Hört man den Namen Johann Wolfgang von Goethe, so schreckt man doch sogleich zurück. Überlebensgroß der Schriftsteller, überlebensgroß auch der Mensch, der mit dieser Größe zudem auch übergroßen Schatten warf.
Auf der anderen Seite: Mit Johann Wolfgang von Goethe erreicht dieses damals in mehr als 40 Kleinstaaten zersplitterte Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts eine Blüte, die bis heute das Gegenbild bildet zu den Schrecken des Dritten Reiches mit dem haltlosen Verfall des Menschen hierzulande. Ein guter Grund, dort hinzusehen!
Oft bleibt einem dieser große Mann der deutschen Literaturgeschichte fremd
Was man zudem sofort erinnert: in der Schulzeit den Götz von Berlichingen mit dem bekannten Zitat, das noch immer jeden Tag tausendfach ausgesprochen wird. Die wilde Jugend des Meisters in der sogenannten Epoche des Sturm und Drang mit all den anderen, die dann später keine Klassiker wurden. Dann in der Klassik sein Faust, das Drama von dem männlichen Begehren eines unschuldigen Mädchens, von dem die Franzosen sagen, dass man bei ihnen die Sache mit den Frauen nicht so dramatisch finden könnte; oder auch Goethes eigene Amouren: die frühe Liebe zur braven Friederike von Sesenheim, das platonische Langzeitabenteuer mit Frau von Stein, am Ende die Ehe mit einem Blumenmädchen, als er als Mann von seiner italienischen Reise zurückkehrt.
All das fällt einem schon ein – und doch bleibt einem dieser große Mann der deutschen Literaturgeschichte oft genug so seltsam fremd und man schreckt vor einer Annäherung erst einmal zurück.
Ein Sommer mit Goethe heißt das Buch, das der hochgebildete Essayist und Literaturkritiker Gustav Seibt gerade vorgelegt hat. Und in diesem gar nicht allzu dicken Bändchen ist von der ersten Seite an spürbar, dass es einem der Autor leicht machen will, mit Goethe in eine Begegnung zu kommen.
In 50 mosaiksteinartig zusammengesetzten kleinen Kapiteln bringt uns der Autor seinen Goethe nahe – und das Erstaunliche: der große Meister verliert dabei nichts von seiner Tiefe. Das Rezept von Gustav Seibt: Er lässt Goethe mit seinen literarischen Texten, aber auch seinen autobiographischen Zeugnissen selbst sprechen und führt nur mit leichter Hand durch diese Texte, die er dem Leben Goethes entlang mit viel Sorgfalt und Liebe zusammengestellt hat. Dabei sucht er das Aktuelle, was uns gerade heute angeht.
Niemand würde in diesen Tagen freiwillig Goethes Hexameter-Epos Hermann und Dorothea lesen, das der Meister 1797 schreibt! Aber die Beschreibung der Gewalt des Krieges ist dort in Verse gegossen, die unserer Zeit entstammen könnten: „Alles ergriff die Waffen… Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke. Und die künft’ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf. Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rüstung nun in Wehre… ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung; überall raste die Wut… möcht’ ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung wiedersehen! Das wütende Tier ist ein besserer Anblick…. Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind, alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb.“
Entfesselte Gewalt, wo Kriege entbrannt sind, enthemmtes Morden, das keine Grenzen mehr kennt, wer würde da nicht an die Kriege unserer Gegenwart denken. Goethe sieht schon vor über 200 Jahren die psychische Innenwelt des Menschen, wie sie heute von Philosophen oder Psychoanalytikern unserer Zeit detailliert beschrieben wird.
Im Moloch Berlin erkennt Goethe bereits den Staat als „Spielwerk“
Goethe lebt am Weimarer Hof, letztlich ein provinzielles Nest, nur einmal geht er nach Berlin und Potsdam, im Frühjahr 1778, modernes Zentrum Preußens seiner Zeit, das 100 Jahre später die Hauptstadt Deutschlands werden sollte und die martialisch-militärische Grundmelodie in zwei Weltkriegen vorgeben wird. Er erlebt diesen Moloch – und sieht, wie Regierungen bereit sind, Menschen für ihre Interessen zu opfern – schon damals! „Die Pracht der Königstadt, und Leben und Ordnung und Überfluss, das nicht wäre ohne die tausend und tausend Menschen, bereit für sie geopfert zu werden“… ein „grosses Uhrwerck“, das Goethe mit Blick auf die Regierung als „Bewegung von Puppen“ erlebt; Gustav Seibt kommentiert: „Das Auge sieht einen gesellschaftlichen Zustand, der ganz auf Macht und Gewalt ausgerichtet ist… der Staat als Spielwerk, bereit, Menschen zu opfern.“
Erleben wir heute eine bessere Zeit? Das Weltall als zukünftiger Kriegsschauplatz, wo auf allen Seiten hochgerüstet wird, das ist neu – aber die Menschen arbeiten heute auf dieser Welt noch immer brav wie Schafe – und wissen kaum, wie ihnen geschieht.
Das Böse, die Abgründe: Goethe hat immer das Licht gesucht, die Ordnung, das Gute. Aber in sein Werk schreibt sich vor allem auch die Gegenwelt ein. Schon ganz am Anfang: der Selbstmord des Werther, nicht nur als ein unglückliches Liebesdrama, sondern Wissen des Autors, dass Menschen geneigt werden können, Hand an sich zu legen.
Was in der Literatur Experiment bleibt, begegnet Goethe im Kreis seiner Freunde. Dort ist er mit Trost und Liebe zur Hand. Als sich 1812 der gute Sohn des Freundes Karl Friedrich Zelter mit einer Kugel das Leben nimmt und der Vater seine ganze Verzweiflung und Trauer in einem Brief an Goethe ausspricht: „Auf seinem Bette sitzend neben seinem schlafenden Bruder hat er sich getötet. In diesem Akte sitzt er noch jetzt, aber so schön und edel… es ist hart, grausam: Hätte er gewußt wie ich ihn liebe, er könnte nicht selig sein.“
Da antwortet Goethe als Freund, als Mitmensch: „Dein Brief, mein geliebter Freund, der mir das große Unheil meldet, welches Deinem Hause widerfahren, hat mich sehr gedrückt, ja gebeugt, denn er traf mich in sehr ernsten Betrachtungen über das Leben, und ich habe mich nur an Dir selbst wieder aufgerichtet.“ Er lobt den Freund für seine charakterliche Größe im Umgang mit dem schrecklichen Schicksal, spricht ihn erstmals mit dem freundschaftlichen Du an, was er dann ein Leben lang nicht mehr zurücknehmen wird. Goethe als Freund, als Mitmensch! Das bringt ihn uns auch heute noch näher.
Überhaupt Goethes Blick auf die Innenwelt von uns Menschen: „Man darf nur alt werden, um milder zu sein. Ich sehe keinen Fehler begehen, den ich nicht auch begangen hätte.“ Dieser große Schriftsteller und Dichter ist kein Pharisäer, der mit dem Finger auf die anderen deutet, wo er doch über die Schicksalshaftigkeit des Lebens so tiefsinnig räsoniert: „Es darf sich einer nur für frei erklären, so fühlt er sich denselben Augenblick als bedingt. Wagt er es, sich für bedingt zu erklären, so fühlt er sich frei.“
So sagt das auch der berühmte Begründer der Schicksalsanalyse Leopold Szondi (1893–1986) auf vielen hunderten Seiten, Goethe fasst das 100 Jahre vorher in zwei Sätzen zusammen. Und jeder Mensch ist wert, geachtet zu werden, denn kein „Menschenleben verdient verächtlich behandelt zu werden, weil es offenbar im Leben aufs Leben und nicht auf ein Resultat desselben ankommt, und wir den Geringsten mit Achtung anzusehen haben, wenn wir in seiner einfachen Geschichte bemerken, daß eine höhere Hand sich vorbehalten hat, unsichtbar einzugreifen und dem verdüsterten trübseligen, im Augenblick Hülflosen über einige Schritte hinweg auf eine glatte Bahn zu helfen.“
Solche Wunder im Alltag jedes Menschen fasst 150 Jahre später der Schweizer Schriftsteller Max Frisch so zusammen: „Ich kann nicht glauben, dass das, was ich sehe, schon der Lauf der Welt ist.“ Und dieses Wunder des Lebens gilt nach Goethe für alle Menschen, sie mögen noch so wenig öffentliche Aufmerksamkeit haben.
Und sein eigenes Glück, Goethes Glück? Es ist das Sinnenglück, auf der Welt und am Leben zu sein! 1814 dichtet er mit Blick auf die Kulturen im Osten der Welt im „West-östlichen Divan“ die Verse: „Unter Lieben, Trinken, Singen… in des Ursprungs Tiefe dringen, wo sie noch von Gott empfingen Himmelslehr’ in Erdesprachen und sich nicht den Kopf zerbrachen.“ Die deutsche Engstirnigkeit! Der Rückzug ins sterile Denken, das war Goethes Sache nicht. Er wollte leben, Leben spüren, in der Welt sein.
Der berühmte Osterspaziergang von Faust bezeugt Goethes Freude an der Natur, am Aufblühen von neuem Leben: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungs-Glück… Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, Denn sie sind selber auferstanden…“
Goethe glaubte an „die Vielgestaltigkeit des Göttlichen“
Die Natur gibt den Menschen sich selbst zurück, das Osterfest nicht als kirchliches Festgeschehen, sondern als Frühlingstag, der tief in den Menschen hineinwirkt. War Goethe gläubig? Sicher! War er ein Mann der Christenheit? Nein. Goethe glaubt, so Gustav Seibt, an die „Vielgestaltigkeit des Göttlichen“; eine Entwertung dieser Welt zugunsten einer anderen Welt, was das Christ-Sein damals viel stärker als heute bedeutete, das war Goethe fremd! Der Verstand ist wichtig, aber die Sinne sind der Zugang zur Welt: „Den Sinnen hast du dann zu trauen, kein Falsches lassen sie dich schauen, wenn dein Verstand dich wach erhält. Mit frischem Blick bemerke freudig, und wandle, sicher wie geschmeidig, durch Auen reichbegabter Welt“.
Das Auge und das Licht gehören zusammen, das Auge muss licht sein, und das Licht zieht das Auge an, das führt zwar in die Helligkeit christlichen Glaubens und Denkens, aber Goethe entwickelt all das aus seinem eigenen Leben heraus und bleibt zum Christentum, wo er die Defizite in seiner Zeit klar erkennt, auf großer Distanz. Die Welt, die der Türmer im zweiten Teil des Faust so wunderbar bedichtet, ist Johann Wolfgang von Goethe dagegen buchstäblich aus der Seele geschrieben: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen gefällt mir die Welt. Ich blick in die Fern, ich seh in der Näh, den Mond und die Sterne, den Wald und das Reh. So seh ich in allen die ewige Zier und wie mir’s gefallen gefall ich auch mir. Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei wie es wolle, es war doch so schön!“
Wer so in der Liebe zur Schöpfung steht, dass ihm dieses Gedicht gefällt, der ist noch heute mit dem Dichter Johann Wolfgang von Goethe seelenverwandt. Gustav Seibt ist mit seinen vielen kleinen Kapiteln einer Annäherung an das Genie Goethe von ganz verschiedenen Seiten her ein zauberhaftes Buch gelungen, das zur Lektüre sehr empfohlen sei!
Straubinger Tagblatt vom 11. April 2026