Letzte Woche durfte ich in der Gemeinde Neufahrn eine Fastenpredigt halten. Der einladende Priester war liebenswürdig, die Zuhörer wohlwollend und aufmerksam, aber als ich nach zwei Stunden die Kirche verlassen wollte, nahm mich ein mir unbekannter Mann beiseite und sprach mich an: „Sie schreiben und sprechen doch immer über das Selbst; was ist das genau und wie kann man das finden?“
Da wurde mir wieder einmal klar, wie weit der Weg zwischen unserer unmittelbaren Lebenserfahrung und der Sprache, die versucht, dieses Leben auf den Begriff zu bringen, für uns alle ist! Mit dem mir fremden Mann war ich schnell einig, dass es jeden Tag viel Zeit und Mühe braucht, um sich selbst zu finden und bei sich selbst zu bleiben – eine „Lebensaufgabe“, wie er es nannte; aber die Zeit, die man sich nimmt, das ist ja nur das äußere Gehäuse, in dem sich die psychischen Prozesse des Lebens abspielen. Es bleibt die Frage: Wie kann man das Selbst des Menschen so beschreiben, dass besser verstehbar wird, um was es geht?
Auf jeden Fall grenzt die Psychologie das Selbst vom Ich ab. Das Ich ist im Letzten die Funktionsfähigkeit des Menschen. Fähig zu sein, an einer roten Ampel mit dem Auto stehen zu bleiben, die Steuererklärung unterschreiben zu können, beim Einkaufen Zucker von Salz zu unterscheiden. Das leistet das Ich.
Und das Selbst? Das Selbst eines Menschen umfasst dagegen vor allem seine ganzen unbewussten Anteile, seine ganze Innenwelt, und es geht weit über das sogenannte Ich hinaus; was uns bewusst wird, sei nur die Spitze des Eisberges, so formulieren das die Psychoanalytiker heutzutage. Das Unbewusste bleibt immer auch ungreifbar, verschleiert, und es muss immer wieder neu in mühsamer Arbeit entschleiert werden. Aber wie geht das?
Sigmund Freud hat es als Erster – wenigstens in der Kultur Europas – vor gut 100 Jahren herausgefunden: Es sind vor allem die Träume des Menschen, die am Ende eben keine Schäume sind! Die Träume künden zuallererst von unseren Wünschen und Ängsten; aber sie geben zudem auch Auskunft über uns selbst, über unsere wahre Beziehung zu unseren Mitmenschen und unserem eigenen Leben – und vor allem: In ihnen, in unseren Träumen, können wir uns selbst spüren. Beim Erwachen aus dem Traum bleibt neben den oft scheinbar verrückten Inhalten ein Gefühl, ein Geschmack zurück, der zuinnerst mit unserem wahren Selbst zu tun hat.
Bei Sigmund Freud war es noch so, dass Religion als eine projektive Sehnsucht des Menschen abgetan wurde; im Verstehensprozess des Psychischen habe sie nichts zu suchen. Heute wird das von vielen Psychotherapeuten anders gesehen: Das Unbewusste, in dem sich unser wahres Leben abspiele, sei zugleich das Einfallstor, durch das wir auch mit Gott in Berührung kommen könnten, so sagen es die Psychotherapeuten, die in ihrer jahrelangen Arbeit erfahren haben, welch heilsame Rolle der Glaube für ihre Patienten oft genug spielt. Das Selbst sei ja vor allem auch von der Transzendenz her gehalten und gerade von dorther könnten Menschen sich in ihrer ganzen Tiefe spüren.
Aber die Frage stellt sich: Ist das am Ende nicht nur eine bergende Fantasie von denen, die im und am Leben leiden und so bei Gott Zuflucht suchen? Natürlich, so kann man das schon abtun, denn Glauben bleibt immer eine Erfahrung – objektiv nachweisbar sind Glaubenserfahrungen nie! Bösartig kann man sogar einwenden, dass ein Glaubender in Wirklichkeit eine psychotische Erfahrung mache, denn er erlebt etwas, was nicht sichtbar ist – und was in der Erfahrung der Gottesbegegnung nur er erleben kann – und in diesem Augenblick kein anderer.
Auf diesen Einwand, dass Glaubende im Letzten wahnsinnig wären, pflegte der bekannte Psychiater und Psychotherapeut Werner Huth, der im vergangenen Jahr mit 95 Jahren verstarb, immer zu sagen: „Wissen Sie, es gibt Glaubensbrüder, die bezeugen, dass sie im Glauben ähnliche Erfahrungen gemacht haben – Wahnbrüder gibt es dagegen nicht, denn die bleiben im ganz eigenen Irrsinn jeder für sich!“
Sich selbst wirklich spüren, das kann ganz plötzlich geschehen, überraschend, unerwartet. Bei einem Spaziergang, bei einem Gespräch, beim Anblick eines Sonnenuntergangs. Schon diese äußeren Szenarien zeigen die Verwandtschaft von Selbstfindung und Glauben. Ein betender Mensch ist immer ein Mensch, der im Letzten nicht nur bei Gott, sondern auch bei sich selbst ankommen möchte.
Die Welt heute führt den Menschen allzu leicht weg von sich selbst. Gerade die digitale Welt zielt zwar extrem auf das Unbewusste des Menschen. Sie macht ihn aber nur verrückt nach seinem Begehren, das dort unstillbar in einem fort immer wieder neu geweckt wird. Sich an die digitale Welt regelrecht süchtig zu verlieren, bedeutet, das Selbst einseitig auf seine imaginären Bedürfnisse festzulegen und dort nicht mehr freizulassen. Es bedeutet, im nicht zu befriedigenden Teufelskreis des unbewussten Begehrens hängen zu bleiben. Eine Welt zwar jenseits des bloß funktionalen Ich, aber zugleich eben nur eine Verführung des Selbst.
Eine gute Erfahrung dagegen mit dem Unbewussten führt den Menschen geradewegs in die stabile Welt einer realen Wirklichkeit, die so an Tiefe und an Bedeutung gewinnt. Die imaginäre Dimension des Lebens, so hat das schon der französische Theoretiker der Psychoanalyse Jacques Lacan beschrieben, ist zwar ungeheuer wichtig für uns Menschen, aber sie muss auf Wirklichkeit treffen. Von der Dimension des Imaginären, von der die digitale Welt lebt, gehen unsere Wünsche und Sehnsüchte, unser Streben, die Dynamik unseres Lebens aus. Aber diese imaginäre Dimension des Lebens, so Lacan, muss dann auf Wirklichkeit stoßen, auf reale Begegnung, auf „Enttäuschung“, im besten Sinne des Wortes. Das Imaginäre muss eingefangen werden im gelebten Leben, das sinnvoll wird in der liebenden Begegnung mit dem anderen Menschen, der das Schicksal des Lebens in dieser Welt ganz analog teilt. In der Begegnung mit dem wirklichen anderen Menschen wird das eigene Selbst erst wirklich spürbar. Die digitale Welt bietet dagegen, wenigstens was diese Sache angeht, nur billige Ersatzbefriedigungen, sodass man auch nicht aufhören kann, weiter im Netz nach Befriedigung zu suchen, ein am Ende recht sinnloses Unterfangen.
Das Ende der analogen Welt wurde schon oft vorausgesagt. Menschen würden eines Tages in Computern leben, so meinte ein sehr liebenswürdiger Professor der Naturwissenschaften vor ein paar Monaten zu mir. Zurzeit lebt er allerdings noch recht gut und zufrieden mit seiner Ehefrau.
Straubinger Tagblatt vom 6. März 2026