Die Meinung von Prof. Dr. Martin Balle:
Beim Fußball gibt es einen Satz – wenn der fällt, dann weiß man, dass man das Spiel gewinnen wird. Wenn der Mitspieler sagt: „Hörst Du’s, die streiten schon!“ Gemeint ist damit, dass die gegnerische Mannschaft wider Erwarten zurückliegt und nicht in Führung. Und statt alle Kräfte gemeinsam zu mobilisieren, beschimpfen sie sich gegenseitig. Wenn dieser Satz plötzlich fällt, in der Regel so ab der 60. Minute eines Spiels – weil halt auch die zweite Halbzeit nicht läuft und das Tor, das die gegnerische Mannschaft zurück ins Spiel bringen könnte, nicht fallen will – dann weiß man auf der anderen Seite, dass man auf der Siegerstraße ist.
In der CDU/CSU streiten sie schon in der ersten Halbzeit ihrer Regierungsjahre. Besonders gravierend ist zudem, dass es mit Kanzler Friedrich Merz der Kapitän ist, an dem sich die halbe Mannschaft lautstark abarbeitet. Der misslungene Regierungsumbau wurde vielfach beschrieben. Es hat aber schon eine unglaubliche Brisanz, wenn ein Landesverband (Rheinland-Pfalz) den Besuch des eigenen Kanzlers ablehnt und so zahlreiche Parteifreunde ihre Kritik lautstark an alle verfügbaren Medien im Lande hinausposaunen.
So schreibt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ letzte Woche: „Der Spott, der sich nun über Merz ergießt, zeigt den rapiden Autoritätsverlust des Kanzlers bei den eigenen Leuten. Sie wissen ja, was das in der Politik bedeutet: Leidet die Autorität, schwindet auch die Macht. Und nichts beschädigt die Autorität mehr als Lächerlichkeit … Man kann nun zusehen, wie die Autorität des Kanzlers fast schon im Stundentakt zerfällt.“ Und die Süddeutsche Zeitung weist vor wenigen Tagen in genau dieselbe Richtung: „So offene Kritik aus der Union hat es schon lange nicht mehr an einem Kanzler gegeben … Es ist ungewöhnlich, wie viele CDU-Leute ihre Kritik äußern.“ Das ist doch nicht nur ungewöhnlich, das ist schon mehr als der Anfang vom Ende!
Friedrich Merz war niemals Wunschkandidat seiner Partei. Vorsitzender der Partei wurde er erst im dritten Anlauf im Jahr 2022, als alle anderen Kandidaten die Jahre zuvor verbrannt waren. Und Bundeskanzler auch nicht im ersten Wahlgang, obwohl die Regierungsfraktionen die Mehrheit hatten. Das war in beiden Fällen ein schlechter Start. Dann lange erkennbar – nichts! Unvorbereitet, aber großsprecherisch (zu Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag: „Sie sind ein Klempner der Macht!“) ins Amt des Kanzlers, bis jetzt endlich nach mehr als einem Jahr in diesem Sommer die ersten Reformen kamen, die aber auch nicht überzeugen. Weder die Fachleute aus der Wirtschaft oder dem Gesundheits- und Pflegewesen, um das es vor allem geht, noch die Bürgerinnen und Bürger.
Die Beliebtheitswerte des Kanzlers bei den Menschen im Land rauschen immer weiter gegen Null und das Vertrauen in der eigenen Partei schwindet klar erkennbar. Dass ein frisch berufener Minister nachts um vier Uhr eine Mail an den Kanzler schreibt, um mitzuteilen, dass er doch nicht ins Kabinett will, spricht Bände. Die Aufgaben schwer, der Mannschaftsführer schwach, wer will da mitspielen? Und Merz hat auch alles getan, um die Menschen im Land von sich abzuwenden. Sein antiquiertes Frauenbild, seine unglücklichen Sätze nach Auslandsreisen, wenn das Bett im Hotel nicht weich und das Brot nicht gut genug war.
Das Bild, das sich bei den Menschen im Lande immer stärker verfestigte, war das eines reichen Überfliegers, der wenig Kontakt mit dem Leben in dieser Welt hatte und hat. Kein Mannschaftsführer, kein Mannschaftsspieler, sondern ein Kapitän auf dem Ego-Trip, der jetzt endlich – nach fast 20 Jahren Angela Merkel – Kanzler sein will und Kanzler sein darf. Abgeschottet vom Leben wirkt er und erscheinen auch seine betont sachlich und entschieden vorgetragenen Sätze vor den Journalisten des Landes.
Aber so entschlossen und auf den (allerdings nur) ersten Blick führungsstark er sie in die Kameras der Fernsehanstalten vorträgt, man schaltet schnell um, weil man seine Art, an der Welt und am Leben vorbeizusprechen, nicht mehr erträgt. Friedrich Merz lebt in seiner ganz eigenen Welt und fühlt sich darin „zunehmend als Master of the Universe“, wie „Der Spiegel“ das letzte Woche formuliert. Kann so ein Verhalten gutgehen? Ein Mannschaftskapitän, dem die eigenen Mitspieler nicht mehr vertrauen? Und die Zuschauer – eine Bürgerschaft, die spürt, dass diese Regierung mit Kanzler Merz keine ausreichenden Schritte in eine bessere Zukunft erreichen wird, wie soll das weitergehen?
Es kommt hinzu, dass die CDU/CSU seit Jahrzehnten grausam umgeht mit Anführern, die ihnen ihren Erfolg nicht absichern können. Von Armin Laschet bis zu Edmund Stoiber. Die Zustimmungswerte zu Kanzler und Regierung in der Bevölkerung werden absehbar weiter nach unten gehen. Das wird bei denen, die für die Union im Bundestag und in den Ländern in den Parlamenten sitzen, immer mehr Verzweiflung und Angst auslösen. Sie wollen doch wiedergewählt werden. Und so werden sie nach Alternativen suchen und rufen.
Ich glaube schon, dass Kanzler Friedrich Merz heute, in diesen allzu heißen Sommertagen, in seinem Herzen wild entschlossen ist, sein Amt bis zu den nächsten Bundestagswahlen durchzuhalten und vielleicht sogar nochmals anzutreten. Aber das Leben selber hat doch jenseits unserer Vorstellungen und Wünsche eine solch eigene gewaltige Kraft und Dynamik, gegen die kein einzelner Mensch ankommt, auch wenn er sich noch so sehr dagegen wehrt – und das gilt auch für einen Bundeskanzler.
Ich glaube, es wird ihn vor der nächsten Bundestagswahl aus dem Kanzleramt buchstäblich wegspülen. Wir werden aufwachen und im Fernsehen sehen, wie Friedrich Merz seinen Rücktritt verkündet. Der Tenor seiner Erklärung wird sein, dass er und seine Leistung verkannt wurden – und viele werden schuld sein an diesem Rücktritt, so wird er sagen, am allerwenigsten er selbst. Der Kandidat für die Zukunft, dessen Profil am politischen Horizont immer klarer erkennbar wird, heißt Hendrik Wüst, erfolgreicher und beliebter Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Liebenswürdig, kompetent, differenziert. Ein Mann mitten im Leben, ein Mann für die Zukunft. Je eher, desto besser.
Die Meinung von Markus Lohmüller:
Wie schön könnte doch alles sein: Friedrich Merz tritt morgen als Bundeskanzler zurück und für ihn übernimmt – um ein nicht ganz willkürlich gewähltes Beispiel zu nennen – Hendrik Wüst. CDU, CSU und SPD fällt daraufhin ein, wie sie trotz grundverschiedener Vorstellungen gemeinsam die Rente sichern, die Wirtschaft retten und das Klima schützen wollen. Putin gibt sich in der Ukraine geschlagen und Trump schwört allen Strafzöllen ab. Die AfD ist dann bald nur noch eine böse Erinnerung, von der wir unseren Enkeln erzählen können. Es sind bekanntlich die einfachen Lösungen, denen zu misstrauen ist. Vor allem in der Politik.
Der verpatzte Regierungsumbau hat in den vergangenen Tagen die allgemeine Unzufriedenheit mit Merz noch einmal kräftig befeuert. Eine „Kanzlerdämmerung“ wird da herbeigeredet, herbeigeschrieben, geradezu heraufbeschworen. Sogar die eigenen Leute arbeiten sich mit einer bemerkenswerten Untergangslust am CDU-Chef und Kanzler ab – und überziehen dabei heftig. Man möchte fast meinen, es war Merz selbst, der mithilfe einer Leihmutter aus den USA Vater wurde, auf Parteiprogramm und Volkes Meinung pfiff und damit die Koalition zur Sommerpause in die Krise stürzte.
Nein, der Schurke in dem Stück heißt immer noch Jens Spahn. Und der viel gescholtene Kanzler hat unterm Strich das Beste aus der Situation gemacht: Unionsfraktionschef ist jetzt Thorsten Frei, der nicht nur mit Merz gut kann, sondern offenkundig auch von den Abgeordneten geschätzt wird. 91,9 Prozent sind ein deutlicher Vertrauensbeweis. Mit Nina Warken gibt es eine neue Kanzleramtschefin, die bereits als Gesundheitsministerin bewiesen hat, dass sich auch unpopuläre Maßnahmen durchsetzen lassen. Ihr sind jenes Managementtalent und jene Kommunikationsfähigkeit zuzutrauen, die der Regierung zuletzt gefehlt haben.
Zum Glück gibt es in diesen Zeiten der politischen Hypersensibilität noch ein paar besonnene Stimmen. „Was genau hat Merz eigentlich so schrecklich falsch gemacht?“, fragt etwa Christiane Hoffmann, Journalistin und stellvertretende Regierungssprecherin unter Olaf Scholz. „Was genau kann Merz dafür, dass einen designierten Minister nächtens plötzlich der Mut verlässt?“ Nichts. Die Verantwortung für die Blamage trägt in diesem Fall allein Fritz Güntzler, der sich erst als Verkehrsminister zur Verfügung stellte und dann einen Rückzieher machte. Den ersten Stein werfe freilich, wer im Leben noch nie kalte Füße bekommen hat …
Was Christiane Hoffmann „noch mehr erstaunt als die überdimensionierte allgemeine Empörung, ist die (Selbst-)Zerstörungswut der Union“. Die Journalistin schreibt in einem Beitrag auf LinkedIn, aus dem auch Robin Alexander in der „Welt“ zustimmend zitiert, weiter: „Ein bisschen Stabilität, bitte. Stattdessen ein kopfloses Gemecker und Geblöke, von dem niemand weiß, wo es hinführen soll.“ Und zum Schluss: „Europa brennt. Könnten bitte ein paar Leute einen kühlen Kopf bewahren?“ Oh ja, das wäre toll.
Stattdessen machen jetzt auch noch drei ostdeutsche CDU-Ministerpräsidenten Kanzler und Koalition das Leben schwer, indem sie die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren („Rente mit 63“) zu ihrer Sache erklären. Dabei ist es gerade die geplante Rentenreform, welche die Handlungsfähigkeit des schwarz-roten Regierungsbündnisses unter Beweis stellt. Indem sie die Vorschläge der Expertenkommission eins zu eins umsetzen wollen, machen beide Koalitionspartner Zugeständnisse. Trotz mancher Härten würden sowohl heutige als auch künftige Rentner von der Reform profitieren. Ein Erfolg auch für Merz, wenn es denn dabei bleibt.
Doch die Kritik am Kanzler hat ohnehin nur selten mit seiner Politik zu tun. Kritik an Friedrich Merz ist meist Stilkritik, Kritik an seiner Kommunikation, und da macht er es einem zugegebenermaßen leicht. Der Stand-up-Comedian und Kabarettist Till Reiners fragte sich einmal vor Publikum, warum er bis dahin noch nie über Merz geredet hatte. Seine Antwort: „Ich habe festgestellt, das fühlt sich für mich einfach so an wie nach unten treten.“ Fies, aber treffend. Der Kanzler agiert oft in einer derart unbeholfenen Onkelhaftigkeit, dass man sich eigentlich jeden Kommentar sparen kann.
Aber deshalb den Regierungschef wechseln? Zumal alle Merz’schen Unzulänglichkeiten auch schon vor seiner Kanzlerschaft bekannt waren. Obwohl die Wähler erst im Februar 2025 mehrheitlich ein Bündnis aus CDU, CSU und SPD unter der Führung von Merz in Verantwortung brachten. Nein, das ist keine gute Idee. Es wäre sogar fatal, würden wir uns jetzt in der Erzählung verfangen, dass es nur den einen richtigen Mann an der Spitze des Staates braucht, damit alles wieder gut wird. Was ist, wenn der Nächste auch nicht gefällt? Wechseln wir dann so lange durch, bis kein halbwegs zurechnungsfähiger Mensch mehr den Job machen will?
In Großbritannien hat gerade der siebte Premierminister innerhalb von zehn Jahren sein Amt angetreten. Wirklich vorangebracht haben die häufigen Wechsel die Briten bislang nicht. Die Italiener tauschten ihre Ministerpräsidenten sogar so lange aus, bis sie schließlich bei einer Postfaschistin landeten. Vor allem die parteiinternen Kritiker von Merz sollten deshalb gut überlegen, wem es am Ende nutzt, wenn sie ihren eigenen Spitzenmann demontieren. Gleiches gilt übrigens für die SPD, die sich gerade mit einer nicht minder selbstzerstörerischen Kraft an ihren Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil abarbeitet. Selbstzerfleischung ist in der Regel kein Regierungsstil, den Wähler belohnen.
Friedrich Merz hat sich unlängst als „lernendes System“ bezeichnet. Als jemand, der aus seinen Fehlern lernen kann. Das ist zu hoffen. Und diese Chance sollte man selbst einem Kanzler einräumen, zumal nach nur eineinhalb Jahren Amtszeit. Stabile Regierungsverhältnisse sind ein wertvolles und in vielen Demokratien auch ein seltenes Gut. Stürzt der Kanzler, folgt womöglich schon bald die gesamte Regierung. Das ist ein gefährliches Spiel. Merz scheint sich zum Glück seiner Verantwortung bewusst zu sein – und lässt sich nicht so leicht aus dem Tritt bringen. Der Mann hat schon öfter Nehmerqualitäten bewiesen. Wetten auf seinen baldigen Abgang sollte man lieber nicht mit allzu hohen Summen abschließen.
Straubinger Tagblatt vom 7. August 2026