Leitartikel: Narzissmus – Donald Trump ist nur die Spitze des Eisbergs

Als der Schriftsteller Franz Kafka aus Prag vor gut 100 Jahren mit seiner düsteren Welt einen neuen Planeten der Literatur besiedelte, war man allgemein lange Zeit ratlos, was diese gespenstischen Erzählungen denn bedeuten sollten. Die einen sahen seine Figuren verloren in einer Welt ohne Gott, andere eine von der Bürokratie verwaltete seelenlose Gesellschaft.
Das Rätsel um Kafka löste erst Jahrzehnte später der vor Kurzem verstorbene Schriftsteller Martin Walser, der in seiner Doktorarbeit in den frühen 60er-Jahren herausarbeitete, dass alle Figuren im Werk Kafkas in einer Welt lebten, in der für keinen der Protagonisten vorstellbar wäre, dass im anderen Menschen im Letzten dasselbe menschliche Bewusstsein wäre wie in ihm selbst. Das „einsinnige“ Erzählprinzip nannte Walser das damals.
Jeder andere Mensch werde im Erzählen Kafkas aus der Sicht des erlebenden Erzählers zur bloßen Metapher eines Menschen, zur Attrappe entwertet, sodass es buchstäblich keine Mitmenschlichkeit gebe. Jede Figur sei dazu verurteilt, immer ganz für sich alleine zu bleiben. Allesamt lebten sie so nur in ihren eigenen Gedanken, Wünschen, Trieben und Lüsten – ohne dass der andere als erlösender Mitmensch in den Blick komme. Eine Einsamkeit, wie sie ein „normaler“ Mensch eher in seiner Pubertät erleben kann, was am Ende aber in der Regel vom Leben aufgelöst wird.
Die Fähigkeit, den anderen tatsächlich als anderen seiner selbst zu erkennen, zu erleben und als gleichwertigen Partner empathisch anzunehmen und so in der gemeinsamen Wirklichkeit dieser Welt anzukommen, hat die Psychologie mit dem Begriff der „Überstiegsfähigkeit“ bezeichnet. Nicht im Wahn zu leben, sondern in einer mit dem wirklichen anderen Menschen gemeinsamen Welt zu sein und sich darüber sprachlich auszutauschen, das ist aus Sicht der Psychologie die Grundlage eines guten und gesunden Welterlebens. Je fähiger ein Mensch ist, diese Begabung zu entdecken und zu entwickeln, umso erfolgreicher wird er in dieser Welt agieren: im Alltag, aber auch in der Wissenschaft oder in der Wirtschaft.
Und in der Politik? Ist der mächtigste Politiker der Welt Donald Trump am Ende nicht auch eine kafkaeske Figur, wo er doch allgemein immer öfter als wahnsinnig oder vor allem als narzisstisch schwer gestört bezeichnet wird?
Auf jeden Fall gibt es erst einmal einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Trump und den Figuren Kafkas; denn dieser amerikanische Präsident ist unendlich fähig, sich in die Welt seines Gegenübers einzufühlen! Das wird deutlich, wenn er neben einem anderen, ihm in der Regel unterlegenen Staatsmann sitzt und spricht. Dabei spielt er gerne mit Sätzen, von denen er sagt, dass er sie hätte sagen können, aber eben nicht gesagt hat, um das Gegenüber nicht zu verletzen – und die er also am Ende lachend doch noch in einen humorvollen Nachsatz gießt, wenn er hinzufügt: „Das hätte dich verletzt, wenn ich das und das gesagt hätte.“ Nein, Trump hat sogar eine extrem ausgeprägte Gabe, sich blitzschnell in den anderen einzufühlen.
Der Narzissmus, der Trump sinnigerweise bescheinigt wird, ist dem Welterleben einer kafkaesken Figur nur zum Teil artverwandt. Die Psychiater bescheinigen einem Narzissten durchaus, in einer Welt des Wahns zu leben; aber ein Narzisst wie Trump ignoriert die Grenzen, die es aus der Allgemeingültigkeit von Regeln für alle gibt, doch auch bei recht vollem Verstand – und im Gegensatz zu den Figuren Kafkas sucht er nicht ohnmächtig nach Türen in den riesigen verschlossenen Toren eines düsteren Schlosses, sondern er wohnt selbst in diesem Schloss und verhält sich dort buchstäblich wie ein König! Auch so geraten die anderen aus dem Blick.
Was bei Kafka an Mitmenschlichkeit aus der Ohnmacht der Figuren heraus verloren ist, das ist bei Trump aus der Position der Macht heraus verabschiedet. Wenn er erzählt, dass er auf einer Straße in New York einen Menschen erschießen könnte – und er käme ohne jede Strafe davon; wenn er aus heiterem Himmel einen Krieg beginnt, ohne auch nur zu überlegen, wohin sein Handeln führt; wenn er mit seinen Zöllen, von denen nur er weiß, wann sie steigen, wann sie fallen, die Börsen so manipuliert, dass allein er mit seiner Familie am Ende einen Gewinn davon hat. Da ist der realistische Weltbezug längst verloren – und es gibt wenig Anzeichen einer Regeneration.
Was würde ein Psychiater in dieser Situation empfehlen? Auf jeden Fall Vorsicht im Umgang mit ihm. Therapeutisches Sprechen statt eines brachialen Versuches, ihn zu ändern oder allzu hart auf die Wirklichkeit hinzuweisen. Ganz vorsichtig auf mögliche Gefahren für ihn selbst und die anderen hinweisen. Das aber immer wieder. Der Generalsekretär der Nato, Mark Rutte, wurde harsch kritisiert, weil er diesen Weg ging und immer noch geht – aber wahrscheinlich ist das doch der einzig mögliche, um mit Trump in einen wirklichen (!) Kontakt zu kommen und auch zu bleiben.
Narzissten in der Politik sind im Übrigen eine recht häufige Spezies. Es ist die Verführung durch die Macht, die viele Politiker dahin führt, zu glauben, dass man mehr und andere Rechte habe als die anderen Menschen im Land. So verändern sie sich im Laufe der Zeit. Nicht alle, aber doch einige.
Der Preis dafür aber ist Einsamkeit. Der Narzisst lebt letztlich alleine im eigenen Land, umgeben von Menschen, mit denen man selber nicht sein möchte, auch darin dem Kosmos von Kafka verwandt. Wer würde freiwillig die Gestalten um sich scharen, die regelmäßig neben Trump im Weißen Haus sitzen?
Die Welt der Politik ist allerdings auch hierzulande oft genug eine kalte und seelenlose Veranstaltung. Verloren geht oft genug vor allem ein Sprechen, das aus der eigenen Seele kommt und wirkliche Beziehung zum Mitmenschen sucht. Ersetzt wird es allzu häufig durch eine Sprache der Funktionalität, mit der man vor die Kameras der Welt tritt und sich für den Augenblick lebendig und vor allem mächtig fühlt. Ein Sprechen, das nicht mehr wärmt.
Trump ist sicher ein extremer Fall von Narzissmus. Aber er ist am Ende auch nur die Spitze des Eisbergs. Wie viel Mut braucht es auch hierzulande von einem Politiker, sich nicht verbiegen zu lassen, sondern bei sich selbst zu bleiben – und im politischen Alltag von sich selbst her zu sprechen. Das System Politik führt eher in die gegenteilige Richtung. Wer erfolgreich sein will, der muss fast schon machthungrig am Zaun des Kanzleramts rütteln wie einst Gerd Schröder und laut schreien: „Ich will hier rein!“ Immerhin: Das war ein Satz, der bei allem Machthunger tief aus der eigenen Seele herausgerufen war!
Straubinger Tagblatt vom 24. April 2026