie in der „Perspektive von Beteiligten“ zu sehen. Ein Plädoyer also für die Würde jedes einzelnen Menschen, dessen Freiheit auch nicht vor seiner Geburt durch eine gentechnische Optimierung von Dritten eingeschränkt werden dürfe.
Habermas’ aufregende Rede gipfelt damals in dem Satz: „Die ins Leben rufende Stimme Gottes kommuniziert von vornherein innerhalb eines moralisch empfindlichen Universums.“ Donnerwetter! Für einen, der von sich immer wieder sagt, er sei „religiös unmusikalisch“, ein gewaltiger Satz!
Noch ein weiterer Aspekt seiner Rede damals ist für das weitere Lebenswerk von Habermas von entscheidender Bedeutung. Denn gegen den Gedanken des Philosophen Walter Benjamin, dass die Kraft der reuevollen Erinnerung das Böse in der Welt versöhne, setzt er den Satz seines Lehrers Max Horkheimer: „Die Erschlagenen sind wirklich erschlagen.“ Damit betonend, dass jeder, der von Gott mit seinem Namen in dieses Leben gerufen ist und aber in einem Krieg oder damals im Holocaust sein Leben verliert, es für immer unwiederbringlich verloren hat und dass es dafür eben keinen Ersatz gibt! Auch nicht in der Trauer derer, die seiner gedenken.
Solches Sprechen führte drei Jahre später dazu, dass sich Habermas mit dem damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger in der Katholischen Akademie von München traf und in einem in ganz Europa beachteten Gespräch das, was er in Frankfurt gesagt hatte, nochmals vertiefte. Es ginge in dieser Zeit um die „Achtung vor Personen und Lebensweisen, die ihre Integrität und Authentizität ersichtlich aus religiösen Überzeugungen schöpfen.“ Religiöse Voraussetzungen seien für eine Gesellschaft ein nicht zu verlierender Wert, die im Christentum proklamierte „Gottesebenbildlichkeit“ spiegele sich in unserer Gesellschaft im Begriff von der „Würde des Menschen“! Fast schon prophetisch auf unsere heutige Gegenwart bezogen formuliert Habermas im Jahr 2004 in der Katholischen Akademie: Es gibt die Gefahr der „Verwandlung der Bürger wohlhabender und friedlicher liberaler Gesellschaften in vereinzelte, selbstinteressierte Monaden, die nur noch ihre subjektiven Rechte wie Waffen gegeneinander richten.“ Die digitale Welt hatte zu dieser Zeit das gemeinsame Interesse einer Gesellschaft beileibe noch nicht so auseinanderdividiert, wie wir das heute jeden Tag wieder neu erleben!
Von diesem Gedanken damals führt ein letzter Weg seiner Philosophie zu dem 2022 erschienenen kleinen Band „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“. Darin beklagt Habermas, wie sehr das „emanzipatorische Versprechen“ der traditionellen Medien von früher heute im Netz „zumindest partiell von den wüsten Geräuschen in fragmentierten, in sich selbst kreisenden Echoräumen übertönt“ würde. Mit der digitalen Welt seien „frei zugängliche Räume“ entstanden, die zum Schaden der Demokratie „längst auch die Politiker zur unvermittelt personalisierten Einflussnahme auf eine plebiszitäre Öffentlichkeit verlocken“. Wie wahr!
Und ganz am Schluss? In seinen letzten Lebensjahren schrieb der weit über 90-jährige Philosoph in mehreren Texten in der „Süddeutschen Zeitung“ gegen das Narrativ an, dass der Krieg in der Ukraine fortdauern müsse, bis die Ländergrenzen des Landes gegen Russland scheinbar endgültig verteidigt wären, ganz gleich, welchen Blutzoll das am Ende fordert. Habermas’ Sprechen vom Lebensrecht jedes einzelnen Menschen findet hier seine laut vernehmbare politische Entsprechung. Schon im Frühjahr 2023 schreibt er: „In dem Maße, wie sich die Opfer und Zerstörungen des Krieges als solche aufdrängen, tritt die andere Seite des Krieges in den Vordergrund – er ist dann nicht nur Mittel der Verteidigung gegen einen skrupellosen Angreifer; im Verlaufe selbst wird das Kriegsgeschehen als die zermalmende Gewalt erfahren, die so schnell wie möglich aufhören sollte. Und je mehr sich die Gewichte vom einen zum anderen Aspekt verschieben, umso deutlicher drängt sich dieses Nichtseinsollen des Krieges auf.“
Schon damals, wenige Monate nach Kriegsbeginn, wirbt Habermas für eine „Kompromisslösung“, die das sinnlose Abschlachten von Menschen auf beiden Seiten der Front beendet und der täglichen mörderischen Gewalt eine Grenze setzt. Dem Sprechen von Ländergrenzen, die mit aller Brutalität gewahrt bleiben müssen, sodass täglich Tausende Menschen verstümmelt, traumatisiert und getötet werden, setzt er das nicht anzutastende Lebensrecht jedes einzelnen Menschen entgegen. Mit Jürgen Habermas ist wahrscheinlich der größte Philosoph der Gegenwart von uns gegangen. In seinem 2019 erschienenen Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ klingt seine Stimme auf fast 2.000 Seiten ein letztes Mal in ihrer ganzen Eleganz eines Denkens und Sprechens, das sich seine große geistige Freiheit niemals nehmen ließ!
Straubinger Tagblatt vom 20. März 2026