Leitartikel: Auf geht’s zum Gäubodenvolksfest!

Kaum ein Gleichnis aus dem Neuen Testament passt so gut in unsere Gegenwart wie der Text aus dem Lukas-Evangelium vom reichen Mann, der so viel erntet, dass all sein Reichtum nicht mehr in seine Scheune hineingeht. Also beschließt er, sie abzureißen, neu und größer wieder aufzubauen, um ohne Sorge und Arbeit sein Leben zu genießen. Das Ende vom Lied: Noch in der Nacht dieser Entscheidung fordert Gott sein Leben zurück.

Wer würde bei diesem Text nicht an all die Luxusjachten denken, die in den Häfen von Monaco, Genua oder all den anderen wunderbaren Plätzen am Meer die Schaulustigen anziehen. Manchmal sieht man an Deck noch eine begehrenswerte Frau sich gelangweilt räkeln, während die Mannschaft schon den Anker lichtet, um ein neues Ziel im Mittelmeer anzufahren. Aber auch ein René Benko fällt einem ein, seine Luxusvillen, seine Luxusuhren, die er, als er merkt, dass es eng für ihn wird, noch schnell in einem neu gekauften Tresor versteckt, eine fast schon kindische Aktion! Auch all die anderen fallen einem ein, die aus den Boulevardmedien bekannt sind und die sich in der Welt des Reichtums längst verloren haben.„Das letzte Hemd hat keine Taschen“, so fassen die Priester in ihrer Sonntagspredigt das dann gerne zusammen. Aber das ist nur die eine Seite dieses Gleichnisses, das in dieser Art jedes Jahr wieder neu in all den Kirchen unseres schönen Bayerns auch so gedeutet wird. Denn es gibt noch eine zweite Seite dieses Textes, die nicht weniger aufschlussreich ist und die viel zu wenig beachtet wird.

Der reiche Mann verliert sein Leben genau in dem Augenblick, als er aufhört zu arbeiten; in dem Moment also, da er aus der Dynamik des Lebens ausbrechen will. Auch das deutet auf unsere Gegenwart. Wer auf so viele gelangweilte Reiche in der ganzen Welt blickt, der kann schon erkennen, wie bei manchen das Leben längst aus ihren Gesichtern gewichen ist. Da hilft dann auch die beste Schönheitsoperation nicht mehr viel!

Es ist doch nicht nur so, dass das Ansammeln von maßlosem Reichtum denen in unserer Gesellschaft schadet, wo genau die Millionen oder gar Milliarden fehlen, die die ganz Reichen nur für sich angesammelt haben. Die ganz Reichen sind doch oft genug selbst Opfer ihres verfehlten Lebenskonzepts. Da passiert dann nichts mehr in ihrem Leben. Ohne Arbeit gibt es nichts mehr zu erleben, wovon noch berichtet werden kann. Alles wird statisch, allenfalls ärgert man sich noch über den Nachbarn, der auch eine Jacht hat mitsamt Luxusvilla und ebenfalls nichts mehr arbeiten mag. Da entstehen dann häufig genug die seltsamsten Rivalitäten.

Das Leben ist so buchstäblich aus ihren Adern gewichen, wo sie ihre vermeintliche Freiheit genießen. Es ist fast schon erstorben, obwohl sie – im Unterschied zum Text bei Lukas – noch am Leben sind.

Johann Wolfgang von Goethe, der auch fast 250 Jahre nach Ende der Epoche der Weimarer Klassik immer noch lesenswert ist, hat schon in seiner Zeit das Leben mit der Bewegung des Herzens verglichen. Nur wenn das Leben im Wechsel von Systole und Diastole, in der Polarität von Anspannung und Entspannung bleibe, sei ein Mensch wirklich gesund. Im Wechsel von Arbeit und Freizeit, im Wechsel von Beruf und Urlaub erfüllt sich ein Leben doch besser als im gelangweilten Nichtstun.

Der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier, ein durch und durch asketischer Zeitgenosse, hat deshalb schon vor Jahren in seiner Abschiedsvorlesung an der Universität München darauf hingewiesen, dass zu einem erfüllten Leben neben der Arbeit gerade auch die Feste gehören. Es dürfe nicht nur den Alltag geben, das würde zermürben, sondern es müsse im Leben auch immer wieder die großen Feste geben. Dort soll gefeiert werden die Buntheit des Lebens. Die Lebensfreude, die in uns Menschen angelegt sei, darf gerade auch dort spürbar werden.

Als in der Basilika St. Jakob in Straubing noch der allseits geschätzte und geliebte Studiendirektor Joseph Waas auch zur Volksfestzeit immer um kurz vor Mittag am Sonntag seinen Gottesdienst zelebrierte, während durch die Türen der Basilika die Volksfestfreuden bis in die Kirche hörbar hineindrangen, wünschte er deshalb allen, von denen er doch wusste, dass sie nach der Messe ungebremst in die Zelte des Gäubodenvolksfestes strömen würden, dort augenzwinkernd eine schöne Zeit. Und so gilt es also auch in diesem Jahr: Auf geht’s zum Gäubodenvolksfest, nur hinein in die „Fünfte Jahreszeit“!

Straubinger Tagblatt vom 8. August 2025