„Mein Freund Franziskus“, mit dieser Überschrift zeichnete vor Kurzem die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein langes Interview aus, das sie mit dem evangelischen Pfarrer Jens-Martin Kruse aus Anlass des ersten Todestages von Papst Franziskus führte. Kruse war Pfarrer für die wenigen evangelischen Christen in Rom, als Franziskus ins Amt kam; und während allzu oft theologische Glaubenskämpfe das Miteinander der beiden Konfessionen erschweren, wurden der frisch gewählte Papst und er einfach Freunde in Rom. Als der evangelische Pfarrer 2018 seinen Rückruf nach Deutschland erhielt, lud ihn Franziskus zu einer Messe in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern ein, damit sie dort gemeinsam den Segen sprechen würden. So einfach also kann das Miteinander im Glauben auch sein!
Zum Todestag seines Freundes blickt Kruse noch einmal auf das Pontifikat des großen Papstes zurück und sagt: „Franziskus hatte die Gabe, den Dingen, die wir erleben, auf den Grund zu gehen – und sie theologisch zu deuten. Er wollte kein Kirchenfürst sein, da machte er keine Kompromisse. Er wusch am Gründonnerstag den Leuten die Füße, auch Frauen, Muslimen, Gefangenen. Das war neu und keine Show, sondern Machtverzicht.“
In der Tat: Dieser Franziskus war ein leidenschaftlicher Mitmensch. Er, der in Argentinien mit den Armen des Landes gelebt hatte, der zeit seines Lebens den Kontakt zu Mördern und Prostituierten suchte, um zu helfen und zu heilen, der sich für keinen noch so mühsamen Weg zu schade war, hat tatsächlich dem Amt des Papstes eine ganz neue Dimension gegeben. Eine „Zivilisation der Liebe“ fordert er in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“: „Jeder Mensch“ habe eine unveräußerliche Würde, jeder Mensch ist „mein Bruder oder meine Schwester“.
Eine radikale Ablehnung der am Ende seines Pontifikats beginnenden so gewaltigen Aufrüstung gerade auch im demokratischen Westen der Welt, der Schutz der Natur vor allem in Südamerika, die Ablehnung einer Schöpfung, die sich dem Konsum und den Zwängen eines kapitalistisch getriebenen Wirtschaftssystems ausliefert, und vor allem auch ein tiefes Erschrecken vor den Abgründen der digitalen Welt, das waren die entscheidenden Themen seines Lebens. Seine Diagnosen der Krankheiten der Gegenwart waren brillant.
So schreibt er in der Enzyklika „Fratelli tutti“ über die digitale Welt: „Alles wird zu einer Art Schauspiel, das belauscht und überwacht werden kann. Das Leben wird einer ständigen Kontrolle ausgesetzt. In der digitalen Kommunikation will man alles zeigen, und jeder Einzelne wird auf anonymem Weg zu einem Objekt, das bespitzelt, entblößt und in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Die Achtung vor dem anderen bröckelt und auf diese Weise – gerade wenn ich ihn verdränge, ihn nicht beachte und auf Distanz halte – kann ich ohne irgendeine Scham bis zum Äußersten in sein Leben eindringen.“
Im Gegensatz dazu wirbt er für ein analoges Miteinander von Menschen, wenn er weiter schreibt: „Es bedarf der körperlichen Gesten, des Mienenspiels, der Momente des Schweigens, der Körpersprache und sogar des Geruchs, der zitternden Hände, des Errötens und des Schwitzens, denn all dies redet und gehört zur menschlichen Kommunikation.“ Es ist das Leben und die Seele jedes einzelnen Menschen, um die es ihm geht, vor allem auch dort, wo er sich vehement gegen das hemmungslose (!) Zurückschlagen bei Angriffskriegen, wie dem in der Ukraine, wendet: „Wenn wir uns auf die Logik der Waffen einlassen und uns vom Dialog entfernen, vergessen wir tragischerweise immer, dass Waffen nicht nur Opfer und Zerstörung hervorbringen, sondern vor allem böse Träume.“
Und noch weiter in seiner Autobiografie „Hoffe“: „Wir müssen der Freiheit der Waffen den Mut der Versöhnung entgegensetzen. Den Männern und Frauen in aller Welt, vor allem den jungen Leuten, sage ich: Glaubt nicht jenen, die behaupten, dass sich nichts ändern lässt, dass der Kampf um Frieden von der Naivität der ,Gutmenschen‘ zeugt. Schenkt nicht jenen euren Glauben, die euch eintrichtern wollen, dass eine Existenz, die sich gegen andere richtet oder ohne sie auszukommen meint, logisch ist.“
Und nochmals mit Blick auf die Ukraine: „Wir verwechseln nicht Angreifer und Angegriffene. Wir leugnen auch nicht das Recht auf Selbstverteidigung. Doch wir sind überzeugt davon, dass Krieg niemals ,unvermeidlich‘ und dass Frieden immer möglich ist.“
Dort, wo aus Gewinnstreben die Waffenindustrie zu blühen beginnt, ortet er die Abgründe des radikal Bösen: „Denn die Korrupten“, wie er sie nennt, „verkaufen selbst ihre Mutter, verkaufen die Zugehörigkeit zu einer Familie, zu einem Volk. Sie treffen eine egoistische, ja satanische Wahl.“ Wer würde da nicht an all die Waffen denken, die gerade jetzt wieder vor allem auch aus Bayern im eigenen Land, aber auch in alle Welt, zum Teil über Umwege auf beide Seiten eines kriegerischen Konfliktes verkauft werden; und die so für Reichtum bei den Managern der Rüstungsfirmen und Sicherheit von Arbeitsplätzen sorgen sollen, damit die Ruhe im Land gewahrt bleibt und die eigene Wiederwahl wahrscheinlicher wird!
Aber es war halt nicht nur der Inhalt dessen, was Franziskus zu sagen hatte; es war seine Art, sein zu jeder Zeit mutiges Aufstehen gegen die Ungerechtigkeiten in dieser Welt, sein radikaler Einsatz, bei dem er vor allem auf sich selbst und seine Gesundheit keinerlei Rücksicht nahm, was so tief faszinierte!
Und der neue Papst, Leo XIV., der exakt an diesem Freitag ein Jahr im Amt ist? Auch er war ein Freund von Franziskus. Auch er setzte sich als Missionar in Südamerika für die Armen in der Welt ein. Und seine Botschaften an die Diktatoren in der Welt klingen denen von Franziskus nicht unähnlich.
Aber seine Stimme bleibt viel zu leise! Seine Sätze kommen eher als geistige Philosopheme daher, die kaum Wirkung entfalten. Und wo sie es doch tun, wie bei einer Kritik, die von vielen gerade auch als Kritik an US-Präsident Donald Trump gedeutet wurde, rudert Leo wenige Tage später zurück und relativiert seine Aussage, indem er sie in einen allgemeineren Kontext stellt und ihr so die Spitze nimmt. An Ostern wäscht Leo nicht mehr den Armen die Füße, sondern wieder Priestern. Und bei Gesprächen mit den Mächtigen der Welt steht er irgendwie freundlich für sich neben denen – und nicht Auge in Auge, ganz gleich, was das bedeutet. Viel ist nicht passiert im ersten Jahr seines Pontifikats. Aber die Welt braucht doch einen Papst, der sich radikal einmischt – und für die Botschaft Jesu mit Haut und Haar einsteht!
Straubinger Tagblatt vom 8. Mai