Leitartikel: CDU/CSU – Der Ruf nach Leistung allein ist zu wenig

Was ich tatsächlich erlebt habe: Ein alter Priester erzählt schon vor ein paar Jahren in seiner Sonntagspredigt, wie es ihm gehe, wenn er bei einem Sterbefall, um eine letzte Predigt auf den Verstorbenen halten zu können, mit den nächsten Angehörigen spreche. Am schlimmsten sei es dann, wenn die Familie sage, dass der Verstorbene ein Arbeitstier gewesen sei – und auf dem Sterbebild noch mit wohlwollendem Unterton vermerkt werde: „Nichts als Arbeit war sein Leben!“ Der Priester beendete diese kleine Erzählskizze seufzend mit den Worten: „Und das soll dann ein Christenleben gewesen sein!“
Die lautstarke Rede unseres bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder vor einer in Teilen schon am Morgen trunkenen Anhängerschar in Passau, die die Faschingswochen am Aschermittwoch regelmäßig gerne um einen Tag verlängert, um am Donnerstag erst einmal ihren Rausch auszuschlafen, bevor dann am Freitag für sie das Wochenende beginnt, ging in eine Richtung, die an die Predigt des beliebten Priesters erinnert. Am Höhepunkt seiner Rede forderte der Ministerpräsident, dass mehr gearbeitet werden müsse, um dann hochgradig erregt auszurufen: „Leistung, Leistung, Leistung!“
Das ist insgesamt recht unspezifisch, aber durch die Vergleiche mit der Welt des Fußballs, die er zog, wurde dann doch ein wenig klarer, um was es ihm geht. „Gras fressen“ nennen die Sportfachleute das heute – und man denkt unwillkürlich an Trainer wie Felix Magath, wo die Spieler noch die Medizinbälle auf bayerische Berge tragen durften, oder auch an den längst verstorbenen Max Merkel, der nach verlorenen Spielen seine Mannschaft unter der kalten Dusche Bälle auf dem Fuß balancieren ließ, so erzählt es jedenfalls die Anekdote.
Der langjährige Bayern-Patron Uli Hoeneß erzählt ebenso in diese Richtung bei einer netten Schafkopfrunde vor vier Wochen, wie sie früher jeden Freitag ins Trainingslager nach Rottach-Egern fuhren, um dort mit der ganzen Mannschaft zu essen und zu schlafen: „Und jeden Freitag gab es dasselbe Fleisch mit derselben Soße – und danach den immer gleichen Fruchtsalat!“ Da wird schon hörbar, dass solche Methoden heute nicht mehr funktionieren würden. Und Uli Hoeneß fügt hinzu: „Heute schlafen die Spieler vor dem Heimspiel zu Hause, treffen sich rechtzeitig vor dem Spiel – und für die Ernährung haben wir einen Food-Manager, damit sich die Stars auch richtig verpflegen.“ Die Zeiten haben sich halt auch im Fußball dann doch verändert – und der sympathische Trainer Felix Magath hat halt schon lange kein Angebot mehr für einen Job bekommen, auch wenn er regelmäßig im Fernsehen erzählt, dass er immer noch für eine höhere Aufgabe bereit sei.
Und im wirklichen Leben – jenseits des Fußballs? Es fällt auf, wie sehr konservative Politiker von CDU und CSU seit Monaten auf die immer gleiche Leier schlagen: mehr Arbeit, weniger Vergnügen – aber für eher weniger Geld. Mehr Fleiß, es wird doch viel zu viel gefaulenzt, so die Botschaft; und mehr Einsatz für die Gemeinschaft, weniger Rückzugszeit in die freundschaftlichen Beziehungen oder sogar die Familie. Eine seltsame Dialektik ist es, die da aufgebaut wird, gleichsam als verstümmelter Rest der Beschwörung konservativer Wertewelt, eine recht erbärmliche intellektuelle Veranstaltung, wenn man genau hinschaut. Denn Menschen sind normalerweise sehr wohl motiviert, sich mit Arbeit in eine Gesellschaft oder auch Gemeinschaft einzubringen: als Ärzte, als Unternehmer, als Mitarbeiter in einem Betrieb, als Lehrer, als Krankenschwestern, als Altenpfleger; aber die Umstände müssen halt stimmen! Und vor allem: Menschen wollen in einer ganzheitlichen Weise in dieser Welt leben, das dialektische Ausspielen von Arbeit und Freizeit gegeneinander war in den 60er-Jahren des letzten Jahrtausends vielleicht eine erfolgreiche Philosophie, aber die hat nun wirklich längst ausgedient! Es geht um Anerkennung, um soziale Gerechtigkeit, um Teilnahme und Teilhabe in einer Welt, wo jeden Tag wieder neu erlebbar wird, dass es die gemeinsame Welt ist, für die man sich einsetzt!
Dafür muss Politik den Rahmen setzen, dass das wieder – oder neu – Wirklichkeit wird – und genau da gibt es bei der Union allzu wenig gute Reformideen, die die Menschen in Deutschland überzeugen könnten, wieder mehr in und für die Gemeinschaft mitzuarbeiten. Solidarität neu denken und oder gar neu schaffen, genau da wird der Firnis bei CDU/CSU halt extrem dünn, sodass man am Ende auf die abstrakten und leeren Beschwörungsformeln von „mehr Leistung“ zurückgreift, um noch irgendeine Botschaft abzusenden.
Das ist auch ein Resultat der langjährigen Kanzlerschaft von Angela Merkel, wo der eigene Machterhalt im Vordergrund stand – und ein christliches Welt- und Menschenbild, das den Parteinamen doch so sehr ausmacht, über Jahre nicht mehr gepflegt wurde. Im Christentum steht – im Widerspruch zu einem abstrakten Leistungsgedanken – das Heil des einzelnen Menschen im Vordergrund, seine psychische und physische Gesundheit, ein ganzheitlicher Ansatz. Davon handeln die Texte der Evangelien, die es immer wieder neu in jede Gegenwart zu übersetzen gilt. Es ist eine innere Leere, die sich hinter dem Sprechen von „mehr Leistung“ verbirgt und die sich dafür umso lautstärker aufbläht!
Ein christliches Menschen- und Weltbild, wie könnte das heute aussehen? Der Landshuter Priester Wolfgang Hierl schreibt in seinen „Gedanken zum Sonntag“ in der „Landshuter Zeitung“ zum Beginn der Fastenzeit: „Hände aus den Taschen nehmen! Hände hin und wieder in den Schoß legen! Hände von Zeit zu Zeit falten! Wenn ich die Hände falte, zeige ich meine Liebe zu Gott. Wenn ich sie in den Schoß lege, gönne ich mir selbst etwas und bin gut zu mir. Und wenn ich sie aus der Tasche nehme, kann ich andere lieben und ihnen helfen.“ Oder noch einfacher mit Augustinus: „Liebe den Nächsten wie dich selbst, und dann tu, was du willst.“
Man darf schon glauben: Mit dieser Haltung kann man gerade heute Bäume ausreißen! Da kommt dann die „Leistung“, auf die es am Ende ankommt – bei allen Fehlern und Rückschlägen, die unser Leben prägen. Das ist das geistige Fundament, auf dem die christsoziale und die christdemokratische Union heute über die Fragen sozialer Gerechtigkeit, über Fragen von Krankheit, Rente und Pflege, am Ende auch über die Frage der Friedensfähigkeit und Friedfertigkeit in diesem Land nach innen und nach außen neu nachdenken sollte. Wenn’s dann schon so tief in den Parteinamen eingraviert ist!
Straubinger Tagblatt vom 27. Februar 2026