Im goldenen Käfig der Familie

Die Ahnengalerie seiner Vorfahren hat das Leben von Prinz Harry früher determiniert. Doch ist er jetzt freier?

Das war schon ein erschütternder Film, in dem das ZDF in einer 45-minütigen Reportage zeigte, wie sich der „Megxit“ abgespielt hatte. Noch einmal sah man die alten Bilder der beiden Brüder William und Harry, wie sie als Königskinder in London lebten. Beim Militär, in ihrer Freizeit. Eigentlich zwei Freunde.

Dann der Beginn der Entfremdung. Der Kleinere fühlt sich zurückgesetzt, er ist sowieso eher der Spaßvogel, aber plötzlich taugt ihm diese Rolle nicht mehr. Immer der Kleine, der Zweite. Dann die Frauen. Da hört der Spaß buchstäblich auf. Rivalität pur. Die eine ist ja schon da, was will die Neue? Geschieden, eher ein Partygirl, jetzt mit Kind. Dazu die Enge des Königshauses. Der eine spielt nicht damit. Die Pflicht wird ihm zur zweiten Natur. Er soll König werden. Und seine Frau geht den Weg mit Glanz und Stil mit. Der andere – spätestens seit er mit dem Partygirl liiert ist – spürt die Enge jeden Tag mehr. Und dann ist er noch der Zweite, immer der Kleine. Solange der Bruder lebt, wird er niemals König.

Haben wir eine Wahl oder bestimmt die Familie unser Schicksal?

Womit man in der täglichen Berichterstattung der Medien kaum etwas anfangen kann. Doch durch die Nahbetrachtung einer Reportage wird klar, welche Dramatik und Tragik sich da längst abzuspielen begonnen hat. Der Bruch mit der Familie wird unausweichlich. Die Kräfte, die längst wirken, sind viel zu stark, als dass der Schicksalszug, der unausweichlich mit hoher Geschwindigkeit dahinfährt, noch einmal eine Haltestation finden wird. Am Ende der Abschied vom Königshof, Flucht aus England.

Erschütternd waren die Bilder, wie die beiden Königskinder Harry und Meghan am Ende in Amerika Klingeln putzen – aufgenommen von einer Web-Kamera –, um für irgendwelche Zwecke zu werben. Ohne Auftrag, ohne Geld. Ob sie noch Geld vom Königshaus wollen – sie werden es selbst nicht wissen. Brauchen würden sie es, also würden sie es am Ende auch wollen. Aber da hält das Königshaus längst dagegen. Musste das alles so kommen?

Einige Jahre nach Sigmund Freud hat der Psychiater und Psychotherapeut Leopold Szondi die Tiefenpsychologie um einen wesentlichen Zweig erweitert: die Schicksalsanalyse. Szondi war Jude, stammte aus Ungarn und hatte das Glück, das Dritte Reich zu überleben. Noch während des Zweiten Weltkriegs konnte er in die Schweiz flüchten, dort lebte und forschte er dann bis zu seinem Lebensende in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Seine Studien sind exakt auf die Frage gerichtet, die für Prinz Harry, aber doch auch für viele andere Menschen gilt: Habe ich eine Wahl? Welche Grenzen setzt mir mein Familienschicksal im Vorhinein, aber welche Freiheitsmöglichkeiten bietet es mir am Ende dann auch? Der Weg des kleinen Prinzen Harry, der letztlich ein vollständiger Bruch mit seiner Familiengeschichte ist, war er zwangsläufig? Hätte es Möglichkeiten gegeben, das eigene Leben ganz anders im vorgegebenen Rahmen zu leben? Welche Freiheitsmöglichkeiten bietet ein Leben, das ja immer auf Voraussetzungen aufbaut, die es selber nicht festlegen kann?

„Wahl und Schicksal“ hat der Szondi-Schüler Werner Huth, selbst Arzt und Psychotherapeut, seine zusammenfassende Darstellung der Studien von Szondi benannt. Darin wird klar, dass ein Mensch immer in der Ahnengalerie seiner Vorfahren steht. Das gilt nicht nur für Königskinder. Interessant ist dabei, dass die wahllenkenden „Ahnenansprüche“ oft nicht die sind, die auf der Hand liegen, sondern es sind die schwächeren, die unterdrückten Triebe, die latent und unbewusst da sind. Gerade weil sie vom Menschen nicht bewusst wahrgenommen werden, sind sie am Ende oft stärker, als das, was vorgeblich auf der Hand liegt: „Die dominanten Gene repräsentieren die siegenden, stärkeren, die rezessiven die schwächeren Ansprüche im Erbschatz der Person. Das Erscheinungsbild wird – dem Scheine nach – nur von den stärkeren, dominanten Genen bzw. Ahnenansprüchen geprägt.“

Der Freiheitswunsch von Prinz Harry ist nur die Kehrseite eines Zwangs

Aber das Unterdrückte? Wie groß war wohl beim kleinen Prinzen die Sehnsucht auszubrechen? Den goldenen Käfig hinter sich zu lassen. Nicht nur für die nächste Party mit Freunden, sondern ganz wirklich und auf Dauer. War die Wahl seiner Lebenspartnerin auch deshalb exakt so, weil sie ihn auf diesen Weg lenken würde? Oder war nur diese Wahl möglich, weil er im Innersten schon gewählt hatte? Und was ist mit all den anderen Prägungen, die Szondi als entscheidend ansieht für die Schicksalswahl eines Lebens? Mit der sozialen Umwelt, in der ein Mensch aufwächst? Oder auch mit der weltanschaulichen Umgebung, in der „ein Mensch erzogen wurde, und in der er mit seinen Denk- und Einsichtsweisen entsprechend seinen Fähigkeiten und Begabungen leben muß. Tradition und Elternhaus, Kirche und Schule, Lehre und Beruf“ (Werner Huth) formen doch einen Menschen? Warum war all das schwächer als der Wunsch, einfach nur noch wegzugehen und alles hinter sich zu lassen?

Gibt es Freiheit oder ist alles vorgegebenes Schicksal? Szondi gibt eine abwägende Antwort: Der Mensch sei weder radikal frei noch radikal durch ein Schicksal festgelegt. Vielmehr muss er auf der Basis seiner Schicksalsvoraussetzungen ein Freiheitsschicksal wählen. Szondi wörtlich: „Freiheit ist das Schicksal eines Menschen, der seine Existenzform unter den mitgebrachten mannigfaltigen Existenzmöglichkeiten frei wählt und aus den Schranken, die er sich selbst gesetzt hat, niemals einen Zwang und aus der Zwanglosigkeit niemals eine Haltlosigkeit machen wird.“

Und so kann man sagen: Gerade dieses scheinbar vollkommene Freiheitsschicksal des kleinen Prinzen Harry, der aus seiner Welt flüchtet, hat etwas Zwanghaftes. Es ist gar kein Freiheitsschicksal, das er wählte, sondern nur die Kehrseite des Zwangs, dem er sich unterworfen fühlte. Wäre es anders und besser gegangen?

Um Freiheit im Rahmen der eigenen Schicksalsmöglichkeiten verwirklichen und leben zu können, braucht es für Leopold Szondi eine Voraussetzung: Und das ist die Teilnahme am „Geist“, der im letzten göttlicher Geist ist. Die Fähigkeit, sich selbst aus der Gottesperspektive heraus zu sehen und von daher über das eigene Leben zu entscheiden. Ein Mensch, dessen Leben gelingen soll, muss „immer wieder die Grenzen seines bloßen In-der-Welt-Seins überschreiten, wenn er Mensch bleiben will“ (Werner Huth). Ein echtes „Sinnerlebnis“ und eine wirkliche „Sinnerfahrung“ gebe es nur von einer transzendenten Perspektive her, die mir genau mein Leben er- und ausleuchtet. War das für den kleinen Prinzen nicht möglich? Gab es Situationen in seinem Leben, von denen her er einen anderen und besseren Weg hätte wählen können?

Das erhabene Gefühl der Selbstlenkung und der Selbstwerdung

Die Reportage im Fernsehen gab darauf einen kleinen Hinweis, wahrscheinlich ohne es zu wollen. Als er noch Teil des Königshauses war, bereitete es dem kleinen Prinzen unglaubliche Freude, arme Kinder in Afrika zu besuchen und mit ihnen zu spielen und herumzutoben. Stundenlang. Die Kinder liebten ihn, und er war offensichtlich ganz er selbst. Das wäre der Rockzipfel gewesen, von dem her er sein Leben ganz anders hätte begreifen können. Wenn er zum Beispiel einen Freund gehabt hätte, der ihm das gesagt hätte. Oder einen Lehrer oder einfach jemand, der ihn verstanden und es gut mit ihm gemeint hätte. Aber am Ende kam alles anders.

Weihnachten ist der Rockzipfel unserer Alltagswelt. Von hier aus wird unser Alltagsleben immer wieder neu mit Sinn erfüllt. Dies ist für Christen der Durchbruch, der es immer wieder von Neuem möglich macht, sich selbst in einem ganz anderen Sinnzusammenhang jenseits der Zwänge des Alltagseinerleis zu erleben. Nicht immer, aber immer wieder. Jeder Mensch schwebt immer auch in der Gefahr, alles stehen und liegen zu lassen, um einen scheinbar viel besseren Weg zu gehen. Vergessend, dass der Weg, den er bis dahin gegangen ist, mit viel Mühe und Liebe verbunden war. In der Gefahr, alles wegzuwerfen, was ihm bis dahin lieb und teuer war.

Ein wahres Freiheitsschicksal besteht für Szondi aber nicht im Selbstverlust, sondern „jedes freie Wahlschicksal verleiht seinem Träger das erhabene Gefühl der Freiheit, der Selbstlenkung des Schicksals und somit das Gefühl der Selbstwerdung“.

Straubinger Tagblatt vom 24. Dezember 2020

 

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