Es gibt schon sehr gute Gründe, weshalb man als Schüler das Fach „Latein“ so tief geliebt hat! Denn dort entsteht im Kopf eines jungen Menschen eine ganze Welt. Und das so ganz langsam, eine echte psychische Hilfe in unruhigen Jugendzeiten!
Ein paar neue Wörter jeden Tag, Grammatikregeln, die sich ineinanderfügen wie das klick-klick-klick eines Lego-Hauses. Dazu in aller Regel liebenswürdige Lateinlehrer, auf die man sich jeden Morgen wieder freute. Der Latein-Leistungskurs war ein einziges Vergnügen. Die Dekadenz des Trimalchio in Petrons Werk, man amüsierte sich vor dem Abitur auf hohem Niveau. Dazu die klugen Briefe des Philosophen Seneca, die von Trauer, Trost und Sterben handeln. Erasmus von Rotterdam, ein wahrer Humanist, den man schätzen lernte. Ein paar schöne Schachtelsätze von Cicero, die ruhig noch länger hätten sein können; am Ende Gedichte von Catull, Martial und Ovid. Das Mädchen, das man mit den Versen Ovids besingen würde, könnte ja schon morgen vor der Tür stehen.
Und dann – das Lateinstudium nach durchgestandener Bundeswehrzeit, die einen eigenen Text wert wäre! Was für eine Überraschung: eher eine Perversion, wenigstens verglichen mit der Schulzeit! Übersetzt wurde nicht mehr vom Lateinischen ins Deutsche, sondern umgekehrt – vom Deutschen ins Lateinische! Und es galt nur die Version, die sich bei Cicero fand; eine Übersetzung nach dem Philosophen Seneca? Immerhin nur ein halber Fehler, aber auch das addiert sich.
Deutsch-Latein, warum das denn? Offensichtlich dachten die Verantwortlichen, dass das römische Reich wiederauferstehen würde – und bereiteten die Kandidaten in München auf ein Leben als Konsul oder wenigstens als Ädil vor! Ein bekannter Lateinprofessor, Sohn einer evangelischen Pastorenfamilie, meinte in diese Richtung, dass das Lateinische die einzig lebende Sprache sei, weil sie schon gestorben, also auferstanden sei. Eine ungewöhnliche Deutung, um es vorsichtig auszudrücken.
Und die Professoren? Mit den sympathischen Lateinlehrern hatten sie wenig gemein – und in den deutsch-lateinischen Übersetzungskursen begegnete man auch nur mageren Assistenten, die darauf hofften, endlich selbst den Weg zur Professur zu schaffen. Denn was sollte sonst aus ihnen werden?
Eine düstere Atmosphäre lag über den heiligen Hallen der Altphilologie – und sobald man dort eintrat, begann es in ganz München heftig zu regnen, denn in einem Lateinstudium, so wurde bald klar, gibt es tatsächlich keine Sonnentage! So viel Wein und Schnaps, dass man das aushalten konnte, passte buchstäblich nicht in einen einzigen Abend eines Studentenlebens!
Und die Antike? Was war da überhaupt los? Wie dachten die Menschen in Rom? Was zählt aus deren Kultur bis in unsere Gegenwart? Ist unsere moderne Welt gegenüber Rom ein Fort- oder doch ein Rückschritt? Das war kein Thema.
Immerhin gab es einen älteren Herrn, der sich stolz das Etikett „Oberstudiendirektor im Hochschuldienst“ ans Revers heftete. Er trug einen sehr gepflegten Bierbauch vor sich her und wirkte so, als hätte er gerade seinen Schrebergarten mit dem Gartenschlauch ordentlich abgespritzt – und er stellte also die Frage: „War das römische Reich eine imperiale Kultur?“ Das wurde nach sorgfältiger argumentativer Abwägung in 90 Minuten mit einem klaren „nein“ beantwortet, denn ein „ja“ hätte dann doch zu viele Fragen und schlechte Folgen für die eigene Fachdisziplin bedeutet.
Wie man das alles überstand? Darüber wollen wir den Mantel des seligen Schweigens breiten, ein Zeugnis, dass man den Weg durchs Studium des Lateinischen bis zum bitteren Ende durchhielt, gibt es immerhin noch immer, luftdicht verwahrt im Tresor, bleiernes Dokument einer glücklicherweise vergangenen Welt.
Die Antike: Es wird vor allem viel gemordet
Allerdings: die entscheidende Frage bleibt: Was war eigentlich wirklich los in der Antike? Jenseits der vielen lateinischen Wörter mit ihren tausenden und abertausenden Deklinationen und Konjugationen, die man bis ans Lebensende niemals vergessen wird. Was war das damals für eine Kultur, deren Sprache in unseren Gymnasien bis heute so ausgiebig gelehrt wird und eine so entscheidende Rolle für das Leben und Überleben des Schülers an allen Gymnasien spielt?
Über diese Frage haben die beiden Historiker Michael Sommer und Stefan von der Lahr ein zauberhaftes Buch geschrieben. Es trägt den vielsagenden Titel Die verdammt blutige Geschichte der Antike – ohne den ganzen langweiligen Kram. Und es hält, was der Titel verspricht. Vor allem wird viel gemordet – und all das, was unter dem Begriff des „christlichen Abendlandes“ noch übrigbleibt, wenn man die grauenhaften Züge der Christengeschichte gerade im Mittelalter sowieso schon abgezogen hatte, das wird mit Blick auf die Antike in Griechenland und in Rom nochmals weniger.
Die Demokratie in Athen war niemals eine Demokratie, das wird schnell klar, denn Frauen kamen da gar nicht vor – und die Sklaven sowieso auch nicht. Und der Rest der Veranstaltung? Kämpfte vor dem Aufstieg Roms zur Weltmacht um die Macht in Athen buchstäblich mit aller Gewalt – und in der Regel gewannen Tyrannen. Jedenfalls über Jahrhunderte.
„Die Tyrannis als Herrschaftsform“ dominiert „in der sogenannten archaischen Epoche Griechenlands (ganz grob zwischen 800 und 500 v. Chr.): Es ging bei dieser Position eines einzelnen Mannes, die durch nichts als die faktische, schiere Macht des Alleinherrschers legitimiert war, vor allem um die Auseinandersetzung mit den eigenen Standesgenossen. Die Tyrannis war ein Phänomen der Elite, der Aristokraten; und die „wollten den Standesgenossen eben mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt.“
Gewalt, Macht und Geld bestimmten die Geschichte
Die Mehrheit der Bevölkerung hatte gar keine Stimme, und: Gewalt, Macht, Geld, das waren schon damals die Treiber der Weltgeschichte. Mit den Kriegen, die dazugehören, den Morden, den Folterungen, den Vergewaltigungen – und das war die Wirklichkeit im Griechenland der Antike! Heute reist man an die Stätten der Vergangenheit und besichtigt, wo sich Athener und Spartaner über Jahrzehnte die Köpfe eingeschlagen haben, und freut sich über den Zuwachs an Bildung.
Aber damals: „Als das erste Kriegsjahr vorüber war, hielt Perikles eine bemerkenswerte Rede auf die Gefallenen. Er suggerierte den Athenern, dass sich für ihren Staat jeder Einsatz lohne, und sei es das eigene Leben und das der Liebsten. Er pries Athen als Lehrerin Griechenlands und sagte noch allerlei Nettigkeiten über die Toten, wie das Kriegstreiber zu allen Zeiten machen, um die Stimmung hochzuhalten.“
Wer würde da nicht an Wolodymyr Selenskjy oder Wladimir Putin denken. Das gab es damals also auch schon. Und auch das: „Großmächte“ wie Athen hörten gerne „auf Hilferufe ach so bedrängter Staaten zum Vorwand, um in Wahrheit ihre ureigensten Interessen blutig durchzusetzen.“ Das geht dann eher in Richtung Donald Trump oder die USA der letzten Jahrzehnte.
Das heute vom Bildungsbürgertum so gerne besichtigte Athen zieht über Jahrhunderte eine Blutspur durch die Antike. Denn es finden sich immer, so die Autoren „ein paar Idioten“, die an „Durchhalteparolen“ noch in den „ausweglosesten Situationen glauben und weiterkämpfen wollen“, statt Kompromisse zu schließen. In dem „marmorweiß strahlenden“ Athen erblicken die beiden Historiker im letzten eine „geistig-moralische Bankrotterklärung“. „Von dort aus öffnet sich“, wenn man das Ganze anschaut, „kein Blick in eine nachmalige helle Aufklärung, sondern nur ein Blick in die Finsternis – zu allen Zeiten der geistige Zweitwohnsitz der meisten Menschen.“
Aber halt! Es gibt eine Fußnote im alten Athen, die es doch zu beachten gilt. Im fünften Jahrhundert vor Christus öffnet sich ein Fenster auf eine bessere Welt. Die Tragödiendichter Aischylos, Sophokles und Euripides schaffen ein Werk, das bis heute zählt. Sie sprechen vom Schicksal der Menschen. Und Sokrates, der alles mit Fragen in Frage stellt, ist bis heute ein Beispiel für das, was wir einen weisen Mann nennen.
Aber all das bleibt ein kurzes Intermezzo im alten Athen – und Sokrates wird von seinen Mitbürgern nach einem Schauprozess getötet. „Die Athener jedenfalls verschlossen bei Sokrates die Augen fest vor der Wahrheit und zeigten, dass sie nichts lernen wollten. Nicht mal vom klügsten Menschen ihrer Zeit.“
Und Rom? War nicht besser, eher noch schlimmer. Die sogenannten Punischen Kriege, die man am Gymnasium zur besseren Schulung der Sprache nachliest, waren mit das Grausamste, was damals je geschah. An ihrem Ende steht die Zerstörung Karthagos, der mit Rom rivalisierenden Macht – und sterben müssen dort alle: Frauen, Kinder, die Männer als erstes. In diesem Krieg gab es alles, was gerade heute über Kriege in der Zeitung steht: Machtdemonstrationen, Eskalationsschrauben, Vergeltungsaktionen, unannehmbare Friedensbedingungen, die den Krieg verlängern und noch mehr Tote fordern. Köpfe rollen, Hände werden abgeschlagen, Menschen werden, bis sie dann endlich verrecken, auf beiden Seiten gefoltert. Und vor allem gibt es Söldner, die sich verdingen und am Ende ihr längst wertloses Leben verlieren. Auch das gibt es heute noch, siehe den Krieg in der Ukraine.
Krieg zu führen, war in Rom für den Aufstieg wichtig
Aber die Kriege waren für Rom damals wichtig: Denn in ihnen bildete sich die Herrschaftsschicht dieser Stadt heraus. Wer über Jahre mit seiner Familie das Sagen haben wollte, der durfte nicht den Frieden suchen, sondern der musste im Krieg erfolgreich sein. Das war der Weg nach oben. Wer am Ende einen Triumphzug durch Rom führen konnte, der hatte es erst einmal geschafft.
Immerhin die Frauen scheinen gegenüber der Welt Athens einen gewissen Emanzipationsprozess durchlaufen zu haben. Die Frau des Kaisers Claudius, 30 Jahre jünger als er, ließ es bei Orgien so richtig krachen. Bei einem Wettkampf mit einer stadtbekannten Prostituierten, wer in einer Nacht mehr Männer glücklich machen könnte, ging sie als Siegerin hervor, weil bei der Dame aus dem Rotlichtmilieu nach 25 Geliebten schon Schluss war.
Und doch war das mit den Frauen im alten Rom nicht so ganz einfach. Wenn sie genug von ihren erfolgreichen Männern hatten und einen besseren Weg für ihre eigene Zukunft sahen, dann wurden die Männer oft genug mit Gift oder anderen Methoden aus dem Weg geräumt, selbst wenn es der Kaiser war. Ein Sohn an der Macht schien doch besser als ein Gemahl, Ödipus lässt grüßen.
Immerhin gab es in Rom den Philosophen Seneca, den Nero allerdings zum Selbstmord aufforderte, was der dann auch tat, was blieb ihm Anderes übrig. Und Cicero? Dessen Texte wir bis heute mit Lust und Wonne lesen? Als die Republik 43 vor Christus endgültig gescheitert ist, wird er von den neuen Machthabern Octavian und Antonius geächtet und gejagt. Als er auf seiner Flucht gestellt wird, steigt er gelassen aus seiner Sänfte, um sich von irgendeinem Herennius den Kopf abschlagen zu lassen. Der trennt dann auch noch die Hände vom Leib des Leichnams und lässt sie samt Kopf zu seinem Chef Antonius bringen.
Irgendwie kam das alles damals im Lateinunterricht nicht vor, obwohl es doch mindestens genauso interessant gewesen wäre wie so mancher Schachtelsatz Ciceros, den man glücklich einer deutschen Übersetzung zugeführt hatte. Was könnte man nicht alles lernen aus den bösen Windungen der antiken Geschichte! Oder soll man das alles gar nicht wissen und verstehen? Die Mächtigen aller Zeiten leben oft genug davon, dass die meisten Menschen nicht so genau wissen, wie der Hase wirklich läuft. Wichtig ist, so denken sie bei sich, dass das Volk satt ist und Ruhe gibt, auch das hat sich bis heute nicht geändert.
Und was war doch gut an der Antike? Am Ende geben die Autoren des spannenden Buches zu bedenken, dass immerhin Gesellschaft und Staat in Athen und Rom so organisiert wurden, dass es lange weiterging; dass es für Jahrhunderte Zivilisation und doch auch den Versuch von Recht und Gesetz gab. Es gab eine gewisse Sicherheit auf den Straßen für die Allgemeinheit – und in Athen sogar erste Ansätze dessen, was wir heute Demokratie nennen. „Während in der attischen Demokratie der kollektive Wille der Vielen die Wenigen einhegte, überließ die römische Republik die Elitenkontrolle den Mächtigen selbst. Die im Senat versammelten Vertreter der einflussreichen Familien disziplinierten sich sozusagen gegenseitig. Waren im klassischen Athen die Gesetze der Maßstab, war es in der Republik die Macht der Tradition.“
Keiner der antiken Kriege schuf dauerhaften Frieden
Und für Rom galt zudem: „Das Imperium machte denen, die von ihm erobert wurden, drei Angebote, die niemand ablehnen konnte. Denn es versprach sozialen Aufstieg, Teilhabe an seinen zivilisatorischen Errungenschaften und Orientierung bei der Sinnsuche“. Auch das deutet auf die Welt von heute. Eine Welt mit Licht, aber noch mehr Schatten.
Also ganz zum Schluss: Wenn man all das bedenkt, was die beiden Historiker Michael Sommer und Stefan von der Lahr so spannend vortragen, dann bleibt die entscheidende Frage an unser Schul- und Universitätssystem von heute: Sollte man nicht mit Blick auf die politische Welt dieser Tage aus der Geschichte von damals lernen? Über diese Dinge diskutieren und so Raum für ein Nachdenken schaffen.
Keiner der Kriege in der Antike hat am Ende den Frieden auf Dauer garantiert. Die allermeisten dieser grauenhaften Kriege wurden mutwillig begonnen und waren am Ende sinnlos. Und fast immer ging es schon damals um Macht und um Geld, die Begründungen der Mächtigen aber waren auch schon damals andere. Die Schrecken der Kriege sind bis heute dieselben geblieben. Und das Leben der Menschen, die sterben mussten, war für die, die an der Macht bleiben wollten, schon damals irgendwie egal. Die Mächtigen waren schon damals zuerst darauf bedacht, ihre machtvolle Position zu behaupten – und dachten erst in siebter Linie an die anderen.
Tausend Tricks und Kniffe gab es schon damals, die Menschen zu täuschen. Mit List und Überredung, mit scheinbarer Teilhabe, mit Geld und anderen Verlockungen. Und die Verführung der jungen Menschen zum Krieg war eingebrannt ins Innerste der antiken Welt.
Es wäre schon sinnvoll, jungen Menschen gerade heute beizubringen, was wirklich los ist auf der Welt! Am Beispiel der Antike kann man das sehen und lernen. Allein mit dem glückseligen Übersetzen des so wunderbaren Ablativus Absolutus und der Fähigkeit, den Dativ dauerhaft vom Akkusativ zu unterscheiden, wird man gerade heute im Leben nicht mehr allzu weit kommen.
Das Buch Die verdammt blutige Geschichte der Antike – ohne den ganzen langweiligen Kram ist eine Fundgrube für all die schlimmen und bösen Spiele, die Menschen mit Menschen spielen – und die man gerade heute besser kennen sollte, um sich in schwierigen Zeiten ausreichend klug verhalten zu können.
Buchtipp
Michael Sommer, Stefan von der Lahr. Die verdammt blutige Geschichte der Antike – ohne den ganzen langweiligen Kram. München 2025; erschienen im Beck-Verlag
Straubinger Tagblatt vom 28. März 2026