Das war damals ein interessantes Buch, das vor gut 50 Jahren der Autor Werner Lauer vorlegte: „Humor als Ethos – eine moralpsychologische Untersuchung“, so hieß der Titel. Herausgearbeitet wurden dabei die Differenzen zwischen Humor, Witz, Ironie und Zynismus. Das Einzige, was Menschen offensichtlich verbindet, ist guter Humor. Er will nicht die Schwächen des Anderen bitter entlarven, sondern stellt sich humorvoll auf die Seite des Mitmenschen. Über den Witz hat schon Sigmund Freud mit seiner Studie „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ Entscheidendes gesagt: Witze können zwar unerträgliche Situationen auflockern, wo Leben gelingt, braucht es sie aber gar nicht, man ist dort schon ohne Witze glücklich. Am ärgsten aber ist für Lauer der Zynismus. Er zerstört. Er baut nicht auf eine gute Wirklichkeit, die es im schlechtesten Fall dann wenigstens geben könnte, wenn sich Dinge zum Besseren ändern. Der Zynismus streitet grundsätzlich ab, dass Welt und Leben gelingen kann.
In dieser Woche hat die AfD in einer Umfrage den Spitzenplatz erreicht. 26 Prozent der Befragten würden die Partei wählen. Den meisten von diesen potenziellen Wählern ist weder das Personal der AfD ausreichend bekannt, noch wissen sie, dass brauchbare politische Inhalte dort Mangelware sind. Die AfD zu wählen, ist heute eine Form des Zynismus. Denen da zeigen wir es, so lautet bei diesen potenziellen Wählern die Devise mit Blick auf die Parteien, die Deutschland im Lauf der letzten 75 Jahre recht gut regiert haben.
Und tatsächlich ist Kritik an dem, was wir zurzeit an Regierungsarbeit erleben, mehr als angebracht. Noch nicht einmal die hohen Zusatzschulden, die gemacht werden, reichen aus, um mittelfristig einen Haushalt aufzustellen. Und vor allem: An echte Reformen, was Rente, Pflege und Krankheit angeht, traut man sich gleich gar nicht heran. Friedrich Merz hat gleich zu Beginn seiner Amtszeit so viel Porzellan zerschlagen, dass man selbst als Kritiker seiner Kanzlerschaft noch überrascht ist. Und Lars Klingbeil wird als Politiker immer weniger greifbar, gleichsam konturlos. Gute Leute in der SPD wie Rolf Mützenich hat man aus den Spitzenämtern weggeschickt – und der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU ist zwar ein Ausbund von Ehrgeiz, aber sonst?
Eine Erweiterung der Bemessungsgrenze auch auf Selbstständige bei den allgemeinen Krankenversicherungen, die dringend notwendig wäre: Fehlanzeige! Eine bessere Besteuerung auf Erträge, die dort gemacht werden, wo nur noch der Besitz von Geld immer mehr Zins und Zinseszins erarbeitet, ebenfalls. Die Schere zwischen Arm und Reich geht mit der neuen Regierung noch weiter auseinander. Eine längst fällige härtere Besteuerung auf Sekundengeschäfte an den Börsen, auch darüber wird nicht gesprochen oder wenigstens laut nachgedacht. Zusammengefasst: Die Staatsausgaben steigen exorbitant und die Einnahmen reichen nicht aus, systemische Veränderungen aber werden nicht auf den Weg gebracht.
In seinem Buch „Die Exponentialgesellschaft“ zeigt der Soziologe Emanuel Deutschmann auf, dass sich auf der Ausgabenseite die Dinge exponentiell nach oben verändern. In der Wirtschaft, in der Digitalisierung, sogar beim Meeresspiegel. Exponentiell ist dabei für den Wissenschaftler der Gegenbegriff zu linearen Veränderungen, die noch im Zeichen der Kontinuität stehen. Politik ist heute zu wenig fähig, einer solchen rapiden exponentiellen Veränderung von Welt neue Konzepte entgegenzusetzen, die selber ebenfalls exponentielle Chancen bieten. Einem neuen Denken Raum zu geben. Sich zu trauen, die Dinge beim Namen zu nennen und echte, neue und innovative Problemlösungsversuche zu starten.
Stattdessen die immer gleichen Grabenkämpfe. Es wird weiter nur linear gedacht, Brüche mit bestehenden Lösungen, die aber nicht mehr tragen, gelten als zu riskant, weil das die Wähler an die politischen Ränder treibe. Genau diese Passivität aber treibt der AfD die Wählerinnen und Wähler zu! Was man verhindern will, wird auf exakt diese Weise traurige Wirklichkeit. 26 Prozent Zustimmung für die AfD, das ist nicht gut für das Land! Das ist eine traurige Form von Zynismus. Es muss den seriösen Parteien endlich gelingen, wirksame Maßnahmen zu erdenken und zu ergreifen, bei denen spürbar wird, dass Vertrauen gerechtfertigt ist – und Zynismus fehl am Platz!
Straubinger Tagblatt vom 15. August 2025