In den ersten beiden Folgen unserer Suche nach der Macht des Bösen wurde erkennbar, dass das Böse ein unverlierbarer Teil des Menschen ist. Aus der Notwendigkeit, sich zu behaupten, bleibt es von der lebensnotwendigen Aggressivität im Menschen her ein unabweisbarer Aspekt der Menschheitsgeschichte und ein immerwährender Bestandteil jedes Einzelnen.
Der Mensch hat zwar die Möglichkeit, sich gegen das Tun des Bösen zu entscheiden, aber die Möglichkeit zum Bösen bleibt dennoch bestehen. Menschen können böse werden, vor allem wenn die äußeren Umstände sie dorthin führen. Am Beispiel des Dritten Reichs oder auch Stalins Terrorregime lässt sich zeigen, welche Abgründe im Menschen sind. Gerade auch die gesellschaftliche Dimension des Bösen konnte so herausgearbeitet werden: Immer steht der Einzelne in Beziehung zu seiner Umwelt, die ihn prägt und die sein Handeln immer auch mitbestimmt. Gerade mit Blick auf das Dritte Reich zeigte sich, wie viele Menschen zum Bösen verführt werden können, wenn die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sie dazu regelrecht einladen.
Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“
Dabei wurde offensichtlich, dass genau dort, wo der einzelne Mensch regelrecht nicht bei sich selbst ist, wo er seine eigene Identität nicht finden kann, das Einfallstor für das Böse weit offen ist. Im gesellschaftlichen Klima des Terrors gedeiht das Böse bei den Anführern, aber auch bei denen, die ihnen allzu bereitwillig folgen. Voraussetzung dafür ist immer auch das unmittelbare familiäre Umfeld der Täter, ihre Lebensgeschichte. Das wurde ebenfalls erkennbar. Brutale Väter, kalte Mütter, eine von Anfang an misslungene Familiengeschichte, die sich dann im weiteren gesellschaftlichen Umfeld fortsetzt.
Aber wie fühlt sich eine solch misslungene Lebensgeschichte im einzelnen Menschen an? Wie fühlt er das Böse in sich? Darüber können weder philosophische oder soziologische Erkenntnisse noch psychoanalytische Deutungen am Ende wirklich Auskunft geben. Sie bleiben der Außensicht verhaftet, sie kommen zwar den Phänomenen klug auf die Spur, aber wie fühlt sich das von innen her – aus der Sicht des Täters – an, wenn das Böse in ihm Gestalt annimmt?
Es gibt einen Roman, der sich ganz tief in die Seele eines Mörders einfühlt und ihn auf dem Weg ins Böse folgt: Das ist der Roman „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, der in der Neuübersetzung von Swetlana Geier den Titel „Verbrechen und Strafe“ (2007) trägt. In ihm begleitet der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski den Studenten Raskolnikow bis in seine Träume hinein auf seinem Weg zu einem Doppelmord. Scheinbar ist dieser lange Roman ein Kriminalroman; der Täter versucht nach einem Mord, seiner Verhaftung zu entgehen. Aber hinter der Fassade des Krimis geht es um die Frage: Warum mordet einer? Was geschieht nach einem Mord in der Seele eines Menschen? Kann ein Mensch, der getötet hat, überhaupt noch einmal ins Gute zurückfinden?
Raskolnikow wird dabei von Dostojewski ganz so gezeichnet, wie die Psychoanalytiker Dieter Wyss und Arno Gruen das Charakterprofil eines Täters skizzieren: Raskolnikow ist einsam, er ist ein gescheiterter Student, hat gesellschaftlich keine Bedeutung und lebt vollkommen isoliert in zerrütteten Verhältnissen auf engstem Raum. Dostojewski schreibt: „Es war schwer, ärger zu verkommen und zu verwahrlosen; aber Raskolnikow empfand das in seinem jetzigen Gemütszustand geradezu als angenehm. Er hatte sich völlig von allen Menschen zurückgezogen wie eine Schildkröte in ihre Schale.“ Exakt diese Lebenssituation führt ihn ins Böse: „In der Seele des jungen Mannes hatte sich schon so viel bösartige Verachtung angesammelt, dass er sich trotz aller manchmal sehr jugendlichen Empfindlichkeit seiner Lumpen am allerwenigsten auf der Straße schämte.“
Die Welt ist dem jungen Studenten Raskolnikow also buchstäblich abhandengekommen, bedeutungslos und gleichgültig geworden, er hat die Scham verloren und blickt dabei – in Umkehr seiner eigenen Lebenssituation – selber voller Verachtung auf die anderen Menschen. Da ihm darum eine gute eigene Lebenswirklichkeit nicht mehr möglich ist und durch eine innere Leere ersetzt wird, taucht im Kopf des Raskolnikow plötzlich, aus dem Nichts, der Gedanke auf, dass er doch töten könnte. Er weist diesen Gedanken erst einmal erschrocken von sich, wenn er auf einer belebten Straße in St. Petersburg laut ausruft: „O Gott, wie abscheulich ist das alles! Und will ich denn wirklich, wirklich … Nein, das ist Unsinn, das ist albern! … Und konnte mir wahrhaftig etwas so Entsetzliches in den Kopf kommen? Zu welchem Schmutz ist mein Herz doch fähig! … Wie dreckig, wie ekelhaft, wie widerlich, widerlich!“
Dies ist noch der Einwand im Kopf von Raskolnikow gegen das Töten, der Widerspruch, den er auch denkt. Aber der ist zu schwach! Wie ein Sog zieht der mögliche Mord Raskolnikow immer tiefer in seinen Bann. Wo einem Menschen die soziale Wirklichkeit zerbricht, wo er sich in einer tiefen Verlorenheit wiederfindet, wo gesellschaftliche Teilnahme nicht mehr möglich ist, da also, so erzählt es der Roman Dostojewskis, kann ein Mensch nicht mehr sicherstellen, was er selbst wirklich (!) will, was er wirklich (!) denkt, was er am Ende wirklich (!) tut. Im Untergang von Selbst und Welt geschieht die Katastrophe.
Raskolnikow mordet, um „ein Napoleon zu werden“
Weil Raskolnikow die soziale Welt des Miteinanders, das Mitmensch-Sein verloren gegangen ist, drängt sich ihm ein Mord in seinem Denken, in seiner Seele auf. Wie eine Puppe zieht ihn sein Lebensschicksal in die Finsternis des Tötens hinein: „Der letzte Tag, der auf so unvermutete Art mit einem Schlag alles entschieden hatte, wirkte fast rein mechanisch auf ihn, als hätte ihn irgendwer bei der Hand genommen und mitgezogen, unwiderstehlich, blindlings, mit übernatürlicher Macht, die keinen Widerspruch duldete, genauso, als wäre er mit einem Stück seiner Kleidung in das Rad einer Maschine gekommen und würde jetzt mitgerissen.“ Da ist kein eigener Wille mehr, kein Gefühl für die eigene Identität, kein Bewusstsein für die Schwere seiner Tat; und so mordet er also: „Er zog das Beil ganz heraus, schwang es mit beiden Händen, kaum noch bei Bewusstsein, und ließ es, fast ohne Anstrengung, fast mechanisch, mit dem Rücken auf den Kopf der Alten niederfallen. Er hatte das gleichsam ohne jeden Kraftaufwand getan.“
Und nach dem Mord, was geschieht da mit ihm? „Sonderbarerweise wurde er plötzlich selber völlig gleichgültig gegen die Meinung irgendeines Menschen … Das düstere Gefühl qualvoller, endloser Einsamkeit und Entfremdung wurde unversehens seiner Seele bewusst … Und was am qualvollsten war – es handelte sich hier mehr um eine Empfindung als um ein Wissen, ein Erkennen; nein, um eine unmittelbare Empfindung, die quälendste von allen, die er bisher in seinem Leben erfahren hatte.“ Raskolnikow hat sich jetzt erst einmal ganz verloren. Sein Außenseiterdasein ist nochmals radikal schlimmer geworden. Er spürt seinen Mord als radikale Entfremdung – erst einmal von sich selbst, aber auch von allen anderen Menschen. Aus dem Menschen Raskolnikow ist der Mörder Raskolnikow geworden.
Der Roman „Schuld und Sühne“ zeigt von diesem Zeitpunkt an zwei diametral entgegengesetzte, sich widersprechende Pole im Bewusstsein Raskolnikows. Auf der einen Seite verteidigt er seine Tat vor seiner Geliebten Sonja und vor allem vor sich selbst: „Ich wollte ein Napoleon werden, und deshalb habe ich gemordet … ich habe ja nur eine Laus erschlagen, Sonja, eine nutzlose, widerwärtige, schädliche Laus … und jetzt weiß ich, Sonja, dass der, der stark ist und machtvoll an Geist und Verstand, über die Menschen gebieten kann!“ Der Bedeutungslosigkeit seines isolierten Lebens wollte er also durch eine machtvolle Tat entkommen, sich selber auf diese Weise durch einen Mord, durch den Absturz ins radikal Böse Bedeutung geben.
Auf der anderen Seite aber erlebt er in seinem Innersten schon bald nach seinem Mord einen Geständniszwang; und dem Leser wird schnell klar: Wenn es Raskolnikow gelingt, sein Verbrechen zu gestehen und es zu bereuen, dann gibt es selbst für ihn, für den Mörder Raskolnikow, eine Rückkehr in die Gemeinschaft der Menschen; dann hat selbst er, der Mörder, noch eine Zukunft auf dieser Welt mit seinem erst einmal vertanen Leben. Denn ein Leben im Kreis der anderen Menschen bleibt der Sehnsuchtsort des Mörders Raskolnikow. Und so gehen ihm „irgendwelche Gedanken durch den Kopf . Gesichter von Menschen, die er einst in der Kindheit gekannt hatte … das Billard in einem Gasthaus … Zigarrengeruch in einem Tabakladen … eine Schenke, eine pechfinstere Hintertreppe; und von irgendwoher vernahm er das sonntägliche Glockenläuten“.
Wieder leben, das ist die Sehnsucht des Mörders. Das Böse hinter sich lassen, umkehren, das Leben wieder gewinnen – das ist also gerade für einen, der gemordet hat, die ganz große Sehnsucht, wenigstens im Fall von Raskolnikow. Aber wie geht das?
„Mich selbst habe ich doch umgebracht, nicht die Alte“
Es ist die Liebe, die Raskolnikow zu den anderen Menschen zurückführt. Die Prostituierte Sonja, die Dostojewski als Heilige konzipiert, erkennt das furchtbare Schicksal des Mörders: „Was haben Sie sich da angetan?“, ruft sie aus, als ihr Raskolnikow seinen Mord gesteht. Sie wiederholt so das, was Raskolnikow schon vorher über sich selbst erkennt, wenn er sagt: „Mich selbst habe ich doch umgebracht, nicht die Alte! Mit einem Schlag habe ich mich getötet, für alle Zeiten!“ Den Zusatz „für alle Zeiten“ vermögen allein die Liebe, die Reue und die Rückkehr zu Gott zu verändern. Sonja fordert ihren geliebten Freund Raskolnikow deshalb auf: „Geh jetzt, (…) stell dich an die Straßenecke, beuge dich nieder, küsse zuerst die Erde, die du geschändet hast, und dann verneige dich nach den vier Seiten vor aller Welt und sage laut: Ich habe getötet! Dann wird dir Gott dein Leben wiederschenken.“
Liebe, Reue, der Weg zu Gott zurück – das ist der einzige Pfad, der aus dem Bösen heraus in die Gemeinschaft der Menschen zurückführt, so beschreibt es Dostojewski. Für Raskolnikow ist selbst von dort der Weg noch weit. Immer wieder schwankt er zwischen der Selbstrechtfertigung seines Tuns und dem neuen, guten Weg, der aber am Ende siegen wird. Sonja folgt dem Freund nach seinem Geständnis ins Strafgefangenenlager nach Sibirien. Sie liebt ihn aus ganzem Herzen – und erst dort, in der Härte des Lagers und in der Kälte Sibiriens, entdeckt auch er seine tiefe Liebe zu ihr, die ihn ins Innerste der Liebesmöglichkeiten seines Herzens zu Gott und den Menschen zurückführt. „Er war auferstanden und wusste das, fühlte es mit seinem ganzen erneuerten Wesen“, so beschreibt Dostojewski die innere Wendung und Erneuerung seines Helden.
Und so verlässt Raskolnikow also die Welt des Bösen, er kehrt zurück zu Gott und den anderen Menschen. „Doch hier beginnt schon eine neue Geschichte – die Geschichte … seines allmählichen Übergangs aus einer Welt in die andere, die Geschichte seiner Bekanntschaft mit einer neuen, ihm bisher völlig unbekannten Wirklichkeit.“ So schließt Dostojewski das Buch des Mörders Raskolnikow, der am Ende, geläutert durch seinen Glauben und seine Liebe, in einer neuen Welt erwacht.
Straubinger Tagblatt vom 31. Dezember 2025