Der Andere. Das ist am Ende der entscheidende Begriff in der Philosophie und auch der Psychologie. Der Andere ist Mitmensch. Scheinbar eine ganz einfache Sache – denn was soll im Anderen so ganz anders sein als in mir? Und doch bleibt der Andere immer auch der ganz Andere. Der, dessen Innenwelt mir immer noch verborgener bleibt als mein eigenes Innenleben.
Um diesen Scheitelpunkt von „Identität und Differenz“, wie die Philosophie das nennt, dreht sich im Letzten das ganze Denken um Mensch und Welt seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat in seinen genialen Schriften herausgearbeitet, dass es im Leben darum geht, dem Anderen im guten Sinn der Andere zu werden. In brüderlicher Verbundenheit, durchlässig zu werden für einen lebenslangen wechselseitigen Verstehensprozess, der mitmenschlich macht; der die Bedürfnisse des Anderen genauso achtet wie die eigenen. Sogar Gott hat als der große ganz Andere im Denken Lacans so einen Platz, das ist nicht bei jedem Vordenker der Psychoanalyse der Fall.
„Liebe den Nächsten wie dich selbst“, so sagen das die Christen; noch radikaler hat das einmal ein Professor für Theologie formuliert: „Liebe den Nächsten als dich selbst!“ Wie politisch diese christliche Botschaft ist, darauf hat Papst Franziskus in seiner Autobiografie „Hoffe“ hingewiesen. Er schreibt: „Es ist wichtig, dass die jungen Leute verstehen, wie der Populismus beginnt. Und wie er enden kann. Die Versprechungen, die sich auf Angst gründen, vor allem auf die Angst vor dem Anderen, gehören üblicherweise zu den Predigten der Populisten. Sie sind der Beginn der Diktatur und der Kriege. Denn für deine Mitmenschen bist du der Andere.“ Die Angst vor dem Anderen ist das ganz große Einfallstor im Menschen für die Gewalt. Die Verführer und Demagogen wissen und nutzen das! Sie pflegen die Angst in das kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft allzu gerne ein. Das Schlimme dabei: Der Andere kann tatsächlich – auf einmal – zum Gegner, ja zum Feind werden.
Der Religionsphilosoph Eugen Biser hat das in seiner Anthropologie „Der Mensch – das uneingelöste Versprechen“ so formuliert: Im Menschen haust die „geheime Befürchtung, dass sich der erwünschte Partner von heute über Nacht in einen gefährlichen Rivalen, wenn nicht gar in einen verhassten Feind verwandeln“ kann. Diese Möglichkeit ist real, wer hätte das nicht schon erlebt! Aber gerade die Angst vor dem Anderen tut das Entscheidende dazu, dass es so wird; und die Volksverführer und Volksverhetzer leben davon, diese Angst zu beschwören, zu kultivieren und auf diese Art und Weise die Feindseligkeit gegenüber dem Anderen erst auszulösen. Feindbilder zu pflegen, die Wirklichkeit werden genau durch ihr Sprechen und ihr Hetzen.
Wenn heute aus gutem Grund eine „Brandmauer“ zur erstarkten AfD angemahnt wird, dann genau deshalb: Denn hier greifen die schlimmen Mechanismen des Bruchs der Mitmenschlichkeit mit dem Anderen, erst einmal dann, wenn er als Fremder in dieses Land gekommen ist. Aber ein solcher Prozess des Misstrauens und der Feindseligkeit geht von dort aus natürlich weiter und zerstört das humane Klima in einer demokratischen Gesellschaft. Feinde sind dann plötzlich auch die Sanitäter, die eine Straße versperren, weil sie helfen. Feinde sind dann auch Feuerwehrleute oder Polizisten, die in der Gesellschaft Verantwortung übernommen haben für das Gemeinsame, aber jetzt gerade im Wege stehen. Feinde sind dann am Ende sogar Zeitungsausträger, die bei Glatteis gestürzt sind, im Krankenhaus liegen – und so jetzt nicht in gewohnter Pünktlichkeit die Zeitung in den Briefkasten legen. Ein Klima der Rücksichtslosigkeit, ja der Brutalität entsteht.
Mit Recht wird immer wieder gesagt, dass die digitale Welt der Tummelplatz der politischen Psychopathen ist. Dort spricht ein Donald Trump seine verlogenen, vereinfachten Botschaften. Dort finden sich die Verschwörungstheorien allerorten. Dort formulieren die radikalen Parteien ihre Hetzbotschaften und manipulieren so das Bewusstsein der Menschen. Dass die Welt in den letzten Jahren bösartiger geworden ist, ist schon mehr als ein subjektiver Eindruck – das Netz hat das Seine dazu beigetragen, dass das heute von vielen Menschen so erlebt wird.
Und das Gegenmittel? Die Angst vor dem Anderen verwandeln – in Offenheit, in Transparenz, in Teilnahme. Demokratien leben davon, dass immer wieder neu erkennbar wird, was wirklich geschieht. Dem verlogenen Raunen in den Echokammern des Netzes haben sie die Möglichkeit, eine offene, aufrichtige und auch transparente Welt der Kommunikation entgegenzusetzen und so Raum für Vertrauen zu schaffen. Im ernsthaften politischen Austausch, in den seriösen Medien, vor allem auch im eigenen persönlichen Lebensumfeld. Angst abzubauen, statt sie zu verstärken.
In seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ bringt Papst Franziskus den Zusammenhang von digitaler Welt und Geringschätzung des Anderen auf den Punkt: „Es bedarf der körperlichen Gesten, des Mienenspiels, der Momente des Schweigens, der Körpersprache und sogar des Geruchs, der zitternden Hände, des Errötens und des Schwitzens, denn all dies redet und gehört zur menschlichen Kommunikation. Die digitalen Beziehungen, die von der Mühe entbinden, eine Freundschaft, eine stabile Gegenseitigkeit und auch ein mit der Zeit reifendes Einvernehmen zu pflegen, geben sich nur den Anschein einer Geselligkeit. Sie bilden nicht wirklich ein ,Wir‘, sondern verbergen und verstärken gewöhnlich jenen Individualismus, der sich in der Fremdenfeindlichkeit und in der Geringschätzung der Schwachen ausdrückt. Die digitale Vernetzung genügt nicht, um Brücken zu bauen; sie ist nicht in der Lage, die Menschheit zu vereinen.“
Im Netz blüht die Kultur der Schamlosigkeit, „alles wird zu einer Art Schauspiel“, so Franziskus. Am Ende eines solchen Prozesses aber steht eine Kultur der schamlosen Lüge und auch der schamlosen Verleugnung der Bedürfnisse, oft genug der Existenz des Anderen.
Wieder neu auf den Anderen zuzugehen, wieder Solidarität aufzubauen, das ist gerade jetzt Aufgabe für uns alle in unserer Gesellschaft: sich als Mitmensch immer wieder neu les- und erkennbar zu machen. Das ist aber die Botschaft nicht nur des Christentums, sondern aller Religionen auf dieser Welt. Wer das beherzigt, der wird eine radikale Partei am rechten Rand der Gesellschaft gar nicht mehr wählen wollen, weil er die Bösartigkeit dort erkennt und ablehnt.
Straubinger Tagblatt vom 24. Januar 2026