Das war schon ein sehr offenherziges Interview, das die Philosophin Svenja Flaßpöhler vergangene Woche dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gab. Die 51-jährige Chefredakteurin des „Philosophischen Magazins“, die einer breiteren Öffentlichkeit auch deshalb bekannt ist, weil sie immer wieder in die Talkshows der öffentlich-rechtlichen Medien eingeladen wird, wirbt da als Feministin für die Ehe. Auf die Frage, ob es sie nicht störe, „gemäß der alten, patriarchal-bürgerlichen Beziehungsnorm“ zu leben, meint sie freimütig, dass sie „jahrelang durch die Clubs und Betten Berlins gezogen“ sei. Motiv ihrer wilden Jahre sei allerdings gewesen, nach einer schrecklichen Beziehung zu ihrem Vater und dann ihrem Stiefvater den Männern im Bett zu zeigen: „Ihr bringt es leider nicht.“ Ob diese nachträgliche Deutung ihrer wilden Jahre so ganz stimmig ist und ihre Interpretation also so ganz aufgeht und auch, ob alle Männer tatsächlich unzufrieden von dannen gingen, das muss an dieser Stelle offenbleiben.
Interessant aber ist auch noch ein zweiter Aspekt des Interviews. Denn die bekennende Feministin wagt es auch, die Ikone weiblicher Selbstbefreiung Gisèle Pelicot, die narkotisiert jahrelang von ihrem Ehemann und anderen Männern vergewaltigt wurde, vorsichtig zu kritisieren. Sie sagt, dass sie Pelicot für „ihre mutige Entscheidung, den Prozess gegen ihre Vergewaltiger öffentlich stattfinden zu lassen“, zwar bewundere, dass es aber nach eigenen Aussagen von Pelicot „viele Alarmsignale im Lauf ihrer Ehe“ gegeben habe, über die sie hinweggesehen hätte, um das Ideal ihrer Ehe nicht infrage zu stellen. An dieser Stelle wendet der Redakteur des „Spiegel“ sofort entsetzt ein: „Sie betreiben Täter-Opfer-Umkehr“, woraufhin die Philosophin klug antwortet: „Wer mit dem Argument der Täter-Opfer-Umkehr jede normative Forderung an Frauen zurückweist, der verhindert es, Frauen zu ermächtigen.“ Das ist deshalb interessant, weil in der öffentlichen Diskussion der Begriff der „Täter-Opfer-Umkehr“ in ganz vielen Kontexten längst zum Totschlagargument geworden ist, von dem her alternative Handlungsoptionen derer, denen die Opferrolle zugewiesen wird, von vornherein ausgeschlossen werden.
In dieser Woche wurde auf dem Filmfest von Venedig der Dokumentarfilm „Naza“ ausgezeichnet. In diesem Film sprechen 24 israelische Soldaten und Geheimdienstleute Israels über die Kriegsverbrechen, die sie in Gaza begangen haben. Yuval Abraham, einer der beiden Regisseure des Films, ist Jude aus Israel – und er kritisiert mit diesem Film, was in Gaza an Morden geschehen ist. Die israelischen Soldaten sagen in diesem Film ganz offen, dass es ihr Ziel gewesen sei, so viele Palästinenser wie möglich zu töten. Einer der Männer – und das ist ein entscheidender Beitrag zur „Täter-Opfer-Perspektive“ – sagt zudem, dass es darum gegangen sei, so viel zu zerstören wie möglich, bevor die internationale Legitimation für den Militäreinsatz schwinde.
Wir erinnern uns: Nach den Anschlägen vom 7. Oktober war zwar schnell erkennbar, dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Gazastreifen zügig auf einen Völkermord zusteuert – von Anfang an wurde bewusst keine wirkliche Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen, und es wurden Krankenhäuser bombardiert und gerade auch Kinder getötet –, aber die Israel international zugesprochene Opferrolle ließ laute und so dringend notwendige Kritik an Netanjahu und den Seinen, die in so unglaublicher Brutalität gegen die Zivilbevölkerung vorgingen, gerade auch aus Deutschland, über Wochen vermissen. Heute wissen wir, dass alle Alarmsignale, die von der Grenze zu Gaza nach Jerusalem über Wochen gemeldet wurden, ignoriert wurden und Netanjahu die Provokation eines Anschlags eventuell sogar bewusst in Kauf nahm, um in aller Brutalität zurückschlagen zu können. So wird die „Täter-Opfer-Perspektive“ von einer Regierung ganz bewusst instrumentalisiert, um schreckliche eigene Verbrechen zu rechtfertigen.
Auch beim Thema Ukraine-Krieg wird immer wieder mit dem Totschlagargument der Täter-Opfer-Umkehr diskutiert. Einwände, die auch dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj eine Mitverantwortung für die Eskalation des Krieges zuweisen und Handlungsalternativen zum Krieg einfordern, werden von den politischen Vereinfachern mit dem Argument vom Tisch genommen, dass der russische Präsident Wladimir Putin doch der Böse sei, der die Ukraine überfallen habe und der doch den Krieg jederzeit beenden könne. Auf der Basis dieser Argumentation sterben aber an der Front jeden Tag Hunderte und Tausende junger Männer und auch Frauen. Mit der sich blind stellenden Argumentation, dass es eben Täter und Opfer gebe, wird es dann am Ende moralisch legitim, wenn das einfach so weitergeht. Es ist gerade heute notwendig, das vereinfachende Sprechen von einer „Täter-Opfer-Umkehr“ in allen möglichen Kontexten einer kritischen Diskussion zu unterwerfen.
Straubinger Tagblatt vom 18. September 2026