Die Macht des Bösen – Teil 2: Für den Psychologen Arno Gruen führt der Verlust des Selbst zu gefährlichen Formen der Subjektwerdung

In der glänzenden Analyse des Arztes und Philosophen Dieter Wyss (†) wurde erkennbar, dass Menschen immer in der Gefahr stehen, böse zu sein oder böse zu werden. (Siehe unsere Ausgabe vom 24. Dezember 2025, „Magazin zu Weihnachten“, Seite 5) Der Begriff von Wirklichkeit, wie er sich bei Dieter Wyss zeigt, bedeutet einen ganzheitlichen Ansatz, der sich gerade einem moralischen Reduktionismus verweigert.Im Namen der Moral, im Namen des Guten, im Namen der Gerechtigkeit werden oft genug die größten Gräueltaten verübt. Alle Abstraktionen, gerade auch die moralische Aufforderung zum „Guten“, tragen deshalb für Dieter Wyss den Keim des Bösen in sich. Denn die Wirklichkeit in ihrer immer ambivalenten Grundstruktur wird so aus dem Auge verloren und der andere Mensch in seiner unmittelbaren und einmaligen Existenz wird, wo „im Namen von“ gesprochen wird, allzu leicht auf den Begriff und um seine unvertretbaren Lebensrechte gebracht.

Die Devise heißt: Frieden halten oder Frieden stiften

Zwar gilt für Wyss: „Das nur dem Menschen zuzusprechende Vermögen zur Abstraktion ist selbstredend die Voraussetzung für jegliche Form des technischen, ökonomischen und vor allem auch medizinischen Fortschritts.“ Aber: „Durch die Reduktion (gemeint: Abstraktion) wird die Umwelt zum Gegenstand, und es verschränken sich quantitativ berechnende Wissenschaft, Vernichtung, Tod und damit manifestiert sich das Böse.“ Der einzelne Mensch mit seinem unverwechselbaren Namen und seinem nicht ersetzbaren Leben wird so aus dem Auge verloren.

Vor allem Soziologen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es die arbeitsteilige, an der Funktion des Menschen orientierte Gesellschaft ist, die am Ende die ganzheitliche Würde des Einzelnen aus dem Blick verliert, so dass sich dann die Menschen bis hin zum mörderischen Einsatz in einem Krieg manipulieren lassen. Von einem Flugzeug aus, das Bomben auf Städte fallen lässt, sind die Häuser und Menschen, die es trifft, eben nur kleine abstrakte Punkte auf dem Erdboden, die von oben herab kaum wahrnehmbar sind. Für Wyss ist deshalb „der Krieg die denkbar radikalste Verwirklichung des Bösen“, und er urteilt: „Die eigentlichen Vernichter, die im Handwerk der Vernichtung Wetteifernden sind jedoch nicht allein die Täter des Krieges, sondern ihre Anstifter und ihre überdimensionale Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Einzelnen: die Politiker. Deren Vabanque-Spiel als Ausdruck von Herrschaftsgelüsten und Interessengegensätzen vor allem auch ökonomischer Art gilt es anzuprangern.”

Wer würde da nicht zuerst an Wladimir Putin, aber dann eben auch an Wolodymyr Selenskyj oder Benjamin Netanjahu denken, die im laut ausgerufenen Namen des notwendigen Abwehrkampfes nicht weniger rücksichtslos dem Kriegsgott dienen und ihre Männer, aber oft genug auch Frauen in Kriegen regelrecht verheizen. Oder auch denken an die Worte von Papst Franziskus, der den Priester und Pazifist Don Lorenzo Milani zitiert: „Unsere Lehrer hatten vergessen, uns auf eine Binsenweisheit aufmerksam zu machen, nämlich dass die Heere immer dem Befehl der herrschenden Klasse unterstehen.“ Für alle Soldaten, die das im Krieg dann aushalten und austragen müssen, gilt nach Franziskus: „Mit der Zeit begriffen die meisten, dass die Feinde, aus der Nähe betrachtet, von Auge zu Auge, keineswegs die missgestalteten Ungeheuer waren, als die sie von der Kriegspropaganda gezeichnet wurden. Sie waren arme Schweine, genau wie die auf der anderen Seite.“

Gegen eine abstrakte Moral, die Kriege für akzeptabel erklärt und nicht radikal in Frage stellt und die im Namen des „guten Krieges“ vordenkt und am Ende das Töten allzu schnell und leichtfertig rechtfertigt, fordert Dieter Wyss „einen vertieften Normbegriff, der der Gebrochenheit der menschlichen Existenz, ihrer primären Desintegration und ihrer permanenten moralisch-ethischen Gefährdung gerecht zu werden vermag“. Übersetzt in eine einfachere Sprache: Mensch, verstehe, dass keiner auf dieser Welt nur gut ist oder nur böse und versuche, mit dieser Haltung Frieden zu halten oder Frieden zu stiften, anstatt in eine Spirale der Gewalt einzutreten, die dann in ihrer Eigendynamik immer mehr an Wucht gewinnt!

Es ist der Blick auf den einzelnen Menschen und die Begegnung mit ihm, die nach Dieter Wyss vom Bösen weg und in den Frieden hineinführt. Daran gelte es zu arbeiten. Nur im Blick auf den Anderen und in der wahren Begegnung mit ihm verliere das Böse seine ungeheure Kraft. Alle Kriege werden am Ende eben nicht auf dem Schlachtfeld, sondern an einem Verhandlungstisch entschieden, so formulierte das vor kurzem ein führender österreichischer Politiker. Wenn das wechselseitige Morden endet, der Verstand zurückkehrt – und das Sprechen miteinander neu beginnt.

Damit aber stellt sich die Frage nach dem einzelnen Menschen – und dem, was in ihm ist. Dieter Wyss arbeitet als kluger psychoanalytischer Diagnostiker unserer Zeit vor allem die anthropologischen Voraussetzungen und die gesellschaftlichen Fliehkräfte heraus, die ins Böse hineinführen. Aber was ist im einzelnen Menschen? Wie kann es geschehen, dass der Einzelne gerade nicht zum Erkennen des Anderen als wertvollem Mitmenschen kommt? Jeder Mensch hat doch auch die Chance, aus gesellschaftlichen Zwängen und Mechanismen herauszutreten und die Frage nach dem Sinn seines Lebens zu stellen und so den Blick auf den Mitmenschen zu richten. Was sind also die Entfremdungsprozesse auf der Ebene des Einzelnen, die dahin führen, dass Menschen sich am Ende wirklich radikal ans Böse verlieren?

Das Einfallstor des Bösen ist ein deformiertes Selbst

„Der Fremde in uns“, mit diesem Buchtitel verweist der Psychoanalytiker Arno Gruen (†) schon im Titel seines im Jahr 2000 erschienenen Buches auf die Subjektebene des Bösen. Arno Gruen, der mit seiner Familie 1936 vor den Nazis nach Amerika fliehen musste und später in der Schweiz lebte und arbeitete, hat sich mit den Ursachen des Bösen auf der Ebene des einzelnen Menschen ein Leben lang auseinandergesetzt und seine wesentlichen Erkenntnisse in diesem kleinen Buch zusammengefasst. Gruen geht davon aus, dass jeder Mensch in sich ein unverwechselbares „Selbst“ hat, genauer gesagt: ist, das dann, wenn es aus den verschiedensten Gründen deformiert wird, ins Böse umschlägt. Ein Mensch, der ganz er selbst sei, der sich selbst gefunden habe und aus dieser Quelle heraus leben darf und kann, ist kaum zum Bösen geneigt, so Gruen.

Am Beispiel der führenden Nationalsozialisten des 20. Jahrhunderts zeigt er auf, wie familiär zerstört dagegen bereits deren kindliche Welt am Anfang ihres Lebens war. Wo das Selbst von Anfang an beschädigt ist, gerät eine Person dann im Laufe ihres Lebens – wie an einer Schnur gezogen – immer tiefer in die Welt des Bösen und des Mordens, so Arno Gruen. Von Adolf Hitler über Hermann Göring bis zu den Abertausenden, die ihnen folgten.

Dort, wo die Identität in der eigenen Familie nicht gefunden werden könne, führe der Weg in die Abgründe des Bösen – für Hitler selbst, aber gerade auch für die vielen, die von ihm so tief fasziniert waren. So schreibt Gruen über Adolf Hitler: „Hier liegt die Ursache für den beeindruckenden Erfolg Hitlers, dem es gelang, seinen eigenen Verfolgungswahn als tatsächliches Erlebnis auf die gesamte deutsche Nation zu übertragen.“Wie Gruen herausarbeitet, wurzelte der Wahn Hitlers in seinem Selbstverlust. „Was bleibt“ von einem Menschen, so Gruen, „wenn all das“, was ihm „eigen ist und ihn als Individuum ausmacht, verworfen und zum Fremden gemacht wird?“ Wo wahre Identität durch Identifikation ersetzt werde, wie das im Dritten Reich geschah – bei den führenden Politikern, aber auch bei den Menschen, die ihnen folgten –, da gewinne das Böse in jedem einzelnen Menschen seine Macht. Statt eine „eine innere Kohärenz“ zu entwickeln, die ein dauerhaftes „Identitätsgefühl“ möglich machen würde, sinken solche Menschen auf Schwundstufen des Menschseins zurück. Ihr Leben bewegt sich im Kreislauf von Autoritätsgläubigkeit und Gehorsam, von Selbstentfremdung und Selbstverlust, was am Ende tief in die Gewalt führe.

Gruens Schlussfolgerung: „Die für unsere Kultur typische Identität, die auf einer Identifikation mit Angst einflößenden Autoritäten beruht, ist ständig von Auflösung bedroht. Solche Menschen können ihr Selbst nur durch die Schaffung von Feindbildern konsolidieren.“ Die gescheiterte Selbstfindung im einzelnen Menschen führt also in die Gewalt und in das Böse. Mit Blick auf die Welt Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reichs bilanziert Gruen: „Unser Zeitalter verkörpert die Kulmination einer Entwicklung zur Unmenschlichkeit, es ist das Resultat eines Verlustes unseres Menschseins. Das 20. Jahrhundert treibt diese Entwicklung sozusagen auf die Spitze, und wir sind noch längst nicht am Ende. Carl Amery (1998) nennt Hitler einen Vorläufer. Ich schließe mich dieser Einschätzung an. Hitler war der Vorläufer eines Prozesses, der noch immer in vollem Gange ist.“

Den Schmerz des eigenen Lebens zulassen

Mit Blick auf die gewalttätigen ethnischen Konflikte allerorten auf der Welt in diesen Tagen und dem Erstarken der AfD in unserem eigenen Land wird man dem zustimmen können. Es kommt hinzu, dass eine übersteigerte Konsum- und Leistungskultur mitsamt einer digital überladenen Medienwelt die Menschen heute immer weiter von sich selbst wegführt. Arno Gruen zeigt auf, wie das Böse – gleichsam als Leerstelle des Selbst in jedem einzelnen Menschen – dann am Ende in Gewalt und in Kriege hineinführt, wenn er Hermann Göring als zweiten Mann in Hitlers Drittem Reich so zitiert: „Nun natürlich, das Volk will keinen Krieg. Warum sollte irgendein armer Landarbeiter im Krieg sein Leben aufs Spiel setzen wollen, wenn das Beste ist, was er dabei herausholen kann, dass er mit heilen Knochen zurückkommt. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen … Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr.“ Klingt aktuell!

Und das Gegenrezept? Den Schmerz des eigenen Lebens zulassen, fordert Gruen. Nicht weglaufen vor der eigenen Lebenssituation, die immer auch schmerzhaft sei. Wer den eigenen Lebensschmerz zulassen könne und so zu sich selbst finde, der werde auch fähig, Empathie für andere Menschen zu entwickeln. Arno Gruen arbeitet vor allem heraus, dass es der einzelne Mensch in seinem Selbstsein ist, der die entscheidende Kategorie des Menschenseins ist – und nicht die Identifikation und „Zugehörigkeit“ zu einer Gruppe oder Nation: „Diese Abstrahierung macht ein empathisches Erleben des anderen unmöglich.“ Echte Selbstfindung statt Identifikation mit wem oder was auch immer. Wo viele einzelne Menschen sich dagegen selbst ganz verlieren, da gerät eine ganze Kultur in Schieflage. Das Böse gewinnt seine Macht und seine Kraft.

Straubinger Tagblatt vom 27. Dezember 2025