Kommentar: Zukunft Europas – Keine „Geiselhaft“ für die Sicherheit des Baltikums

Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn, der sehr genau herausarbeitet, wie wenig freundschaftlich das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland seit 35 Jahren in Wirklichkeit ist, ist kein Antiamerikaner. Er rechtfertigt auch den Einmarsch Russlands in die Ukraine nicht, ganz im Gegenteil: „Es ist ganz eindeutig, dass Russland mit dem Überfall auf die Ukraine gleich mehrfach internationales Recht gebrochen hat: durch die Verletzung der territorialen Integrität und der Souveränität eines Mitgliedstaates der Vereinten Nationen, durch den Bruch seiner vertraglichen Zusagen gegenüber der Ukraine und durch die massiven Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht.“ Der Krieg Russlands gegen die Ukraine zeige, „dass es sich nicht um ein „normales Kriegsgeschehen“, sondern um eine radikale imperiale Gewaltpolitik handelt“. Das ist die eine Seite.
Die andere Seite aber ist, dass er sehr klar sieht, wie manipulativ die USA mit Deutschland, aber auch mit Europa über Jahrzehnte verfahren sind; und dass dieses manipulative Verhalten für diesen grauenhaften Krieg, der jetzt in sein fünftes Jahr geht, mitverantwortlich ist.
Und die Antwort des Autors? „Die Vereinigten Staaten von Europa“ – also Emanzipation! Hans-Werner Sinn fordert einen „Europäischen Bund“ der Staaten Europas, der mit gemeinsamem Militär „Leib und Leben seiner Bürger“ verteidigen müsse. Frankreich und England müssten dazu ihre privilegierten Sonderrollen aufgeben, Frankreich seinen Atomschirm für ganz Europa verfügbar machen und eigene nationale Interessen hintanstellen.
Ist ein solches Szenario realistisch? Nein, die Bruchlinien innerhalb Europas sind viel zu stark, als dass ein solches Vorhaben gelingen könnte, das wird jeden Tag wieder neu ersichtlich!
Aber ist es überhaupt wünschenswert? Soll eine europäische Armee in den baltischen Staaten oder an der Ostgrenze Polens mit deutschen und französischen Soldaten an den alten und zum Teil immer noch lebendigen Konfliktlinien Russlands mit Osteuropa fungieren? Hans-Werner Sinn fände es gut, wenn auch eine französische Brigade als „Geisel“, wie er schreibt, nach Litauen geschickt würde. Dabei liegt eigentlich im Wort „Geisel“ schon die Antwort auf das Ansinnen Sinns.
Es kann nicht in unserem Interesse sein, unsere Kinder in „Geiselhaft“ für die Sicherheit der baltischen Staaten zu nehmen. Aus gutem Grund kritisieren führende Militärs die Entsendung einer deutschen Brigade nach Litauen als Schwachsinn. Und Väter, die ich persönlich kenne, haben sich aus ihrer Verantwortung für ihre Familie heraus noch am selben Tag darum gekümmert, dass ihre Söhne, die sich als Zeitsoldaten für die Bundeswehr verpflichtet hatten und nach Litauen versetzt worden wären, den Dienst in der Armee sofort quittierten. Das lesenswerte und hervorragend informierte Buch von Professor Hans-Werner Sinn sei zur Lektüre dennoch herzlich empfohlen!
Straubinger Tagblatt vom 13. Februar 2026