Die Macht des Bösen, Teil 4: Wo stehen wir heute in Deutschland und Europa?

In den ersten drei Folgen unserer Frage nach der „Macht des Bösen“ ging es zuerst um eine philosophische Annäherung an das Thema. Herausgearbeitet werden konnte, dass Menschen immer gut und böse sind und aufgrund ihrer immer auch aggressiven Grundnatur sehr schnell bereit sind, Böses zu tun. Menschen bleiben im Horizont ihrer Ambivalenz, also im Zwischenbereich von gut und böse. Es ist also wichtig, so zeigte sich auch, dass Gesellschaften so organisiert sind, dass Menschen eher bereit sind, Gutes zu tun.

In einem zweiten Schritt wurde eine psychoanalytische Zugangsmöglichkeit erörtert. Dabei zeigte sich, dass dort, wo die eigene Identität nicht ausreichend gefunden oder gelebt werden kann, die Tür zum Bösen weit offensteht. Ein solcher Mangel im Selbst führt fast schon automatisch ins Böse, wie sich an den vielen Tätern in der NS-Diktatur zeigen ließ.

Im dritten Text dieser Folge wurde am Beispiel der Innenansicht des Mörders Raskolnikow aus Dostojewskis Roman Schuld und Sühne auf der Ebene der Literatur erkennbar, wie sehr Menschen dazu geneigt sind, Böses zu tun und sogar zum Mörder zu werden.

Aber die entscheidende Frage stellt sich jetzt zum Schluss: Wo stehen wir heute, im Jahr 2026? Es ist leicht, mit dem Finger auf die Mörder des Dritten Reichs zu zeigen, wo das Böse so ganz offensichtlich wurde. Aber wo stehen wir selber, die wir heute in einer lebendigen Demokratie die Möglichkeit haben, aus unserer Freiheit heraus, uns immer wieder neu für das Gute zu entscheiden.

Ich erinnere mich oft gerne an den liebenswürdigen Jesuiten Pater Vitus Seibel, der in den 90er Jahren immer am Sonntag in der Jesuitenkirche St. Michael von München beim anfänglichen Schuldbekenntnis des Morgengottesdienstes sagte: „Wenn wir bedenken, wie wir letzte Woche wieder waren…“; gemeint waren all die vielen kleinen Bosheiten des Alltags, die wir uns so gerne gegensätzlich zufügen und die das Böse doch so ganz tief berühren. „Aber es wird, wenn wir es bereuen, doch von Woche zu Woche auch weniger“, so setzte er dann seinen Anfangssatz nach einer kurzen Atempause hoffnungsvoll fort.

Im christlichen Glauben und in den immer spärlicher besuchten Gottesdiensten am Sonntag, da wird vom Bösen immer noch gesprochen. Vom christlichen Welt- und Menschenbild ist sehr klar, dass wir alle immer im Horizont auch des Bösen stehen. Im Sprechen von Schuld, Umkehr und Reue wird da immer wieder neu klar, dass wir Menschen alle fehlbar sind. Das ist oft missbraucht worden, damit Menschen sich schuldig fühlen und von anderen leichter kontrolliert werden können, gerade auch in der Geschichte der Kirche. Aber die Grundintention, die sich aus den Evangelientexten, die von Schuld und Vergebung handeln, ableiten lässt, ist dennoch gerade heute aktuell.

Die selbstgerechte Moral des Guten dominiert

Aber sonst? In unserer Gesellschaft dominiert längst nicht mehr die Frage nach unserer eigenen Fehlbarkeit, sondern eher eine selbstgerechte Moral des Guten, die sich selber gerade nicht in Frage stellen lassen will. Böse sind da die anderen, die entweder in den zahlreichen „True-Crime-Sendungen“, die mittlerweile rund um die Uhr auf allen Sendern laufen, ihre grausamen Verbrechen begehen, oder eben Putin, der seit vier Jahren Krieg gegen die unterlegene Ukraine führt und ebenfalls vor keinem Verbrechen zurückschreckt.

Aber wir selber? Tun wir genug, damit Frieden wird? Stellen wir die Frage nach uns selbst ausreichend? Sind wir als Gesellschaft in diesem Land und in diesem Europa wirklich auf einem guten Weg? Sehen wir noch den Balken auch im eigenen Auge?

Vor gut 50 Jahren trafen sich die führenden Politiker aus der ganzen Welt in Helsinki, um in einem mehrjährigen Friedensprozess (KSZE-Akte) miteinander ins Gespräch zu kommen und am Ende eine Friedensakte zu unterzeichnen. Leonid Breschnew war damals dabei für die UDSSR, für Amerika Präsident Gerald Ford; und natürlich die Europäer, allen voran die Finnen als Gastgeber, aber auch für Schweden der später ermordete freundliche und friedfertige Ministerpräsident Olof Palme und für uns in Westdeutschland Helmut Schmidt. Denen war allesamt klar, dass nur das Gespräch miteinander für den Frieden in der Welt eine dauerhafte Grundlage sein konnte.

Die Situation war damals kaum besser als heute: Zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke der Macht, die die Welt in zwei Hälften teilten, bis an die Zähne bewaffnet, beide fähig, die Menschheit mit ihren Atombomben auszulöschen, das war die erschreckende Wirklichkeit. Mit Ausnahme des Zynikers Henry Kissinger, der sich über die vielen Treffen regelmäßig lustig machte, um aber dann doch mit den Mächtigen seiner Zeit an einem Tisch zu sitzen und ihnen liebedienerisch zuzunicken, waren alle an dem mehrjährigen Gespräch ernsthaft interessiert. Es war in den frühen 70er-Jahren der Beginn dessen, was 1990 mit dem Fall des Eisernen Vorhangs für uns in Deutschland einen Höhepunkt erreichte.

Und heute? Was für ein Rückschritt! Wir sind die Guten! Wozu noch das Gespräch mit Russlands Außenminister Lawrow suchen, so sagte es unser Außenminister Wadephul laut, der sei doch nur ein Lügner, mit dem mache es keinen Sinn mehr, sich auch nur zu treffen. Das ist an Selbstgerechtigkeit kaum zu überbieten!

Die Aufgabe von Politik ist, das Gespräch zu suchen

Ob der damalige Außenminister der UdSSR Andrei Gromyko, der in Helsinki dabei war, wirklich von grundsätzlich besserer Natur war? Es „ist und bleibt der Krieg die denkbar radikalste Verwirklichung des Bösen“, so formuliert es der Philosoph Dieter Wyss vor gut 30 Jahren. Helsinki war der mühsame Weg, Kriege einzudämmen. Im Wissen um die Ambivalenz jedes Menschen bleibt es die immer mühsame Aufgabe von Politik, immer wieder neu auf den anderen zuzugehen, das Gespräch mit ihm zu suchen, er mag noch so böse geworden sein.

Die radikale Entgrenzung von Hass und Morden in Kriegen führt dagegen in die äußerste Katastrophe des Mensch-Seins. So wie Dieter Wyss haben das in unserer Gegenwart auch der Philosoph Jürgen Habermas und Papst Franziskus in ihrer Weisheit glasklar gesehen und immer zum Gespräch der Feinde miteinander aufgefordert, ganz gleich, wer da gut oder böse zu sein scheint.

Und wir? In unseren allabendlichen Talk-Shows formulieren wir messerscharf die Feindbilder von Donald Trump bis Wladimir Putin jeden Abend wieder neu, um Milliarden für unsere Aufrüstung erst zu rechtfertigen, dann auszugeben, auf dass die Kassen der Rüstungskonzerne übersprudeln. Da ist bei aller Wehrbereitschaft, die mehr sinnvoll investiertes Geld für die Bundeswehr tatsächlich nötig macht, dennoch das Maß vor allem im politischen Reden bei vielen längst verloren gegangen!

Die Rüstungskonzerne, die ihre Waffen so gerne in die ganze Welt exportieren und ihre Aktienkurse steigen sehen, sollen also die deutsche Wirtschaft wieder flottmachen. Das ist nun wirklich keine „gute“ Idee! Sind wir bei solchem Verhalten wirklich noch die „Guten“? Soll das unsere europäische Kultur sein? Längst hat sich unser Wunsch nach mehr Sicherheit in eine hochproblematische Richtung verselbstständigt!

„Der Weg des Friedens hat seine Risiken, aber weiter auf Waffen zu setzen, ist kein bisschen weniger riskant. Der Zwang zum ewigen Wettrüsten verwüstet die Seele… Es war Anton Tschechow, der gesagt hat, sobald in einem Roman eine Pistole auftauche, müsse sie auch abgefeuert werden… und es trifft auch auf das Leben zu: Je höher die Anzahl der Waffen, die im Umlauf sind, desto höher ist gewöhnlich auch die Zahl der damit Getöteten.“ So schrieb Papst Franziskus in seiner Autobiografie Hoffe . Solche Gedanken sind den „Sesselgenerälen“, so die Schriftstellerin Natalie Weidenfeld, die abends in den Talk-Shows den Ton angeben, heute fremd.

Es gibt einen zweiten Aspekt, der genauso hochaktuell ist und den der Philosoph Dieter Wyss zudem ins Gespräch bringt, der mittelbar ebenfalls mit dem Wesen des Krieges zu tun hat: „Das nur dem Menschen zusprechende Vermögen zur Abstraktion“ führt neben dem Fortschritt von Wissenschaft und Kultur auch zu einer Entfremdung der Menschen von sich selbst und ihrem Gegenüber, so schreibt er. „In der supermodernen Technik“, so Wyss, wird das Leben „formelhaft reduziert und entsprechend vergegenständlicht, berechen- und manipulierbar.“ Den Anderen mit einer Maschine töten zu können, war schon immer ein abstrakter Vorgang, der das Leiden des Anderen weniger spür- und erlebbar machte. Mit der neuen Generation von Waffen, den Drohnen, wird das Töten einem Computerspiel vergleichbar. Vor 30 Jahren gab es das noch nicht, aber schon zu seiner Zeit urteilt Wyss über die damals üblichen Kriegsmaschinen: „Es verschränken sich quantitativ berechnende Wissenschaft, Vernichtung, Tod und damit manifestiert sich das Böse.“ Wissenschaft stelle sich auf diese Weise „in den Dienst der Vernichtung.“

Den vielen neuen Start-Ups in der Rüstungsindustrie dient die Wissenschaft vom Töten allerdings als Grundlage ihres Geschäftsmodells! Keine Frage: Die Bundeswehr muss auch mit Drohnen das Land schützen können! Das ist schon richtig und wichtig. Aber schafft Politik heute noch ausreichend einen Rahmen und ein Bewusstsein, dass der Weg zum Frieden nicht in erster Linie mit Waffen erreicht werden kann? Kapituliert sie nicht vorschnell vor der Komplexität der ihr gestellten Aufgaben? Die Rüstungsindustrie fragt nicht nach einer politischen Lösung von Konflikten. Wo Geld zu verdienen ist, will sie Geld verdienen. Das bleibt ihr einziges Credo. Die Manager dieser Konzerne werden immer für den Sinn ihrer Waffen werben.

Dass die Digitalisierung uns Menschen insgesamt von uns selbst wegführt, auch das wird heute viel zu wenig gesehen. In der Industrie ist die Digitalisierung der wichtige und notwendige nächste Schritt, um im globalen Wettbewerb nicht zurückzufallen. Aber in der Beziehung von Menschen miteinander ist die Digitalisierung ein gewaltiger Rückschritt. Es gibt keine Psychoanalyse, die einem leidenden Menschen mit KI-Sprechen helfen kann. Es gibt keine Beichte, die einen Priester durch einen Computer ersetzen kann. Denn Scham und Schuld fühlen Menschen – und nicht Maschinen.

Das Sprechen schlägt die Brücke zum Anderen

Und auch die mediale Kommunikation braucht das Miteinander von Menschen. Ein von der KI produzierter Text ist eine Ausgeburt des Schwachsinns, auch wenn er inhaltlich richtig sein mag. Das sogenannte „Selbst“ des Menschen, das über die gewöhnliche Funktionsfähigkeit des sogenannten „Ich“ hinausgeht und seine innerste Seele ausmacht, wurzelt im Sprechen. Und es ist das Sprechen von Menschen, mit Ton, mit Pause, mit Atem, das die Brücke zum Anderen, aber auch zum eigenen Selbst schlägt. Eine „Kommunikationsindustrie“, die glaubt, das Sprechen von Menschen industriell-maschinell gestalten und verwalten zu können, führt in eine böse und falsche Welt!

Am Beispiel des „Dritten Reichs“ arbeitete der Psychoanalytiker Arno Gruen, wie in Folge 2 dieser Serie dargestellt, heraus, dass defiziente Strukturen im Selbst in die Gewalt hineinführen. Das Maß an Gewalt, das die Digitalisierung schon heute auslöst, ist kaum zu unterschätzen. Dort ist der Spielplatz des Bösen in so ganz vielen Formen. Es ist schon nachvollziehbar, dass die Regierung in Australien die sogenannten „Social media“ für Kinder unter 16 Jahren verbietet.

In den Ländern, die seit Jahren eher mit Computern an den Schulen gearbeitet haben, werden mittlerweile Bücher und schriftliche Texte wieder neu eingeführt, während bei uns gerade die digitalen Tablets immer stärker ihren Einzug in den Schulen halten.

Überhaupt: unser Schulsystem! Führt es die jungen Menschen wirklich zu sich selbst? Fragt es ausreichend nach dem Schicksal der Kinder? Oder führt es die jungen Menschen nicht eher weg von sich selbst? Im Dreißigjährigen Krieg vor 400 Jahren gab es den sogenannten „Schweden-Trunk“ als Foltermethode. Da wurde dem Opfer so viel Flüssigkeit gewaltsam eingeführt, bis dem die Innereien platzten. Das Schulsystem heute erinnert ein wenig an diese Foltertechnik. Es geht oft genug am Kern des jungen Menschen vorbei und führt den vorschnell in eine Leistungskultur, die gerade nicht nach ihm fragt. Dieses Schulsystem, das in den Gymnasien dieses Landes häufig so gewalttätig an den jungen Menschen vorbeigeht, schadet am Ende auch den armen Lehrerinnen und Lehrern, die in diesem System gefangen sind! Es gibt im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr, Latein zu pauken nach Lehrplänen, die einfach nicht mehr in diese Zeit passen und eher so wirken, als wären sie unmittelbar nach der deutschen Reichsgründung im Jahr 1871 geschrieben worden!

Wenn junge Menschen der „Macht des Bösen“ widerstreben und widersprechen sollen, dann gilt es, sie damit zu konfrontieren, was in ihnen selbst ist. Was ihre Chancen und Möglichkeiten gerade mit Blick auf den anderen Menschen sind. Es muss ihnen aber auch schon früh klar werden, was ein Menschenherz an Gefahrenquellen in sich trägt.

Das ist auch eine entscheidende Aufgabe derer, die in einer Gesellschaft lehren. Politik hat die Aufgabe, dafür einen besseren und geeigneteren Rahmen zu schaffen, als das heute in den Schulen geschieht. Von den jungen Jahren eines Menschen bis hin in die Welt der Hochschulen und Universitäten.

Eine Gesellschaft gerade in dieser schnelllebigen Zeit lebt davon, dass Menschen sich immer wieder neu für die Macht der Liebe entscheiden – und das Böse ganz bewusst ablehnen. Das muss eingeübt werden; dann öffnet sich auch immer wieder neu der Blick auf eine Welt jenseits „der Macht des Bösen“.

Straubinger Tagblatt vom 3. Januar 2025