Einmal im Monat versammelt der ehemalige Landtagsabgeordnete der CSU Heinrich Traublinger aus München einflussreiche Leute aus der Wirtschaft, den Medien und der Politik in einem Restaurant mitten in München, um dort zu diskutieren, zu debattieren und zu kritisieren. Am letzten Montag gab es von zahlreichen Teilnehmern heftige Kritik an den anwesenden Verlegern und Chefredakteuren. Jeden Tag, so wurde gesagt, dominiere der amerikanische Präsident Donald Trump die Seiten; und auch im Fernsehen sei er allgegenwärtig, das sei längst nicht mehr zu ertragen.
In der Tat: Es gibt kaum eine Zeitung, in der einem nicht an jedem neuen Morgen das ordinäre Gesicht des amerikanischen Präsidenten entgegenblickt. Und auch wenn im Fernsehen diskutiert wird, wie denn die Zukunft dieser Welt wohl aussieht, strahlt einem das braun gebrannte Gesicht von Donald Trump breit im Hintergrund entgegen.Auf der einen Seite ist das schon nachvollziehbar: Denn das ist der amerikanische Präsident. Was er sagt, was er tut – und in welche Richtung er sein Land bewegt, hat enorme Bedeutung auch für die ganze Welt. Aber auf der anderen Seite wird man so doch das Opfer des Narzissten Donald Trump, indem man jede Bewegung seines politischen Lebens exakt mitverfolgt und darüber berichtet. An einem Tag lässt er die Zölle steigen, also wird berichtet, am nächsten Tag fallen sie schon wieder, wie der Herr es will – und es wird wieder berichtet. Der einzige Nachrichtenwert ist zum Schluss eigentlich der, dass der, der diese Bewegung auch an den Börsen verursacht, am Ende alleine die Möglichkeit hat, immer noch reicher zu werden – weil ja nur er weiß, was er tut und wann also die Aktienkurse fallen oder steigen. Mit dem gesteigerten Interesse an Donald Trump spielt man also im Letzten auch sein Spiel mit, lässt sich auf ihn ein – und was gibt es für einen Narzissten Schöneres, als sich jeden Tag wieder neu der allgemeinen Aufmerksamkeit zu versichern.
Für die Boulevardmedien – oder das, was an Boulevard in jedem Medium steckt –, ist Donald Trump zudem erst einmal regelrecht ein gefundenes Fressen. Sein ordinäres Verhalten, seine unglaubliche Geistesgegenwart, seine Haltlosigkeit, die auf nichts Rücksicht nehmen muss oder will, das lässt sich gut verkaufen. Das weckt erst einmal Interesse, sowohl das der Medien als auch bei den Zuschauern dieser vulgären Choreografie. Donald Trump zu beobachten, ist auch einfacher, als komplexe politische Zusammenhänge zu verstehen.
Aber mittlerweile stößt es doch ab, man hat all das zu oft gesehen – und man weiß doch: Die Halbwertszeit von Trumps Sprechen und Handeln ist allzu kurz, um sich ernsthaft darauf einlassen zu wollen. Und selbst das bitterböse Verhalten der Soldaten der ICE, die einfach zwei Menschen töten – und das vor laufenden Kameras –, ist nichts im Vergleich mit dem, was an Morden täglich zum Beispiel im Sudan geschieht. Mit Recht wird gesagt, dass da in den Medien das Maß an zugeteilter Aufmerksamkeit längst nicht mehr stimmt. Auch wenn alles, was in den USA geschieht und was ein amerikanischer Präsident tut, für uns in Deutschland und Europa von enormer Bedeutung ist, so ist die Kritik, die in dem Kreis der Wirtschaftsleute um Heinrich Traublinger so empört und auch erschöpft vorgebracht wurde, nicht von der Hand zu weisen.
Man kann aber von dieser Kritik durchaus noch einen Schritt weitergehen und weiterdenken. Denn heute wird ja von Politikern, Medien und auch von Wissenschaftlern gesagt, dass mit Trumps zweiter Amtsperiode ein irreversibler Epochenwandel und eine für immer gültige Zeitenwende angebrochen sei. Aber die Frage darf man schon stellen: Ist mit Donald Trump die mehr als 200 Jahre alte Demokratie in den USA wirklich am Ende?
In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ auch in dieser Woche meint der Potsdamer Historiker Frank Bösch: „Epochenbrüche werden zu schnell ausgerufen, ob sie zu großen Zäsuren werden, die Gesellschaften langfristig grundlegend verändern, wissen wir erst später. Alles andere sind erst einmal Annahmen von verunsicherten und betroffenen Zeitgenossen. Außenpolitisch ist die Welt komplexer und unberechenbarer geworden. Aber mindestens so dramatische Eingriffe wie in Venezuela oder Grönland gab es auch früher. Denken Sie an die Interventionen der Supermächte im Kalten Krieg, wie im Koreakrieg, der Kubakrise, in Vietnam und Lateinamerika, ebenso von Moskau in der DDR am 17. Juni, in Prag, Budapest und Afghanistan. Die Verunsicherung war damals gewaltig, und viele in Westeuropa fürchteten einen Atomkrieg.“
Auch die Art und Weise, wie Europa auf Donald Trump reagiert, spielt doch dem in die Hände. Es ist primär reaktiv – und nichts will der Narzisst doch lieber, als selber das Heft des Handelns auf diese Weise in Händen zu halten. Selbst die scheinbar so starke Ansage, auch in Europa jetzt aufzurüsten und militärisch von den USA unabhängig zu werden, ist am Ende eine reaktive Botschaft auf und an Donald Trump. Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz ernsthaft zu bedenken gibt, dass auch für uns das Zeitalter der „Werte“ vorbei sei und ein Zeitalter der „Macht“ und im Zweifel der „Gewalt“ regiere, dann spielt er das Spiel von Donald Trump reaktiv mit und gibt leichtfertig eigene Vorstellungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Welt und Politik, die unserem europäischen Niveau eher entsprechen, preis. Ob die Welt ein sicherer Ort wird, wenn neben den überrüsteten USA, Russland und China auch Europa sich primär durch eine vereinigte Waffengewalt definiert, das kann glauben, wer mag. Verteidigungsbereitschaft und Wehrfähigkeit ja, aber dahinter muss unser europäischer Friedenswille zu jedem Zeitpunkt spürbar bleiben, denn das ist die Kultur, die dieses Europa sich nach zwei blutigen Weltkriegen erarbeitet hat!Henry Kissinger, ehemaliger Außenminister der USA und Kriegsverbrecher im Vietnamkrieg, hat beklagt, dass es in Europa keine Telefonnummer gebe, die er oder die anderen Mächtigen dieser Welt anrufen könnten. Aber vielleicht ist doch gerade das die Chance Europas. Denn auch Donald Trump beklagt, dass es in der Vielfalt und Vielstimmigkeit Europas diese eine Adresse, mit der er dann einen „Deal“ machen könnte, nicht gebe. Und so wird ihm beim Gespräch mit Politikern Europas gerne langweilig, erzählen die Beobachter dieser Treffen. Denn es gibt ja noch viele andere, die auch Einfluss haben. Dieser Pluralismus Europas und diese Langeweile, die er bei Donald Trump auslöst – das könnte am Ende eine entscheidende Chance für uns in Europa sein!
Straubinger Tagblatt vom 30. Januar 2026