Dass das Christentum auch eine Geschichte des Verbrechens an den Menschen ist, das wird kaum jemand abstreiten. Von den Hexenverbrennungen bis hin zu den machtgierigen Päpsten mit ihren Mätressen im Mittelalter, mit der Botschaft des Neuen Testaments hat all das wenig zu tun. Allerdings hat sich dann doch über die Jahrhunderte nicht nur die Botschaft der vier Evangelien erhalten, sondern es hat sich aus dem Leben und Sterben von Jesus auch eine christliche Philosophie entwickelt, die bis heute an den Universitäten gelehrt wird.
Auf den ersten Blick möchte man meinen, dass alles, was im Namen der Philosophie gelehrt wird, gut und klug ist. Das ist aber mitnichten so. Dort wird auch viel Blödsinn gedacht und von so manchem halbseidenen Philosophen vom Lehrstuhl herab verkündet.
Gerade heute, wo die künstliche Intelligenz (KI) von so manchem als Heilsbringer für die Zukunft ausgerufen wird, da ist der Ein- und Widerspruch der christlichen Philosophie unbedingt notwendig. Denn sie ist von ihrem Grunde her lebensfreundlich und orientiert am Heil des einzelnen Menschen.
In der Monatsschrift der Jesuiten „Stimmen der Zeit“ hat vor Kurzem der bekannte Jesuit Klaus Mertes unter dem Titel „Die Abschaffung des Menschen – Ewiges Leben für die Reichen und Mächtigen“ einige sehr kluge Anmerkungen zu unserer heutigen Lebenssituation gemacht. Es ist ja mittlerweile allgemein bekannt, dass Biowissenschaftler aus dem Geist der sogenannten „longevity“ nicht nur daran arbeiten, dass Menschen länger gesund leben können, sondern sogar hoffen, mit ihren Forschungsergebnissen den Tod überwinden zu können.
Mertes macht in seinem Aufsatz die kluge Beobachtung, dass es vor allem die bekannten Tech-Milliardäre sind, die nicht nur eine Auswanderung auf den Mars planen, wie Elon Musk, sondern auch hier auf Erden ewig leben wollen. „Es fällt auf“, schreibt Mertes, „dass die Kämpfer gegen den Tod allesamt mächtige Personen sind, Unternehmer und Milliardäre, die ein Bündnis mit Wissenschaft und Technologie eingehen oder auch beide Hüte zugleich aufhaben, den des Forschers und Entwicklers sowie den des Finanzierers.“ Die Sehnsucht nach Überwindung des Todes erlebt Mertes als „ultimativen Machterweis für Leute, die ohnehin schon sehr mächtig sind“.
In diesem Sinn deutet er auch das bekannt gewordene Gespräch zwischen Wladimir Putin und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping. Putin zu Xi: „Die Biotechnologie entwickelt sich ständig weiter … Menschliche Organe können kontinuierlich transplantiert werden. Je länger man lebt, desto jünger wird man und kann sogar Unsterblichkeit erlangen.“ Xi antwortet darauf: „Einige sagen voraus, dass Menschen in diesem Jahrhundert bis zu 150 Jahre alt werden können.“ Die Überwindung von Alter und am besten auch Tod also als Machterweis für die ganz Mächtigen.
Das Schlimme ist, dass solche Perspektiven heute in die Alltagswelt von vielen Menschen einsickern. Die technischen Möglichkeiten als Sehnsuchtsort nach einer besseren Welt. Die KI als Liebespartner, der genau spürt, welche Sätze der Einsame hören möchte, das passiert mittlerweile immer öfter. Aber können Maschinen lieben? Können Maschinen wirklich sprechen? Die christliche Philosophie hat Lieben und Sprechen zu jeder Zeit beim einzelnen Menschen verortet. Der einzelne lebendige Mensch spricht. Er atmet – und sein Sprechen ist gebunden an seinen Atem, der in der christlichen Philosophie für die Gegenwart Gottes in dieser Welt bürgt. Maschinen sind tot und atmen nicht.
In der christlichen Philosophie ist der Begriff „Leib“ entscheidend, der eben mehr meint als einen Körper, der alt und krank werden kann. Der Leib des Menschen ist gerade in seiner Hinfälligkeit heilig, in ihm ist die Möglichkeit von Sprache und Liebe angelegt. Klaus Mertes: „Leib korrespondiert mit Liebe. Ein Hinterbliebener, der einen Bot einschaltet, in welchem die Daten des lieben Verstorbenen gespeichert sind, spricht mit einer Maschine.“
Leben, Sprechen, Lieben – das gehört in der christlichen Philosophie zusammen. Christliche Philosophie ist deshalb radikal analog: Jeder Mensch spricht als einzelner, von Gott ins Leben gerufener Mensch, sich selbst in dieser Welt aus – und kann nicht von einer Maschine ersetzt werden. Die KI bleibt im Letzten eine leblose Veranstaltung, so sehr sie diesen Mangel auch zu verschleiern sucht. Die atheistischen Philosophen, die der KI ein eigenes Bewusstsein zuschreiben und den Tod schon in dieser Welt zu überwinden suchen, gehen letztlich am Schicksal des Menschen vorbei.
Mertes: „Dem Tod grundsätzlich den Krieg zu erklären bedeutet, die Bedingungen der eigenen Existenz selbst abzulehnen und es nicht mehr als Ganzes in den Blick zu nehmen. Der Tod ist aber gerade nicht der ultimative Feind, und zwar deswegen nicht, weil er nicht das ultimative Übel ist, sondern den Menschen vor das Ganze seines Lebens stellt. Ohne Todesbewusstsein kein Transzendenzbewusstsein.“
Der Religionsphilosoph Eugen Biser hat schon vor 40 Jahren im Angesicht einer immer stärker um sich greifenden Vergnügungskultur vor der gesellschaftlich „eingeredeten Todlosigkeit“ gesprochen, die dem Menschen die Möglichkeit nehme, sich seines Lebens und seiner Aufgabe in diesem Leben gerade im Angesicht seines Sterben-Müssens bewusst zu werden. Die digitale Welt hat diese Gefahr nochmals verstärkt. Wer im Netz allüberall und das alles fast gleichzeitig sein kann, der kann schon auf die Idee kommen, dass wir Menschen bereits auf dieser Welt gottgleich sind – oder mit der Abschaffung des Todes wenigstens bald werden.
All das ist ein großer Irrsinn und es gibt nicht wenige ehemalige große namhafte Wegbereiter der digitalen Welt, die sich längst von dort abgewandt und zur Ruhe gesetzt haben und irgendwo auf dieser schönen Welt an einem ruhigen Fluss oder einem wunderbaren See ihr Leben mit ihrer Familie genießen. In aller Gelassenheit, im Wissen, dass auch sie eines Tages sterben werden; dass aber jetzt ihre Lebenszeit ist, die sie nicht mehr vergeuden wollen an den Versuch der Überwindung von Naturgesetzen, die es genau deshalb gibt, damit es den Menschen schon auf dieser Welt gut gehen kann und ihr Leben gelingt.
Die unsichtbare Welt, auf die wir nach unserem Tod zugehen, bleibt auf dieser Welt Geheimnis; aber sie ist als Geheimnis schon hier auf diesem Planeten spürbar. Das macht die Qualität dieser Welt aus. Wer das ignoriert und an der Abschaffung des Todes arbeiten möchte, der macht in Wirklichkeit einen Schritt zurück – und nicht nach vorne!
Straubinger Tagblatt vom 28. August 2026